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Panorama

03. Dezember 2016 | 01:29 Uhr

Misshandlung und Folter : Horror-Haus von Höxter: Angeklagte schildert eigenes Leid

vom

Zum Prozessauftakt wurden brutale Details des Folter-Paares bekannt. Die 47-Jährige belastete sich selbst und ihren Ehemann schwer.

Paderborn | Nach den tödlichen Misshandlungen im „Horror-Haus“ von Höxter hat die Angeklagte Angelika W. von eigenen leidvollen Misshandlungserfahrungen berichtet. Ihr mitangeklagter Ex-Mann Wilfried W. habe sie schwer mit heißem Wasser im Nacken, an der Schulter und am Arm verbrüht, schilderte die 47-Jährige am Mittwoch vor dem Landgericht Paderborn.

Es geht um einen der grausigsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre. Zwei Frauen wurden getötet, von der einen fehlt aber die Leiche - und es gibt noch mehr Opfer. Experten erwarten einen langwierigen Prozess.

Angelika W. beantwortete am Mittwoch detailliert Fragen zu ihrem Leben und wie sie ihren ein Jahr jüngeren Ex-Mann kennenlernte. Bereits nach einem Tag habe er nicht mehr ihre Hand gehalten, sondern sie beschimpft. Wenige Tage später schlug er sie demnach. Dennoch heirateten die beiden. Im Laufe der Ehe seien die Misshandlungen brutaler geworden.

Der Vorwurf: Über Jahre hinweg soll das geschiedene Paar mit Kontaktanzeigen Frauen in das Haus am Teutoburger Wald gelockt, ihr Vertrauen gewonnen und sie dann brutal misshandelt haben. Mit seelischer und körperlicher Gewalt sollen sie den Willen der Frauen systematisch gebrochen haben. Dazu ketteten sie ihre Opfer der Anklage zufolge stundenlang an, traten ihnen die Beine weg oder verbrühten sie mit heißem Wasser.

Eine Chronologie der bislang bekannten Fakten

1995: Das Amtsgericht Paderborn verurteilt den damals 25-jährigen Wilfried W. im August zu zwei Jahren und neun Monaten Haft. Der Grund: Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Nötigung. Wie die „Neue Westfälische“ damals berichtete, soll er seine damalige Ehefrau misshandelt und gequält haben - gemeinsam mit einer Komplizin.

1999: Der gebürtige Bochumer lernt die in Herford geborene, heute 47-jährige Beschuldigte Angelika B. kennen. Sie heiraten nach wenigen Wochen.

2011: Im Ortsteil Höxter-Bosseborn mietet das Paar einen Hof. Zuvor wohnten sie im 50 Kilometer entfernten Schlangen in Lippe.

Ende 2011 bis März 2012: Mehr als drei Monate lang soll eine heute 51-Jährige Frau aus Berlin in Höxter misshandelt und gefangen gehalten worden sein. Später wird sie von den Beschuldigten in einen Zug nach Hause gesetzt. Sie traut sich erst 2016, bei der Polizei auszusagen, als sie in Medienberichten das Haus wiedererkannt hat.

2013: Das Paar lässt sich scheiden. Über eine Zeitungsanzeige kommt die 33-jährige Annika W. aus Niedersachsen nach Bosseborn. Bereits nach kurzer Zeit heiratet sie Wilfried W., der weiterhin mit seiner Ex-Frau in dem Haus wohnt. Gemeinsam sollen sie die 33-Jährige gequält haben, wie aus den Aussagen der festgenommenen Komplizin hervorgeht.

1. August 2014: Die misshandelte Frau stirbt an ihren Verletzungen. Das Paar soll die Leiche in einer Tiefkühltruhe eingefroren, später zerstückelt und verbrannt habe. In der Folgezeit schicken die beiden immer wieder SMS-Nachrichten an die Mutter des Opfers. Die geht deshalb noch bis Ende April 2016 davon aus, dass ihre Tochter lebt.

Februar 2016: Die 41-jährige Susanne F. aus dem niedersächsischen Bad Gandersheim reagiert auf eine Zeitungsanzeige und kommt im März in das Haus. Über mehrere Wochen wird sie festgehalten und misshandelt.

21. April 2016: Mit der schwer verletzten Frau im Auto fährt das Pärchen in Richtung Bad Gandersheim. Eine Autopanne durchkreuzt den Plan. Sie entscheiden sich, einen Rettungswagen zu rufen. Das Opfer stirbt einen Tag später, die Ärzte schalten die Polizei ein.

27. April 2016: Der 46-jährige Tatverdächtige und seine Partnerin werden vorläufig festgenommen. Das Amtsgericht Höxter erlässt einen Tag später Haftbefehl wegen Totschlags.

3. Mai 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft geben bei einer Pressekonferenz Details zu den bisher untersuchten Fällen bekannt. Die Beschuldigte hatte nach Aussage der Ermittler umfassend und glaubhaft über beide Todesfälle ausgesagt. Der 46-Jährige bestreitet bislang jede Schuld. Die Polizei sucht nach weiteren Frauen, die in der Gewalt des Paares in Bosseborn gewesen sein könnten.

11. Mai 2016: Bei der Polizei haben sich mehrere Frauen gemeldet, die durch das Paar finanziell geschädigt worden sein sollen.

13. Mai 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft bestätigen, dass die Ermittler auf dem Grundstück über 100.000 Euro und etwas 20 Mobiltelefone gefunden haben, die sowohl Opfern als auch Tätern zuzuordnen sind.

20. Mai 2016: Leichenspürhunde suchen an einer Landstraße nach Überresten des ersten Todesopfers Anika F. aus Niedersachsen - ohne Erfolg.

26. Mai 2016: Die Polizeidirektion Göttingen überprüft Vorwürfe gegen eine Wache in Uslar in Niedersachsen. Die Beschuldigten sollen dort im Jahr 2012 mit einem Opfer vorstellig geworden sein. Diese Frau sollte vor Polizeibeamten eine Erklärung unterschreiben, dass sie freiwillig in Höxter-Bosseborn war. Die Polizisten ließen sich darauf nicht ein, auf ein Fehlverhalten gibt es keine Hinweise.

13. Juni 2016: In zwei weiteren Fällen gibt es Vorwürfe wegen unterlassener Hilfeleistung durch die Polizei. Zweimal sind Streifenbeamte 2014 in Höxter und Bad Salzuflen zufällig auf die Angeklagten und die später getötete Annika W. getroffen. Die Beamten unterhielten sich mit der Frau, schritten aber nicht ein. Laut Untersuchungsergebnis hatte Annika W. sie nicht um Hilfe gebeten.

7. Juli 2016: Die Spurensuche im Todes-Haus von Höxter ist abgeschlossen. Ein DNA-Abgleich bestätigt, dass sich beide Todesopfer in dem Gebäude aufgehalten haben.

21. September 2016: Die Staatsanwaltschaft Paderborn erhebt gegen Wilfried W. und seine Ex-Frau Angelika W. Anklage wegen Mordes durch Unterlassen.

26. Oktober 2016: Beginn des Mordprozesses gegen Wilfried W. und Angelika W.

 

Zwei Frauen aus den niedersächsischen Städten Uslar und Bad Gandersheim starben in Folge der Misshandlungen, eine weitere Frau aus Magdeburg entkam. Mit der Frau aus Uslar war der Angeklagte verheiratet - ihre Leiche wurde nie gefunden. Aufgeflogen waren Angelika und Wilfried W. im Frühjahr 2016, als sie ihr letztes, schwer verletztes Opfer zurück nach Bad Gandersheim bringen wollten. Nach einer Autopanne starb die Frau im Krankenhaus, und die Polizei wurde auf die beiden aufmerksam.

In den Vernehmungen bei der Polizei belastete Angelika W. sich selbst und ihren Ex-Mann schwer, wie ihr Anwalt Peter Wüller schilderte. Viele der Anklagevorwürfe gehen demnach auf ihre Aussagen zurück. „Aus meiner Sicht ist sie Täter und Opfer zugleich“, sagte Wüller der Deutschen Presse-Agentur. Wilfried W. bestreitet nach Angaben seiner Anwälte, Triebfeder hinter den Misshandlungen gewesen zu sein.

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erstellt am 16.Nov.2016 | 12:45 Uhr

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