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Panorama

04. Dezember 2016 | 13:28 Uhr

DNA-Spur von Uwe Böhnhardt : Fall Peggy und der NSU: Polizei prüft Verbindungen zu Kindstötungen

vom
Aus der Onlineredaktion

In Jena, wo Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe aufwuchsen, gab es in den 90er Jahren drei Kindsmorde. Zwei von ihnen sind noch nicht geklärt.

Erfurt/Jena | Nach der Entdeckung von DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt am Fundort der Leiche der kleinen Peggy will eine neue Sonderkommission der Thüringer Polizei ungeklärte Fälle von Kindstötungen nach 1990 unter die Lupe nehmen. Die Ermittler reagieren damit auf die Sicherstellung von Genmaterial Böhnhardts in der Nähe der sterblichen Überreste der getöteten neunjährigen Peggy aus Oberfranken. An diesem Montag will die Kommission ihre Arbeit aufnehmen.

Nie war im Fall Peggy bisher eine Verbindung zu der Mordserie der NSU-Terrorgruppe gezogen worden. Böhnhardt hatte sich mit seinem Komplizen Uwe Mundlos im Sommer 2011 das Leben genommen. Sollten sie tatsächlich auch etwas mit den toten Kindern zu tun haben, würde das noch einmal ein völlig neues Licht auf den NSU werfen.

In Jena, wo das mutmaßliche NSU-Trio um Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe aufgewachsen war, gab es in den 90er Jahren drei Kindsmorde. Zwei von ihnen sind noch immer nicht geklärt.

Am Donnerstag hatten die Ermittler überraschend mitgeteilt, dass am Fundort der Skelettteile der 2001 verschollenen Peggy aus Oberfranken Genmaterial von Böhnhardt entdeckt worden war. Die damals Neunjährige war 2001 im oberfränkischen Lichtenberg verschwunden. Erst im Juli waren Skelettteile von ihr in einem Wald im benachbarten Thüringen entdeckt worden.

In Thüringen gibt es nach Angaben des Innenministeriums seit 1990 etwa 70 ungeklärte Fälle, wie viele davon Kinder sind, war nicht bekannt. 1993 verschwand in Jena ein Neunjähriger, er wurde zwölf Tage später tot am Ufer der Saale in einem Gebüsch gefunden. Böhnhardt war damals einer der Verdächtigen. Ihm konnte jedoch nichts nachgewiesen werden. Auch das Verschwinden und der Tod einer Zehnjährigen aus Jena 1996 konnte bislang nicht aufgeklärt werden.

Der aus Thüringen stammende Rechtsextremist Böhnhardt soll mit seinem mutmaßlichen Komplizen Mundlos jahrelang unerkannt gemordet haben - hauptsächlich aus fremdenfeindlichen Motiven. Mundlos und Böhnhardt töteten sich laut Ermittlern im Herbst 2011 nach einem Banküberfall, um einer Festnahme zu entgehen. Zschäpe stellte sich der Polizei. Sie steht seit fast dreieinhalb Jahren in München vor Gericht.

Im November 2011 wurden in einem Wohnmobil in Eisenach die Leichen von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt entdeckt. /Archiv
Im November 2011 wurden in einem Wohnmobil in Eisenach die Leichen von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt entdeckt. /Archiv Foto: Carolin Lemuth

Derweil schließt die Staatsanwaltschaft Bayreuth eine Verunreinigung der DNA-Probe weiterhin nicht aus. Die Ermittler wollen daher den Weg der Spur genau nachvollziehen. „Wie ist sie an den Fundort gekommen und wie zur Untersuchung?“, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel am Montag. Es müsse zweifelsfrei ausgeschlossen werden, dass die DNA-Spur per Zufall oder aus Versehen mit dem Fall Peggy in Verbindung gebracht wurde.

Der Fall Peggy in der Chronologie:

7. Mai 2001

Die neunjährige Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg verschwindet auf dem Heimweg von der Schule. Wochenlange Suchaktionen bleiben ohne Erfolg.

August 2001

Die Polizei nimmt einen geistig behinderten Mann fest. Er gibt an, sich an Peggy und drei weiteren Kindern sexuell vergangen zu haben.

22. Oktober 2002

Die Ermittler präsentieren den 24-Jährigen als mutmaßlichen Mörder der Schülerin.

7. Oktober 2003

Vor dem Landgericht Hof beginnt der Prozess.

30. April 2004

Der geistig behinderte Mann wird wegen Mordes an Peggy zu lebenslanger Haft verurteilt.

17. September 2010

Ein wichtiger Belastungszeuge widerruft seine Aussage und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden.

4. April 2013

Der Anwalt des geistig behinderten Mannes beantragt die Wiederaufnahme des Falls.

8. Januar 2014

Auf dem Friedhof Lichtenberg öffnen die Ermittler ein Grab. Sie vermuten, dass bei einer Beerdigung 2001 Peggys Leiche dort abgelegt wurde. Doch sie finden keine Hinweise.

10. April 2014

Auf Anordnung des Landgerichts Bayreuth beginnt das Wiederaufnahmeverfahren.

7. Mai 2014

Das Gericht beendet das Verfahren aus Mangel an Beweisen. Eine Woche später gibt es einen Freispruch für den geistig behinderten Mann.

18. Februar 2015

Die Staatsanwaltschaft Bayreuth stellt ihre Ermittlungen ein. Ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wird aber aufrechterhalten, um mögliche Spuren weiterzuverfolgen.

19. März 2015

Das Oberlandesgericht Bamberg entscheidet, dass der ursprünglich verurteilte Mann aus der Psychiatrie entlassen werden soll.

3. Juni 2015

Die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ greift den Fall Peggy auf.

16. Juni 2015

Ein ehemaliger Verdächtiger im Fall Peggy wird in einem anderen Fall wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes zu einer Jugendstrafe von sieben Monaten ohne Bewährung verurteilt. Im Fall Peggy gilt er nicht mehr als tatverdächtig.

Mai 2016

Ein im Fall Peggy ehemals verdächtigter Mann fordert Schadenersatz von mehr als 20.000 Euro. Ermittler hatten 2013 auf der Suche nach dem verschwundenen Mädchen sein Grundstück in Lichtenberg metertief durchsuchen lassen. Die Ermittler hatten dabei zwar Knochenreste gefunden. Sie stammten aber nicht von Peggy.

2. Juli 2016

Ein Pilzsammler findet in einem Wald in Thüringen Skelettreste. Die Polizei prüft Verbindungen zum Fall Peggy.

4. Juli 2016

Polizei und Staatsanwaltschaft teilen mit, dass die Knochen „höchstwahrscheinlich“ von Peggy stammen. Dies hätten erste rechtsmedizinische Untersuchungen und Erkenntnisse am Fundort ergeben.

13. Oktober 2016

Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Bayreuth teilen mit, dass am Skelett des Mädchens DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden worden.

 
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erstellt am 18.Okt.2016 | 14:56 Uhr

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