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Panorama

05. Dezember 2016 | 19:42 Uhr

Folter-Paar : Horror-Haus von Höxter: Brutale Details zum Prozessauftakt

vom

Ein Paar soll Frauen mit Kontaktanzeigen angelockt und sie dann gequält haben. Zwei Frauen starben.

Paderborn | Die Berichte über das „Horror-Haus von Höxter“ waren schockierend: Ein geschiedenes Ehepaar soll mit Kontaktanzeigen Frauen in sein Haus in Ostwestfalen gelockt haben. Laut Anklage bauten die zwei Vertrauen zu ihren Opfern auf und quälten sie dann auf abscheuliche Art. Zwei Menschen überlebten das Martyrium nicht. Der Mordprozess hat am Mittwoch mit brutalen Details begonnen.

Es geht um einen der grausigsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre. Zwei Frauen wurden getötet, von der einen fehlt aber die Leiche - und es gibt noch mehr Opfer. Experten erwarten einen langwierigen Prozess.

Zum Start im Prozess um das „Horror-Haus“ von Höxter hat die Staatsanwaltschaft grausame Details aus der Leidenszeit der Opfer geschildert. Mit schwersten körperlichen Misshandlungen und seelischen Grausamkeiten sollten die Opfer gefügig gemacht werden, wie Oberstaatsanwalt Ralf Meyer vor dem Landgericht Paderborn sagte. Über 20 Minuten lang schilderte der Ankläger am Mittwoch, wie die späteren Todesopfer aus Niedersachsen mit Tritten, Schlägen, Verbrühungen und Gift misshandelt worden seien. „Dabei gaukelten die Angeklagten den Frauen zuerst die große Liebe des 46-jährigen Wilfried W. vor, nachdem sie mit Zeitungsanzeigen nach Ostwestfalen gelockt worden waren“, sagte Meyer.

Ziel sei es gewesen, Frauen für W. als Leibeigene für alle Lebenslagen zu bekommen. Den Willen der Frauen sollen die beiden Angeklagten systematisch mit Gewalt gebrochen haben. Dazu ketteten sie sie den Schilderungen zufolge stundenlang an, traten den Frauen die Beine weg oder verbrühten deren Haut. Schlafen mussten sie nachts in der kalten Scheune. Eine der Frauen sei angekettet fast in einer volllaufenden Badewanne ertrunken.

Eine Chronologie der bislang bekannten Fakten

1995: Das Amtsgericht Paderborn verurteilt den damals 25-jährigen Wilfried W. im August zu zwei Jahren und neun Monaten Haft. Der Grund: Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Nötigung. Wie die „Neue Westfälische“ damals berichtete, soll er seine damalige Ehefrau misshandelt und gequält haben - gemeinsam mit einer Komplizin.

1999: Der gebürtige Bochumer lernt die in Herford geborene, heute 47-jährige Beschuldigte Angelika B. kennen. Sie heiraten nach wenigen Wochen.

2011: Im Ortsteil Höxter-Bosseborn mietet das Paar einen Hof. Zuvor wohnten sie im 50 Kilometer entfernten Schlangen in Lippe.

Ende 2011 bis März 2012: Mehr als drei Monate lang soll eine heute 51-Jährige Frau aus Berlin in Höxter misshandelt und gefangen gehalten worden sein. Später wird sie von den Beschuldigten in einen Zug nach Hause gesetzt. Sie traut sich erst 2016, bei der Polizei auszusagen, als sie in Medienberichten das Haus wiedererkannt hat.

2013: Das Paar lässt sich scheiden. Über eine Zeitungsanzeige kommt die 33-jährige Annika W. aus Niedersachsen nach Bosseborn. Bereits nach kurzer Zeit heiratet sie Wilfried W., der weiterhin mit seiner Ex-Frau in dem Haus wohnt. Gemeinsam sollen sie die 33-Jährige gequält haben, wie aus den Aussagen der festgenommenen Komplizin hervorgeht.

1. August 2014: Die misshandelte Frau stirbt an ihren Verletzungen. Das Paar soll die Leiche in einer Tiefkühltruhe eingefroren, später zerstückelt und verbrannt habe. In der Folgezeit schicken die beiden immer wieder SMS-Nachrichten an die Mutter des Opfers. Die geht deshalb noch bis Ende April 2016 davon aus, dass ihre Tochter lebt.

Februar 2016: Die 41-jährige Susanne F. aus dem niedersächsischen Bad Gandersheim reagiert auf eine Zeitungsanzeige und kommt im März in das Haus. Über mehrere Wochen wird sie festgehalten und misshandelt.

21. April 2016: Mit der schwer verletzten Frau im Auto fährt das Pärchen in Richtung Bad Gandersheim. Eine Autopanne durchkreuzt den Plan. Sie entscheiden sich, einen Rettungswagen zu rufen. Das Opfer stirbt einen Tag später, die Ärzte schalten die Polizei ein.

27. April 2016: Der 46-jährige Tatverdächtige und seine Partnerin werden vorläufig festgenommen. Das Amtsgericht Höxter erlässt einen Tag später Haftbefehl wegen Totschlags.

3. Mai 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft geben bei einer Pressekonferenz Details zu den bisher untersuchten Fällen bekannt. Die Beschuldigte hatte nach Aussage der Ermittler umfassend und glaubhaft über beide Todesfälle ausgesagt. Der 46-Jährige bestreitet bislang jede Schuld. Die Polizei sucht nach weiteren Frauen, die in der Gewalt des Paares in Bosseborn gewesen sein könnten.

11. Mai 2016: Bei der Polizei haben sich mehrere Frauen gemeldet, die durch das Paar finanziell geschädigt worden sein sollen.

13. Mai 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft bestätigen, dass die Ermittler auf dem Grundstück über 100.000 Euro und etwas 20 Mobiltelefone gefunden haben, die sowohl Opfern als auch Tätern zuzuordnen sind.

20. Mai 2016: Leichenspürhunde suchen an einer Landstraße nach Überresten des ersten Todesopfers Anika F. aus Niedersachsen - ohne Erfolg.

26. Mai 2016: Die Polizeidirektion Göttingen überprüft Vorwürfe gegen eine Wache in Uslar in Niedersachsen. Die Beschuldigten sollen dort im Jahr 2012 mit einem Opfer vorstellig geworden sein. Diese Frau sollte vor Polizeibeamten eine Erklärung unterschreiben, dass sie freiwillig in Höxter-Bosseborn war. Die Polizisten ließen sich darauf nicht ein, auf ein Fehlverhalten gibt es keine Hinweise.

13. Juni 2016: In zwei weiteren Fällen gibt es Vorwürfe wegen unterlassener Hilfeleistung durch die Polizei. Zweimal sind Streifenbeamte 2014 in Höxter und Bad Salzuflen zufällig auf die Angeklagten und die später getötete Annika W. getroffen. Die Beamten unterhielten sich mit der Frau, schritten aber nicht ein. Laut Untersuchungsergebnis hatte Annika W. sie nicht um Hilfe gebeten.

7. Juli 2016: Die Spurensuche im Todes-Haus von Höxter ist abgeschlossen. Ein DNA-Abgleich bestätigt, dass sich beide Todesopfer in dem Gebäude aufgehalten haben.

21. September 2016: Die Staatsanwaltschaft Paderborn erhebt gegen Wilfried W. und seine Ex-Frau Angelika W. Anklage wegen Mordes durch Unterlassen.

26. Oktober 2016: Beginn des Mordprozesses gegen Wilfried W. und Angelika W.

In diesem Haus in Höxter soll das Paar seine Opfer misshandelt haben.
In diesem Haus in Höxter soll das Paar seine Opfer misshandelt haben. Foto: Friso Gentsch
 

Die Akten des Verfahrens gegen die beiden Angeklagten - sie ist heute 47 Jahre alt, er ein Jahr jünger - füllen weit über 3000 Seiten. Dort steht, was jahrelang hinter den Wänden eines etwas schäbigen Gehöfts im kleinen Dorf Höxter-Bosseborn passiert sein soll. Beweismittel aus einer akribischen Spurensuche vor Ort sind beschrieben, Zeugenaussagen, ein Geständnis - all das soll das geschiedene Ehepaar Wilfried und Angelika W. des zweifachen Mordes durch Unterlassen überführen. Der Prozess wird mindestens bis Ende März laufen.

In dem sadistischen Spiel um Macht und Unterwerfung sollen den Opfern büschelweise Haare ausgerissen worden sein. Sie seien an Heizkörper gekettet, geschlagen und getreten worden, berichtete ein Ermittler, als die Misshandlungsfälle im Sommer aufflogen. Eine weitere Frau entkam, andere wurden zumindest bedroht, und so um Geld erleichtert, wie der ermittelnde Staatsanwalt Ralf Meyer schildert.

Insgesamt gehen die Ermittler von mindestens acht Opfern aus, in weiteren Fällen laufen noch Ermittlungen. Untersucht werde derzeit auch der Vorwurf einer Vergewaltigung, bestätigt Meyer Informationen des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. Die Frau soll im Jahr 2011 drei Wochen lang festgehalten, geschlagen und getreten worden sein.

Die Tatvorwürfe zusammenzubringen, das Geschehen zu ordnen und zu bewerten, die umfassende Aussage der Angeklagten zu überprüfen - das lasse einen langwierigen Prozess erwarten, so ein Gerichtssprecher. „Wir haben es immerhin mit zwei Toten zu tun, bei denen eine Leiche fehlt. Und wir wissen nicht, wer sonst noch zu Schaden kam.“

Ein Leichenspürhund und sein Hundeführer suchen an einer Straße in Höxter-Bosseborn nach Spuren einer ermordeten Frau.
Ein Leichenspürhund und sein Hundeführer suchen an einer Straße in Höxter-Bosseborn nach Spuren einer ermordeten Frau. Foto: Friso Gentsch
 

Aus der Aussage der Angeklagten bei der Polizei ist bekannt, dass das Paar den Körper einer 33-Jährigen, die durch Misshandlungen ums Leben gekommen sein soll, erst in die Tiefkühltruhe gesteckt, dann nach und nach zerstückelt und im Kamin verbrannt haben soll. Nach den am Straßenrand verstreuten Überresten suchten Polizeihunde vergeblich.

So wurde der Horror gestoppt

Ein Jahr und knapp neun Monate später waren es eine Autopanne und eine tödlich verletzte 41-Jährige, die dem Schrecken ein Ende setzten. Die Frau aus Bad Gandersheim bei Hildesheim war durch wochenlange Misshandlungen so mitgenommen, dass das Paar sie im April 2016 zurück nach Niedersachsen bringen wollte. Unterwegs blieb dann das Auto liegen, und sie entschieden sich, einen Notarzt zu rufen. Zwei Stunden später starb die Frau im Krankenhaus. Die Polizei wurde eingeschaltet - und stieß auf die Abgründe hinter dem Todesfall.

Monatelang wurde ermittelt. Die Polizei durchsuchte jeden Quadratzentimeter in dem Haus in Höxter, befragte Frauen, die sich nach Bekanntwerden des Falles als mutmaßliche Überlebende der Misshandlungen gemeldet hatten. Auch soll das angeklagte Paar manche Opfer nicht nur gefoltert, sondern auch um größere Summen gebracht haben. Die Sonderkommission war auf rund 100.000 Euro gestoßen, die die Tatverdächtigen von ihren Opfern erhalten haben sollen.

Das mutmaßlich für den Tod einer 41-Jährigen verantwortliche Paar aus Höxter soll ein weiteres Tötungsdelikt gestanden haben.
Das mutmaßlich für den Tod einer 41-Jährigen verantwortliche Paar aus Höxter soll ein weiteres Tötungsdelikt gestanden haben. Foto: Marcel Kusch
 

Vieles, was die Ermittler zu wissen glauben, stammt aus der Aussage der Angeklagten Angelika W.: Detailliert sagte sie aus, was sich in den dunklen Stunden in ihrem Haus abgespielt haben soll. Nach früheren Ermittlerangaben hatte sie ausgesagt, den Frauen auf Befehl von Wilfried W. Schmerzen zugefügt zu haben. Sie soll ihm völlig hörig gewesen sein, sagte der damalige Chefermittler Ralf Östermann.

Wilfried W., der selbst einschlägig vorbestraft ist, weil er in den 1990er-Jahren seine damalige Ehefrau zusammen mit einer Komplizin misshandelte, schweigt gegenüber der Polizei. Sein Anwalt hatte in verschiedenen Medienberichten angekündigt, dass er sich vor Gericht einlassen werde. Sein Mandant bestreite, an der Folter der Frauen beteiligt gewesen zu sein, treibende Kraft sei Angelika W. gewesen.

Dem Gericht steht ein mühsamer Weg bevor, die dunklen Geschehnisse im Horror-Haus ans Licht zu bringen.

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erstellt am 26.Okt.2016 | 12:43 Uhr

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