zur Navigation springen

Panorama

11. Dezember 2016 | 03:27 Uhr

Wehrführer aus Schuby : Gaffer machen Rettern das Leben schwer

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Beleidigungen, Behinderungen, Smartphone-Missbrauch und fehlende Rettungsgassen – die üblen Erfahrungen eines Wehrführers.

Schuby | Dass es sich um ein neues gesellschaftliches Problem handelt, wird allein schon durch den allgemeinen Sprachgebrauch deutlich: Der neutrale bis wohlwollende Begriff „Schaulustige“ wird immer seltener benutzt, inzwischen ist fast ausschließlich von „Gaffern“ die Rede. So nennt Michael Jöns, Wehrführer in Schuby bei Schleswig, die Menschen, die bei Unfällen auf der Autobahn ihre Smartphones zücken, um zerfetzte Fahrzeuge zu fotografieren, die im Stau aussteigen, um einen Blick auf den umgekippten Lkw weiter vorn zu erhaschen oder im Dorf breitbeinig über den Schläuchen stehen, während die Feuerwehr ein brennendes Einfamilienhaus löscht.

Michael Jöns, Wehrführer in Schuby.
Michael Jöns, Wehrführer in Schuby.
 

„Gaffer sind für uns überall und immer ein ärgerliches Thema“, sagt Jöns, der zusammen mit seinen 58 Kameraden für den Dienst in der Gemeinde und auf der A7 zwischen den Anschlussstellen Jagel und Tarp zuständig ist. Wenn dort etwas passiert, beginnen die Probleme meist schon bei der Anfahrt: „In neun von zehn Fällen finden wir keine Rettungsgasse vor – dann heißt es für das Vorausfahrzeug, sich durchzukämpfen.“ Das gilt auch für die folgenden Fahrzeuge, denn üblicherweise bleibt die Gasse nicht bestehen, sondern schließt sich nach der Durchfahrt der Feuerwehrwagen sofort wieder. „Besonders schlimm wird es, wenn Autofahrer aussteigen und auf der Fahrbahn herumlaufen, um die Unfallstelle besser sehen zu können“, sagt Jöns, der für ein solches Verhalten überhaupt kein Verständnis aufbringen kann. „Neugier liegt in der Natur der Menschen, die Retter in ihrer Arbeit zu behindern aber geht gar nicht.“

Unangenehme Situationen erlebt der Feuerwehrmann gelegentlich auch während der Rettungsarbeiten. „Die Polizei ist bestrebt, den Verkehr so schnell wie möglich wieder ins Fließen zu bringen. Dafür wird dann, wenn möglich, eine Fahrspur wieder geöffnet. Aber wenn die Wagen dann relativ nah an der Unfallstelle vorbeifahren, spielen sich immer wieder die gleichen Szenen ab: Die Seitenscheibe wird heruntergelassen, der Wagen wird langsam – und dann wird gefilmt oder fotografiert.“

Eine direkte Behinderung der Retter ist das Filmen nicht, gibt Jöns zu. Aber er empfindet dieses Verhalten als unmoralisch. „Da kämpfen möglicherweise schwer verletzte Menschen um ihr Leben, und andere versuchen, so gut wie möglich zu helfen. In solchen Momenten Fotos zu schießen und diese sogar ins Netz zu stellen – das kann ich nicht nachvollziehen.“ Und er empfindet es auch als Missachtung der Feuerwehrarbeit, die dort ehrenamtlich geleistet wird.

„Gaffer gab es auch früher schon“, weiß Jöns, „seit jeder ein Smartphone in der Tasche hat, ist es ziemlich schlimm geworden.“ Um den Voyeurismus einzudämmen, gibt es immer wieder interne Diskussionen: „Wir haben uns überlegt, den Unfallort mit einer großen Folie abzuhängen. Aber auf unserem Wagen gibt es nicht genügend Platz für verkehrssichere Ständer und die Plane – und das ist für unsere Gemeinde auch kaum zu finanzieren.“ Die hat ohnehin erhöhte Ausgaben durch kostspielige zusätzliche Ausrüstung, weil ihre Feuerwehr auf der Autobahn im Einsatz ist.

Eine rechtliche Handhabe gegen die fotografierenden Gaffer gibt es kaum. Auch wenn zurzeit Initiativen gestartet werden, um Behinderungen der Rettungskräfte härter sanktionieren zu können.

Jöns und seine Leute versuchen, Störungen so weit wie möglich zu ignorieren und sich auf ihre eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren. Aber es gibt Situationen, in denen ihre Geduld an Grenzen stößt. Eine ereignete sich auf dem Weg zu einem brennenden Pkw. „Wir waren mit Tempo 140 auf der Autobahn unterwegs, als eine Limousine auffuhr, hupte und versuchte, uns von der Überholspur zu scheuchen. Wir haben den Wagen dann im Stau vor der Unfallstelle wiedergesehen“, berichtet Jöns.

Auch sei es vorgekommen, dass seine Kameraden von wartenden Autofahrern im Stau wüst angepöbelt worden seien. „Da liegen die Nerven schon mal blank – aber das ist natürlich kein Grund für solche Beleidigungen“, sagt Jöns. In beiden Fällen kamen die Autofahrer ohne Anzeigen davon – dass hatten sie allerdings nur dem Stress der Feuerwehrleute zu verdanken. „Wenn wir im Rettungseinsatz sind, haben wir etwas anderes zu tun, als uns mit Pöblern und Dränglern herumzuschlagen oder Autokennzeichen zu notieren“, sagt Michael Jöns.

zur Startseite

von
erstellt am 01.Okt.2016 | 16:24 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen