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Panorama

10. Dezember 2016 | 02:19 Uhr

Merkels Blazer : Farben und zwei Designerinnen bestimmen die Outfits der Bundeskanzlerin

vom

Grün oder Rot? Mit der Farbe ihrer Blazer kann Bundeskanzlerin Angela Merkel die Wirkung auf ihre politische Gegner beeinflussen.

Schillernde Knöpfe schmücken die moosgrüne, kastenförmige Jacke, darunter lugt ein ein dunkelblaues Langarmshirt hervor: So gekleidet trat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwochmorgen bei der sogenannten Generaldebatte über die Regierungspolitik im Bundestag an das Rednerpult. Der traditionelle Schlagabtausch zwischen Regierung und Opposition - kurz vor Beginn des Bundestags-Wahljahres -  könnte bereits einen Vorgeschmack auf den bald beginnenden Bundestagswahlkampf liefern. Es war die erste Rede der Kanzlerin im Parlament, nachdem sie am Sonntag angekündigt hatte, bei der Bundestagswahl in rund zehn Monaten wieder als Kanzlerkandidatin anzutreten.

Anders als noch vor wenigen Jahren, als Merkel eher durch ihre Verzichts-Ästhetik auffiel, hat sie inzwischen eine erfolgreiche modische Entwicklung durchlebt. Vor ihrer Karriere als Bundeskanzlerin war ihre Garderobe sehr konservativ. Nicht zuletzt durch die Farbwahl ihrer Blazer bereitet die mächtigste Frau Deutschlands damit ihren machthungrigen männlichen Mitstreitern einiges Kopfzerbrechen. Der Wirkung ihrer Kleidung ist sich die CDU-Vorsitzende durchaus bewusst.

Deutlich wird allerdings, dass Merkel eher blass wirkt in ihrem gefilzten Jäckchen. Aber das ist für sie bei dieser Debatte auch eher zweitrangig. Möglich wäre, dass sich die Kanzlerin mit ihrer äußeren Erscheinung entsprechend der Inhalte ihrer 42-minütigen Rede wappnen wollte - deren Schwerpunkte am Morgen die Verteidigungspolitik war. Merkel kündigte an, angesichts der wachsenden internationalen Spannungen künftig mehr Geld in den Verteidigungs-Etat zu stecken.

Angela Merkel am Mittwoch im Bundestag.

Angela Merkel am Mittwoch im Bundestag.

Foto: dpa

Ihr grüner Dress kann aber auch als Zeichen an die Grünen gedeutet werden. Diese hatten zuletzt signalisiert, dass sie für eine Regierungsbeteiligung als Koalitionspartner - auch mit der CDU unter Bundeskanzlerin Angela Merkel -  zur Verfügung stehen, heißt es unter anderen in einem Bericht des Handelsblattes. Die Partei lässt sich aber auch andere Möglichkeiten offen: „Wir schließen diese Option nicht aus, aber wir schließen auch andere nicht aus“, sagte Parteichef Cem Özdemir am Montag in Berlin.

„Wenn sie Grün trägt, legt die Bundeskanzlerin Wert auf ein konservatives und angepasstes Erscheinungsbild“, sagt Farbexpertin Silvia Regnitters in einem Interview mit dem Modeportal stylight.de. Bei offiziellen Anlässen schlüpft sie häufig in diese Farbe. Aus der großen Anzahl von Grüntönen, würde Merkel meist Töne mit einem Blau- oder Gelbstich wählen. „Merkel drückt mit ihren grünen Blazern sehr bewusst ihre Kompetenz in ihrem beruflichen Aufgabengebiet aus“, sagt Regnitters, die Kunden, Führungskräfte und Privatpersonen, in Sachen Kleiderwahl und dem richtigen Auftreten berät.

Fast schon türkis ist die Oberbekleidung, die Merkel - hier mit Hannelore Kraft - 2013 bei einem Festakt in Köln trägt.

Fast schon türkis ist die Oberbekleidung, die Merkel - hier mit Hannelore Kraft - 2013 bei einem Festakt in Köln trägt.

Foto: dpa
 

Grün gilt als Farbe des Lebens und erwecke hoffnungsvolle aber auch beruhigende Gefühle beim Betrachter. Bei Konfliktgesprächen oder auch schwierigen Gesprächspartnern sei Grün daher absolut zu empfehlen, besonders bei politischen Themen, weil es besänftigt. „Grün ist immer gut, wenn man ein schwieriges Thema zu bearbeiten hat“, sagt die Modeexpertin. Das bestätigt auch der Kieler Konsumforscher Robert Mai: „Grün wird auch mit Natürlichkeit und Gesundheit verknüpft“, sagt der Experte von der Christian-Albrechts-Universität.

Darüber, dass sowohl Farben, als auch bestimmte Formen der Kleidung Signale, Gefühle und Standpunkte vermitteln, darüber sind sich Experten schon lange einig. Sollte Merkel Berater haben, „wissen die bestimmt um die Macht der Farbe und deren Wirkung“, sagt Mai. Bei formellen Anlässen würden eher gedeckte Farben gewählt, wohingegen kräftige Farben die Kanzlerin bei informellen Ereignissen umhüllen. Entscheidend sei auch, was der Betrachter mit der Farbe assoziiert, denn davon ausgehend würden auch Rückschlüsse auf den Träger der Kleidung - und dessen Charakter - gezogen.

Anlässlich des Staatsbesuchs des lettischen Ministerpäsidenten Maris Kucinskis (2016) erschien Merkel in Grau.

Anlässlich des Staatsbesuchs des lettischen Ministerpäsidenten Maris Kucinskis (2016) erschien Merkel in Grau.

Foto: Imago/Jürgen Heinrich
 

Bei Gipfeln und Konferenzen sticht Angela Merkel in ihren farbenfrohen Outfits für gewöhnlich aus der Menge der schwarz-grauen Anzugträger heraus. Allerdings schlüpft sie für Geschäftstermine auch mal in den grauen Blazer. „Hier würde es als unpassend empfunden, wenn sie Pink oder andere Knallfarben trägt“, sagt Mai. Eine „Assistentin für besondere Aufgaben“ unterstützt Merkel bei der Wahl ihrer Outfits.

Auch dahinter, dass die 62-Jährige auf Auslandsreisen gerne Blau trägt, steckt ein farbpsychologisches System. Verwunderlich ist das auch für den Mode-Laien zunächst nicht: Die Farbe Blau steht der Kanzlerin sehr gut, er harmoniert mit ihrem Hautton. „Mit blauen Blazern vermittelt Merkel klare und geordnete Verhältnisse und diese stehen ja auch irgendwie für Deutschland, genauso wie Harmonie und Sachlichkeit“, sagt Regnitters.

Blau trägt die Kanzlerin besonders gern auf Auslandsreisen und Staatsbesuchen. Die Farbe steht für Harmonie, Kompetenz und Sachlichkeit.

Blau trägt die Kanzlerin besonders gern auf Auslandsreisen und Staatsbesuchen. Die Farbe steht für Harmonie, Kompetenz und Sachlichkeit.

Foto: Imago/CommonLens
 

Blau vermittelt den Eindruck von Distanz und Wichtigkeit, von korrektem Auftreten. Das sind wichtige Eigenschaften, die Angela Merkel ja auch bei ihren ausländischen Kollegen vertreten möchte. Blautöne sind nicht auffällig, nicht laut oder schräg. Ist das der Grund, weshalb Mekel auch Koalitionsverandlungen gern in Blau hält?

 

Auch Pink und Orange wählt die Kanzlerin inzwischen gern. Allerdings eher bei weniger politischen Veranstaltungen. Mit ihren Blazern in knalligen Farben drückt sie Optimismus, Lebensfreude und Kommunikationsfreude aus, betont die Farbexpertin. Gelb gelte zudem als Kommunikationsfarbe. Mit den gewagten Farben bei nicht-politischen Veranstaltungen signalisiert sie „Aufgeschlossenheit und Kontaktfreude gegenüber dem Publikum“. Sie nutzt die Farben hier als nonverbales Kommunikationsmittel, um zum Beispiel ihren potenziellen Wählern Nähe zu vermitteln.

Bei weniger politischen Veranstaltungen trägt die Kanzlerin auch Blazer in kräftigem Lila. Hier 2004 auf einer Veranstaltung in Berlin.

Bei weniger politischen Veranstaltungen trägt die Kanzlerin auch Blazer in kräftigem Lila. Hier 2004 auf einer Veranstaltung in Berlin.

Foto: Imago/teutopress
 

Darum bangen, mit Farben, die als besonders weiblich gelten - wie Pink oder Violett - in der Politik Autorität einzubüßen, muss Merkel indes nicht. Denn sie sei „ganz klar“ und habe eine verlässliche Wesensart, sagt Regnitters. Ihre Autorität könne sie gar nicht verlieren. Knallige Farben zeigen Mut.

Ein warmes Pfingstrosen-Rosa trug Merkel bei der Vorstellung von Frank-Walter Steinmeier SPD als Kandidat zur Wahl als Bundespräsident (12. November 2016).

Ein warmes Pfingstrosen-Rosa trug Merkel bei der Vorstellung von Frank-Walter Steinmeier SPD als Kandidat zur Wahl als Bundespräsident (12. November 2016).

Foto: Imago/Christian Thiel
 

Das Rot als die Farbe der Macht gilt, Leidenschaft und Energie verkörpert, ist allgemein bekannt. Verhandlungen mit der SPD führt Merkel nie in Rot. Zufall ist das wohl eher nicht.

Zu festlichen oder wichtigen Anlässen trägt die Vorsitzende der CDU gern Rot: Hier auf einer Pressekonferenz im Berliner Konrad-Adenauer-Haus.

Zu festlichen oder wichtigen Anlässen trägt die Vorsitzende der CDU gern Rot: Hier auf einer Pressekonferenz im Berliner Konrad-Adenauer-Haus.

Foto: dpa
 

Die Beziehung zwischen Angela Merkel und dem Blazer kommt einer Liebesgeschichte gleich: Als Profi in Sachen Longblazer und Jackett trägt Merkel meist Modelle mit drei Knöpfen - fast immer maßgeschneidert von Bettina Schoenbach oder Anna von Griesheim. Zu festlichen Anlässen darf es auch gern mal Samt sein. Experimente wagt sie ansonsten eher selten.

Zu ihren Standard-Accessoires zählt neben dem Dreiknopf-Blazer, eine farblich abgestimmte Kette sowie die passende Handtasche, die meist vom bezahlbaren französischen Label Longchamp stammt.

Vor rund einer Woche besuchte US-Präsident Barack Obama Berlin. Merkel hüllte sich zu diesem Anlass in einen Samtblazer.

Vor rund einer Woche besuchte US-Präsident Barack Obama Berlin. Merkel hüllte sich zu diesem Anlass in einen Samtblazer.

Foto: imago/ZUMA Press
 

Angela Merkels Stil wird oft kritisch beäugt. „Schweißfleck der Nation“, „Deutschlandkette“ und das „Dekolleté von Oslo“ – liegt die Bundeskanzlerin bei ihrer Outfit Wahl daneben, überschlägt sich die Klatsch- und Tratschpresse mit humorvollen Schlagzeilen.

Bei der Eröffnung der Osloer Nationaloper hatte Merkel im April 2008 ein petrolfarbenes Oberteil über einem schwarzen Kleid getragen und ließ dabei tief blicken. Bislang war die Kanzlerin bei solchen Terminen eher hochgeschlossen aufgetreten. Die Merkel-Fotos aus Oslo wurden in ganz Europa gedruckt. In der Türkei kamen sie sogar auf die Titelseiten.

Vor rund acht Jahren zeigte die Kanzlerin vor der Osloer Oper Dekolleté und erntet reichlich Schlagzeilen.

Vor rund acht Jahren zeigte die Kanzlerin vor der Osloer Oper Dekolleté und erntet reichlich Schlagzeilen.

Foto: dpa

Wer sich komplett in Schwarz kleidet, wirkt auf sein Gegenüber im Allgemeinen seine seriös und intelligent, sagen die Experten. Ob das der Grund dafür ist, dass Merkel zu allen drei Vereidigungen zur Kanzlerin in der Farbe der Finsternis erschien, ist nicht überliefert. Ob sie auch im Herbst 2017 den gleichen Ton wählt, werden wir erst in rund zehn Monaten erfahren.

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erstellt am 23.Nov.2016 | 21:28 Uhr

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