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Staatlicher Anbau : Mit Cannabis gegen Krebs: Hype oder Hoffnung?

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Hilft Cannabis gegen Krebs oder nicht? Manche Mediziner zweifeln, viele Patienten nicht.

Berlin | Krebs ist eine tückische Krankheit: Sie lässt Menschen bangen, verzweifeln, aber auch hoffen. Hoffen auf die Wirkung von Chemotherapien, Bestrahlungen - und manchmal auch auf medizinisches Cannabis. Wer im Internet Informationen zu der Pflanze sucht, findet vor allem eines: Versprechen. Das Größte davon: Cannabis könne Krebs heilen. Das behauptet der Kanadier Rick Simpson.

In Deutschland wird Cannabis neuerdings für medizinische Zwecke staatlich angebaut. Erste Ernten soll es 2019 geben. Die Droge soll Schmerzpatienten helfen, ihre Leiden zu lindern. Darüber hinausgehende heilende Kräfte der Pflanze beim Menschen sind umstritten, weil es bisher zu wenige wissenschaftliche Belege gibt.

In unzähligen Videos, Büchern und in den sozialen Netzwerken predigt der Rentner Simpson von der heilenden Wirkung eines durch Cannabis gewonnenen Öls. Ihn selbst habe es von Hautkrebs befreit, lässt Simpson die Welt wissen. Seine Geschichte spricht sich herum. Todkranke Menschen rund um den Globus behandeln sich in Eigenregie mit dem Hanf-Öl. Deutsche Mediziner sehen das kritisch.

„Rick Simpson ist kein Arzt, was er macht ist fahrlässig“, sagt Mediziner Franjo Grotenhermen im nordrhein-westfälischen Rüthen. Der Arzt ist Vorsitzender einer internationalen Arbeitsgemeinschaft für Cannabis als Medizin und setzt sich seit Jahren für die Anwendung der Pflanze in der medizinischen Therapie ein. Grotenhermen ist sich sicher: „Cannabis ist kein Wundermittel, es ist eine Möglichkeit.“

Eine Cannabisagentur beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), die den staatlichen Anbau in Deutschland überwacht steht vor dem Start, teilte das Institut am Freitag in Berlin mit. Der Weg für Cannabis als Medizin auf Kosten der Krankenkassen wird durch ein neues Gesetz von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) frei. Allerdings geht es dabei erst einmal nicht um die direkte Behandlung von Krebs. Eine exakte Definition der Krankheitsbilder gibt es im Gesetz aber auch nicht.

Zuverlässige wissenschaftliche Belege für die von Rick Simpson angepriesene krebsheilende Wirkung der Pflanze gebe es nicht, sagt Mediziner Grotenhermen. „Es gibt Hinweise, dass einige Wirkstoffe von Cannabis wie Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) krebshemmend sind, sie können das Ergebnis von Standardtherapien verbessern - bei Mäusen und Ratten.“ Dass es beim Menschen auch so sei, könne man nur hoffen.

Denn das tatsächliche Wissen über die Wirkung der sogenannten Cannabinoide bei Tumorerkrankungen beschränkt sich bisher fast nur auf Zellstudien und Tierversuche.

Vor zwei Jahren bekam eine Untersuchung des deutschen Pharmakologen Burkhard Hinz viel Aufmerksamkeit. Der Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie der Universitätsmedizin Rostock brachte mit Hilfe von Cannabinoiden Krebszellen im Laborversuch zum „platzen“. Das feuerte die Diskussion um die Heilkraft der Pflanze weiter an.

Der Pharmakologe selbst bleibt aber vorsichtig: „In der Vergangenheit haben viele neue Antikrebsstrategien, die in präklinischen Untersuchungen hoffnungsvoll erschienen, den Sprung in die Klinik nicht geschafft, weil sie beim Menschen nicht die vermutete Wirkstärke zeigten“, erklärt Hinz.

In der Pflanze sieht der Wissenschaftler perspektivisch einen interessanten Kandidaten für die Behandlung von Krebs - eventuell. Denn wie genau Cannabinoide im komplexen menschlichen Organismus wirken, bleibe weiter offen.

Angesichts der überschaubaren Datenlange könne man die weitere Entwicklung nur schwer prognostizieren. „Fakt ist, dass Cannabinoide im Labor nicht nur einen, sondern mehrere Angriffspunkte innerhalb der Entwicklung und Ausbreitung von Tumoren haben“, sagt Hinz. Für den Pharmakologen bleibt die Erforschung der Substanzen weiter wichtig.

Bisher haben rund 1000 Patienten etwa mit schweren Schmerzen eine Ausnahmegenehmigung für Cannabis. Alleine für sie würden 365 Kilogramm Cannabis pro Jahr benötigt. Ärzte gehen davon aus, dass die Zahl der Cannabis-Therapien nach der Freigabe steigen wird. Die Ausnahmegenehmigungen sollen nach einer dreimonatigen Übergangsfrist auslaufen, Patienten brauchen sie dann nicht mehr. Heute müssen sie den Cannabis in der Regel noch selbst bezahlen.

Das BfArM rät Patienten ab, die getrockneten Cannabisblüten zu rauchen, doch steht den Patienten auch dies offen. Ölige Lösungen und Tropfen stehen als Alternative zur Verfügung, zum Inhalieren oder Schlucken.  „Es geht hier tatsächlich nicht um Kiffen oder Joint auf Rezept“, sagte Gesundheitsstaatssekretär Lutz Stroppe. Eine Freigabe von Cannabis als Rauschmittel sei nicht geplant. Eine der Aufgaben der Cannabisagentur ist es, eine Umleitung des Stoffs auf den illegalen Markt zu verhindern.

Bisher ist nicht klar eingegrenzt, welche Patienten den Stoff bekommen sollen. Cannabis kann etwa helfen bei Multipler Sklerose, gegen chronische Schmerzen bei Neuropathie oder Rheuma. Wirksam ist der Wirkstoff der Hanfpflanze auch bei Appetitlosigkeit unter anderem infolge von Krebs. Eine Begleitforschung soll Daten darüber liefern, wem Cannabis genau hilft.

Die Cannabisagentur wird laut BfArM nach dem in Kürze erwarteten Inkrafttreten des Gesetzes ein EU-weites Ausschreibungsverfahren starten und dann Aufträge zum Anbau in Deutschland erteilen. Sie nimmt das Cannabis nach der Ernte in Besitz, die Abgabe läuft dann über Apotheken. Bis der Anbau in Deutschland stattfindet, soll Cannabis als Medizin weiterhin aus den Niederlanden und Kanada importiert werden. 

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erstellt am 03.Mär.2017 | 13:20 Uhr

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