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Panorama

09. Dezember 2016 | 03:11 Uhr

Mongols, Osmanen, Bahoz : Konkurrenz für Hells Angels und Bandidos: Wie sich die Rockerszene verändert

vom

Schüsse, Schlägereien, Streit um Macht: Immer wieder bricht zwischen rivalisierenden Rockern Gewalt aus. Neue Namen machen sich in der Szene breit. Ein Überblick.

Die Liste der Gewalttaten wird länger. Im April wird ein Rocker der United Tribuns im schwäbischen Heidenheim niedergeschossen. Am Himmelfahrtstag werden auf einem belebten Platz in der Frankfurter Innenstadt zwei Männer durch Schüsse schwer verletzt - die Ermittler gingen von einer Fehde zwischen verschiedenen Gruppen der Hells Angels aus. Im Juni fallen tödliche Schüsse auf ein Tribuns-Mitglied in Leipzig. Revierkämpfe in der Rockerszene eskalieren mit einer beängstigenden Regelmäßigkeit.

Nachdem in Schleswig-Holstein mehrere Rocker-Clubs verboten wurden, hoffte man auf Ruhe. Doch auch wenn einzelne Vereine der Hells Angels und Bandidos zerschlagen sind, machen einige Mitglieder anderweitig weiter. In Hamburg kam es zuletzt wieder zu Auseinanderesetzungen - diesmal mit den Mongols.

„Wir erleben eine Renaissance der Rockergruppen“, warnt Ulf Küch, Leiter der Kripo Braunschweig und stellvertretender Chef des Bunds Deutscher Kriminalbeamter (BDK). In den vergangenen Jahren seien einige Bundesländer hart gegen Rocker vorgegangen, nun lasse der Druck aber nach. „Und da machen sie jetzt munter weiter.“ Die Polizei verfüge nicht über die nötigen Kapazitäten, und die Behörden hätten viele andere Baustellen im Blick, etwa den islamistischen Terrorismus.

Die Szene ist in Bewegung. Das Bundeskriminalamt (BKA) zählte zuletzt bundesweit rund 9300 Rocker in mehr als 600 Chaptern, also lokalen Ablegern. Es gebe aber mehr und mehr Gruppen, „die die Organisationsstruktur und das äußere Erscheinungsbild von Rockergruppierungen übernehmen bzw. nachahmen“. Neben den alten Motorradclubs wie den Hells Angels oder den Bandidos expandieren jüngere Gruppen - weniger Motorradromantik, weniger Ideologie, aber umso mehr Gewalt. „Die alten Gruppen verlieren an Macht, weil die neuen erheblich gewalttätiger sind“, sagt Küch.

Die Mitglieder sind laut BKA häufig junge Migranten, die dort „ein Zusammengehörigkeitsgefühl finden, das ihnen andernorts versagt wird“. Die neuen Gangs sind zudem durchlässiger. Namen und Loyalitäten wechseln häufiger, der Ehrenkodex zählt nicht so viel. „Große Vereine haben sehr strenge Aufnahmeregeln und langjährige Aufnahmeprozesse“, sagt der Passauer Anwalt, Kriminologe und Rocker-Experte Florian Albrecht. „Da scheinen sie sich von Streetgangs zu unterscheiden.“ Gruppen wie die in Villingen-Schwenningen gegründeten United Tribuns sprießen aus dem Boden und geraten dadurch in Konflikt mit den etablierten Rockern. Die Straßengangs bestehen aus Bodybuildern, Kampfsportlern, Türstehern. Auch ethnische Konfliktlinien werden ausgefochten, etwa zwischen den türkisch-nationalistischen Osmanen und den kurdischen Bahoz.

Meist geht es aber ums Geschäft, um Geld und Geltung. „Die Konflikte entspringen weniger den alten Territorialstreitigkeiten von Rockern, die Reviere markieren, als vielmehr dem Streben nach Geld“, sagt Rocker-Experte und „Spiegel Online“-Chefreporter Jörg Diehl. Die Gangs verdienen ihr Geld mit Drogen, Prostitution und Schutzgelderpressung. „Da hilft ihr martialisches Auftreten, weil sie allein durch ihr Auftreten Angst und Schrecken verbreiten - das ist Teil der Geschäftsidee“, sagt Küch.

Aber auch persönliche Konflikte spielten eine wichtige Rolle, sagt Diehl. Schießereien wie in Leipzig hätten auch immer mit diesem „seltsamen Ehrbegriff“, zu tun. „Der hat schlecht über mich geredet, das muss ich geraderücken“, sagt Diehl. „Das ist ein Funke, und plötzlich entsteht ein Clubkrieg.“ „Was die Lage so brisant macht, ist, dass es keine klaren Fronten mehr gibt und dass die Clubs nicht mehr so diszipliniert funktionieren wir früher“, warnt Diehl. Früher hätten Alphatiere Ansagen gemacht - wo es lang geht, gegen wen gekämpft wird und wann der Krieg auch wieder vorbei ist. Heute würden Fronten verschwimmen.

Der BDK fordert ein Verbot krimineller Rockergruppen. Die Polizei müsse sich besser vernetzen, sagt Küch. „Unser föderales System ist ein Handicap.“ Doch die Ermittler tun sich schwer in der Szene. Es gilt die Omertà, das Gesetz des Schweigens, wie in der Mafia. „Die Gruppen schotten sich sehr ab. Wer redet, setzt sich höchster Gefahr aus.“

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erstellt am 28.Jul.2016 | 11:36 Uhr

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