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Panorama

11. Dezember 2016 | 09:06 Uhr

Dänische Staatsbürger in Diensten der SS : Frikorps Danmark und die Beteiligung an Kriegsverbrechen

vom

Der dänische Historiker Dennis Larsen hält die Wahrheit über dänische Soldaten unter dem Dannebrog für Hitler nicht zurück – und wird bedroht.

Apenrade | Am Anfang stand nur Verwunderung: Der Vortragssaal im Landesarchiv Apenrade war am Ende völlig überfüllt. Alle Erwartungen wurden weit übertroffen. Sowohl der vortragende Historiker Dennis Larsen als auch der Leiter des Reichsarchivs Sønderjylland, Professor Hans Schultz Hansen, waren verblüfft. Dabei war das Thema alles andere als ein Selbstgänger: „Frikorps Danmark og forbrydelserne“ (Das Freikorps Danmark und die Verbrechen) lautete der schlichte Titel. Wo sich noch vor einigen Jahren nur wenige sozusagen hinter dem Ofen vorgewagt hätten, aus Angst davor, sich die Finger zu verbrennen, ist die Beteiligung dänischer Staatsbürger am Zweiten Weltkrieg nun ein Thema, dem sich immer mehr mit offenen Augen und Ohren stellen. Scham und Verbitterungen auf beiden Seiten sind einer wachsenden Bereitschaft gewichen, sich der unangenehmen Wirklichkeit schrecklichster Verbrechen zu stellen. 

Worum geht es bei dieser „notwendigen“ Aufarbeitung? Der Historiker Dennis Larsen, der als Museumsinspektor am Museum Frøslevlejren tätig ist, hat jahrelange Recherchen in den Archiven und an Tatorten durchgeführt, die eine Verstrickung dänischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg in der Periode von 1941 bis 1943 umfasst. Nach seinen Worten gibt es keine Zweifel daran, dass Dänen auf mehreren Niveaus an den Kriegsverbrechen der SS und der Nazis beteiligt gewesen sind.

Es gebe, so bedauerte Larsen gleich zu Beginn seines Vortrags, leider noch immer Menschen im Land, Angehörige von früheren Freikorps-Leuten und SS-Freiwilligen, sogenannte Amateurhistoriker und Sammler von Nazi-Abzeichen, die jener SS-Organisation huldigen, die für Mord und Tod von Millionen Menschen verantwortlich war. Sie verneinen einfach auch die durch die Forschung immer neu geschaffenen, untermauerten Fakten über die Gräueltaten jener Zeit.

Insgesamt standen 6000 bis 7000 dänische Staatsbürger in Diensten der SS, in erster Linie in der SS-Division „Frikorps Danmark“, später in der „Division Viking“ und der „Division Nordland“. Zu diesen 6000 bis 7000 zählen auch Mitglieder der deutschen Minderheit, die aber nicht dem Freikorps Dänemark angehörten, sondern vor allem in der Waffen-SS, aber auch in der Wehrmacht für Hitler-Deutschland kämpften.

Rund 1170 Dänen meldeten sich freiwillig für das Freikorps, davon waren mehr als die Hälfte Mitglieder der dänischen Nazi-Partei NSDAP, die meisten waren Nazis. 347 Dänen starben unter dem Dannebrog für Hitler, insgesamt waren es rund 2000 dänische Staatsbürger, davon knapp 800 aus der deutschen Minderheit in Nordschleswig.

Nach dem Angriff auf Russland, der sogenannten Operation „Barbarossa“ am 22. Juni 1941, gründete SS-Chef Heinrich Himmler auch nationale Einheiten für die Waffen-SS, in der am Ende des Zweiten Weltkrieges 38 Divisionen mit rund einer Million Soldaten gekämpft haben.

Nach Verhandlungen zwischen DNSAP (Dänische Nationalsozialistische Arbeiterpartei) und SS wurde am 28. Juni 1941 das „Frikorps Danmark“ gegründet. Rund 1000 Frikorps-Leute nahmen an einer Abschiedsparade an der Ingenieurschule in Hellerup teil, danach ging es zur Kaserne Hamburg-Langenhorn, wo sie am 5. August 1941 ihren Eid auf den deutschen Führer ablegten. Der Auftrag war klar: Krieg und Vernichtung, es ging – so die Propaganda – um den Überlebenskampf der germanischen Rasse gegen Juden und andere Untermenschen.

Zunächst ging es für die Dänen ins westliche Polen bei Posen, wo der militärische Einsatz auch ideologisch vorbereitet wurde. Unterkunft bot in Treskau eine ehemalige psychiatrische Anstalt, deren Patienten zuvor von der SS ermordet wurden. Die Freikorps-Leute hielten Wache unter dem Dannebrog. Hinter den Kulissen stritten ihr erster Kommandant, der dänische Offizier Christian Peder Kryssing (der durch das dänische Kriegsministerum für den Kriegseinsatz an der Ostfront „freigestellt“ worden war) und das dortige SS-Führungsamt um die künftige Linie. Während Kryssing (nun Oberstummbannführer/Oberstleutnant) sich darum bemühte, den soldatischen Einsatz unpolitisch zu halten, wünschte die SS ein klares nationalsozialistisches Profil. Kryssing verlor und musste gehen. Allerdings hatte Kryssing in einem Tagesbefehl seine Soldaten vor dem Umgang mit jüdischen und polnischen Arbeitern gewarnt. Dass es auch in Treskau zur Ermordung von Juden kam, muss ihm – so Larsen – also durchaus bekannt gewesen sein. Kryssings Nachfolger wurde im Februar 1942 Christian Frederik von Schalburg, ein überzeugter dänischer Nazi.

1942 wurde das Freikorps in deutschen Junker-Maschinen an die Ostfront gebracht – in den sogenannten Demjansker-Kessel. Rund 200 Kilometer von Leningrad entfernt, sollten sie die deutsche Verteidigungslinie stärken. In einem sumpfigen urwald-ähnlichen Gebiet am Ilmensee gerieten die Dänen in schwere Kämpfe, und durch eine Fehleinschätzung des neuen Kommandanten starben dabei 58 dänische Soldaten – auch von Schalburg selbst fiel. Als Rache für den Tod ihres Kommandanten übten die dänischen Soldaten brutale Vergeltung an russischen Gefangenen, die, nachdem sie ihr eigenes Grab geschaufelt hatten, mit Schüssen niedergestreckt wurden. Das dokumentieren Bilder eines dänischen Unteroffiziers. 

Das Freikorps erhielt nach den Kämpfen um Demjansk einen vierwöchigen Heimaturlaub, was zu schweren Zusammenstößen mit der Kopenhagener Bevölkerung führte, die die Freikorps-Leute auf der Straße als Landesverräter beschimpften und tätlich angriffen. Im Oktober 1942 verließ das Korps Dänemark Richtung Minsk in Weißrussland. Dort wurde die Truppe für die Fortsetzung des Winterkrieges wieder voll aufgerüstet. Rund 800 dänische Soldaten waren bei Babrujsk bzw. Bobruisk untergebracht, einem SS-Waldlager mit einer Außenstelle für Juden. Täglich wurden hier Juden ermordet oder starben an Krankheit und Kälte. Besonders grausam war dabei nach späteren Zeugenaussagen ein Blockführer namens Christensen aus Tondern. Wo er abgeblieben ist konnte nie geklärt werden. Zum Schluss waren die dänischen Soldaten auch an der Partisanenbekämpfung in Kroatien beteiligt, wo die Zivilbevölkerung eine große Zahl unschuldiger Opfer zu beklagen hatte.

Erschütternde Bilder wurden nach dem Krieg im Reichsarchiv bei einem Freikorps-Soldaten namens Gustav Mortensen gefunden und beschlagnahmt. Mortensen, der sich als 23-Jähriger in Ry freiwillig gemeldet hatte, war auch im polnischen Treskau. Angeblich desertierte er noch vor Kriegsende. Bei seiner Rückkehr nach Dänemark im Oktober 1945 wurde er gleich festgenommen. Bei den Vernehmungen behauptete er, dass er nur Chauffeur gewesen sei. Dennis Larsen dazu spöttisch: Offenbar bestand die ganze Waffen-SS nur aus Fahrern, Krankenpflegern und Köchen, denn alle behaupteten nach 1945 dasselbe. Vom Gravensteiner Gericht wurde Mortensen zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Zwar wurden belastende Bilder von Kriegsverbrechen vorgelegt – die Soldaten wurden offenbar durch eine Art „Horrorsightseeing“ auf kommende Aufgaben vorbereitet –, aber nun wollte Mortensen nichts davon wissen, dass es sich um eigene Aufnahmen gehandelt habe. Er änderte mehrfach seine Aussage. Zuletzt behauptete er, die Bilder habe er von einem ihm unbekannten deutschen Soldaten erworben.

Erst durch den Fund dieser Bild im Apenrader Reichsarchiv waren die Historiker den Tätern auf die Spur gekommen, hatten jetzt erfahren, dass die Bilder aus Treskau stammten, wo Freikorps-Leute den Verbrechen zusahen.

Eine wichtige Spur lieferte ein Mann namens Axel Jørgensen, der nach 1945 nach Schweden gezogen war. In dieser Verbindung tauchte erstmalig auch der Name des noch heute auf Frederiksberg lebenden Freikorps-Soldaten Helmuth Leif Rasmussen auf, der auf einem dieser schrecklichen Bilder zu erkennen war. Rasmussen ist aber nicht sein richtiger Name, denn er hat seinen Namen gleich nach dem Kriege geändert. In ihrem Buch „En skole i vold“ hatten die Historiker Dennis Larsen und Therkel Stræde auf diese Person aufmerksam gemacht, was nach Klagen durch das Simon-Wiesenthal-Center Wien im Sommer 2015 zu Ermittlungen durch eine Sondereinheit der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen führte – wegen der Beteiligung an der Ermordung von 1400 Juden. Larsen betonte in seinem Vortrag ausdrücklich, er wisse bis heute nicht, wer den Wiesenthal-Jägern diesen Tipp gegeben habe. Obwohl  die beiden Historiker der Staatsanwaltschaft zusätzliche Dokumentation lieferten, hat die Staatsanwalt Anfang November die Ermittlungen eingestellt.

Rasmussen hatte zwar selbst in ersten Vernehmungen in Assens nach seiner Festnahme 1945 gestanden, vor Ort als Wachposten erlebt zu haben, wie mehrere Juden erschossen worden waren, doch nun bestritt er die Wahrheit der damaligen Verhörprotokolle. Da es heute keine lebenden Zeugen mehr gibt, die einst über Rasmussens Beteiligung ausgesagt hatten, verzichtete die Staatsanwaltschaft auf eine Anklage.

„Sehr merkwürdig“ findet Larsen jedenfalls die Begründung, wonach frühere Polizei- und Gerichtsprotokolle nun offenbar keine Gültigkeit mehr haben sollen. Er sei aber Historiker und nicht Jurist, so Larsen, der davon ausgeht, dass das Simon-Wiesenthal-Center gegen diese Entscheidung der dänischen Staatsanwaltschaft Berufung einlegen wird.

Bei der Rechtsabrechnung nach dem 5. Mai 1945 wurden insgesamt 13.500 Personen in Dänemark verurteilt, darunter auch rund 3000 Mitglieder der deutschen Minderheit. 7478 Personen wurden wegen Kriegsdienstes für Deutschland verurteilt, zunächst zu vier Jahren Gefängnis, später wurde die Strafe auf zwei Jahre herabgesetzt. 2095 weitere Personen wurden wegen ihrer Tätigkeit zugunsten der deutschen Polizei/Gestapo bestraft. 78 Todesurteile wurden verhängt, davon wurden 46 vollstreckt.

Larsen geht es, wie er mehrfach unterstrich, nicht um persönliche Rache, sondern allein um die Aufklärung. Dass Dänen an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen sind, lässt sich nach seinen Worten nicht leugnen, auch wenn der volle Umfang ihrer Mitwirkung wohl nie entlarvt werde.

Er wundere sich aber darüber, dass in Dänemark eine Strafverfolgung von Kriegsverbrechen versäumt wurde, obwohl spätestens in den 60er und 70er Jahren durch deutsche Forschungsergebnisse eine offizielle Untersuchung von dänischer Seite hätte eingeleitet werden können. Wundern kann man sich vor allem aber auch darüber, dass Historiker wie Dennis Larsen heute mit anonymen Drohungen leben müssen. Bei der Polizei ist inzwischen Anzeige gegen Unbekannt erstattet worden. Es ist wohl nicht naiv zu vermuten, dass diese Drohungen von Familienangehörigen früherer Freikorps-Leute stammen, die leider nichts, gar nichts gelernt haben.

Dennis Larsen wurde 1996 in Sonderburg geboren, ist dänischer Historiker (cand. mag.) und Museumsinspektor am Museum Frøslevlejren. Er hat mehrere Bücher herausgegeben, die national, aber auch international Beachtung gefunden haben. 2009 erschien das Buch „De nazistiske koncentrationslejre“ (Die Konzentrationslager der Nazis), 2010 folgte „Fortrængt grusomhed. Danske SS-vagter 1941-45“ (Verdrängte Grausamkeiten. Dänische SS-Wachen 1941-bis 45), in dem er auch die Mitschuld von Angehörigen aus der deutschen Minderheit in deutschen Konzentrationslagern entlarvte. Gemeinsam mit Professor Therkel Stræde brachte er 2014 das Buch „En skole i vold: Bobruisk 1941-44. Frikorps Danmark og det tyske besættelsesherredømme i Hviderusland“ (Das Freikorps Dänemark und die deutschen Besatzer in Weißrussland) heraus, das die Gewaltkultur der SS-Soldaten dokumentiert. Darin geht es um Kriegsverbrechen, an denen auch Leute von Frikorps Danmark beteiligt gewesen sein sollen.
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erstellt am 26.Nov.2016 | 20:52 Uhr

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