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„Borowski und das dunkle Netz“ : Kieler „Tatort“ zum Darknet spielt mit Nerd-Klischees

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Das Darknet und Cyberkriminalität sind die Themen des neuen Tatorts. Zuschauer können live während der Sendung über Twitter die Fachleute der Polizei befragen.

Kiel | „Mord ist Mord“ – mit dieser brutalen Logik nimmt Klaus Borowski am Sonntag die Ermittlungen in seinem neuesten Fall auf. Mord ist Mord, egal ob das Opfer ein Beamter des Landeskriminalamtes (LKA) ist oder die Spuren tief ins Internet führen. So sieht es aus in „Borowski und das dunkle Netz“.

Am Anfang steht ein spektakulärer Anschlag. Ein mit einer Wolfsmaske bekleideter Mann stürmt in ein Fitnessstudio und schießt wahllos um sich. Doch er hat ein Ziel: Jürgen Sternow, Leiter der Spezialabteilung Cyber-Crime des LKA Kiel. Er muss einsam in einem schummrig beleuchteten Umkleideraum sterben. Der Täter entkommt. Es liegt nahe, dass sich das Ermittler-Duo Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) auf Spurensuche im Umfeld der wachsenden Internetkriminalität begeben – im sogenannten Darknet. Ist Sternow den dunklen Machenschaften im Netz zu nahe gekommen?

Es ist ein ungewöhnlicher Tatort. Nicht nur, dass der wortkarge und alles andere als technikaffine Kommissar zum Cyber-Ermittler wird. Drehbuch und Umsetzung dürften polarisieren: Drastisch überzeichnete Gewaltdarstellungen (ein abgeschnittener Finger), sarkastische und vor Ironie triefende Dialoge („Mein Vater war wie Sie: alt und frustriert“), viel schwarzer Humor und nackte Haut. Borowski wird in einem Erklär-Film über das Darknet sogar zur 3D-animierten Pixelfigur. In einer Szene führt die Verfolgungsjagd die bewaffnete Kommissarin Brandt durch die Sparkassen-Arena, während eines Spiels des THW Kiel. Dieser Tatort bricht mit den Sehgewohnheiten – auch wenn man das wiederum mittlerweile von der Serie gewohnt ist, die wie keine andere für das klassische deutsche Fernsehen steht.

„Borowski und das dunkle Netz“ ist aber auch Persiflage eines Genres, das derzeit Hochkonjunktur hat: der Hackerfilm. Die Bedrohung aus dem Internet war bereits Thema in diversen Tatort-Folgen. Kaum ein aktuelles Serien-Format kommt heute noch ohne auf Tasten hämmernde Computer-Nerds aus. Erst gestern startete mit Amazons erster deutschen Streaming-Serie „You Are Wanted“ ein ähnliches Exemplar. In sechs Folgen muss Matthias Schweighöfer als junger Hotelmanager erleben, wie sein beschauliches Leben durch einen Hacker-Angriff komplett aus den Fugen gerät.

Es verwundert also nicht, dass das Thema auch auf die Agenda des Kieler Tatortes rutscht. „Hacker sind seit dem Ende der 1970er Jahre immer wieder mal Thema gewesen“, beobachtet  Medienwissenschaftler Tobias Hochscherf von der Fachhochschule Kiel. Anfangs seien Computerspezialisten aber eher Nebenfiguren gewesen, die den Helden unterstützen – „im besten Fall der verschrobene Nerd und im schlechtesten Fall der Trottel, der außer seine Computer nichts auf die Reihe bekommt“.

Heute ist das „Nerdsein“ in der Mitte der Gesellschaft angekommen und schick geworden. „Im Film werden sie zu handlungstragenden Figuren, die auch Sympathieträger und die Haupthelden sind“, so Hochscherf im Gespräch mit unserer Zeitung. Sie werden differenzierter gezeichnet, können gut oder  böse sein und bekommen eine eigene Persönlichkeit.

Der Kieler Tatort spielt mit diesen Klischees. Sarah Brandt und Klaus Borowski werden von zwei Spezialisten des LKA unterstützt, die klassischere Nerds nicht sein könnten. Sie tragen T-Shirts mit Mathematiker-Wortwitzen und haben in ihrem „Büro“ (sie arbeiten im Keller) einen großen roten, mit dem Internet verbundenen Knopf, über den sich Pizza bestellen lässt. Mit Sarah Brandt ist auch eine Hauptfigur Hackerin. Der analoge Borowski steht so stellenweise ziemlich alleine da. Für Hochscherf ist das klassische Dramaturgie: „Die Gegensätze treffen aufeinander. Das sorgt für Konflikte.“

Dass Sibel Kekilli als türkischstämmige Schauspielerin die Hackerin mimt, ist für den Medienwissenschaftler ebenfalls ein klassisches Merkmal von Hackerfilmen. „Hacker werden oft durch Minderheiten verkörpert. Es ist eine Möglichkeit, sich zu beweisen, ohne dass Hautfarbe und Herkunft eine Rolle spielen.“ Der Underdog, der dank Computerwissen unersetzbar wird – auch so ein Klischee, das der Tatort hätte brechen können.

Der Kieler „Tatort“ wird auch zu einem Fall für echte Kriminalisten: Die schleswig-holsteinische Landespolizei rüstet sich für einen abendlichen Twitter-Einsatz: Das Social-Media-Team der Polizei begleitet den Film im Internet über den Kanal @sh_polizei live. Für Fragen und Fakten stehen außerdem eine Expertin des Landeskriminalamtes für digitale Spuren und ein erfahrener Mordermittler zur Verfügung.

Einen ausführlichen Artikel des Twitter-Einsatzes der Polizei lesen Sie nach dem Tatort am Sonntag auf shz.de.

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erstellt am 17.Mär.2017 | 15:52 Uhr

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