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Panorama

09. Dezember 2016 | 01:02 Uhr

Nahe Ussita : Erdbeben in Mittelitalien: Menschen müssen weiter bangen

vom
Aus der Onlineredaktion

Einer der heftigsten Erdstöße der letzten Jahrzehnte zerstört in Mittelitalien das, was noch stand.

Rom | Nur wenige Tage nach einer heftigen Erdbebenserie hat Mittelitalien der schwerste Erdstoß seit 36 Jahren heimgesucht. Das Beben am Sonntagmorgen mit einer Stärke von 6,5 sei das stärkste im Land seit 1980 gewesen, sagte der Chef des Zivilschutzes, Fabrizio Curcio. Berichte über Tote gab es am Sonntag nicht, auch keine Vermisstenmeldungen. Mehrere Menschen wurden lebend aus Trümmern geborgen. Etwa 20 Menschen seien verletzt worden, es schwebe aber niemand in Lebensgefahr, sagte Curcio.

Das mittlere Italien ist eine derjenigen Regionen in Europa, die besonders häufig von schweren Erdstößen heimgesucht werden. Immer wieder trifft es die bergige Gegend in den Abruzzen. Grund für die Beben sind riesige Spannungen, die sich im Untergrund aufbauen. Denn der „Adriatische Sporn“ - ein Anhängsel der afrikanischen Erdplatte - reibt sich hier an der eurasischen Platte. Auch deshalb haben sich Italiens Mittelgebirge aufgefaltet.

Das mittlerweile vierte heftige Beben binnen etwa zwei Monaten in der Region ließ historische Orte in sich zusammenfallen und zerstörte Jahrhunderte alte Kulturgüter. Zehntausende Menschen wurden obdachlos.

Italiens Premierminister Matteo Renzi sagte den Menschen sofortige Hilfe zu und sprach ihnen sein Mitgefühl aus. „Wir werden alles wieder aufbauen: die Häuser, die Kirchen und die Geschäfte“, versprach der Regierungschef. Er will am Montag im Kabinett über Maßnahmen beraten. In die Entscheidungen sollten auch die Spitzen der betroffenen Regionen und der Zivilschutz einbezogen werden. Papst Franziskus sagte, er bete für die Menschen in der betroffenen Region.

„Epochale Migration“ erwartet

„Es ist alles eingestürzt“, sagte der Bürgermeister der kleinen Gemeinde Ussita, Marco Rinaldi, der italienischen Nachrichtenagentur Ansa. In dem Ort hatten bereits die Beben von vergangenem Mittwoch starke Schäden angerichtet. „Ich sehe eine Rauchsäule, es ist ein Desaster, ein Desaster! Ich habe im Auto geschlafen und die Hölle gesehen.“ Fotos zeigten ausgelöschte Ortschaften, zerstörte Kirchen und Häuser, Schuttberge und tiefe Risse in den Straßen. Fernsehbilder zeigten sogar einen tiefen Riss in einem Berg.

 

Allein in der Region Marken seien mehr als 25.000 Menschen obdachlos geworden, sagte der Präsident der Region, Luca Ceriscioli. Hinzu kommen die Obdachlosen in der Region Umbrien, in der bei dem neuen Beben die Stadt Norcia besonders getroffen wurde. Viele Menschen sollen an die Küste gebracht werden. So erwartet der Bürgermeister der Adria-Stadt Civitanova, Tommasso Corvatta, eine „epochale Migration“.  

Das Beben gegen 7.40 Uhr am Sonntagmorgen hatte eine Stärke von 6,5, wie das italienische Institut für Geophysik und Vulkanologie sowie das Helmholtz-Zentrum in Potsdam mitteilten. Das Zentrum des Bebens lag nahe der Stadt Norcia, die für ihren mittelalterlichen Kern bekannt ist. Auf der berühmten Piazza San Benedetto stürzte die Basilika aus dem 14. Jahrhundert ein. Auch die Kathedrale Santa Maria Argentea und die Kirche San Francesco wurden zerstört.

Die Stadt habe mit dem Erdbeben einen Teil ihrer Geschichte verloren, sagte der Kunsthistoriker Romano Cordella der Nachrichtenagentur Ansa. Tausende Hinweise auf Schäden seien eingegangen, sagte die Generalsekretärin des Kulturministeriums, Antonia Pasqua Recchia. „Heute weinen wir wenigstens um unser Kulturerbe, und nicht um Tote.“ Am frühen Sonntagnachmittag erschütterten Nachbeben die Region.

„Es ist sicher weise, noch eine Weile wegzubleiben“

Auch in Rom versetzte das Beben die Menschen in Angst. Die Bürgermeisterin der Hauptstadt schrieb auf ihrer Facebook-Seite: „Augenscheinlich hat das starke Erdbeben (...) keine schweren Schäden in Rom angerichtet.“ Dennoch sollten die dortigen Schulen am Montag auf ihre Anordnung hin geschlossen bleiben. Die Gebäude würden von Fachleuten untersucht. Vorübergehend wurden am Sonntag die zwei zentralen Metrolinien A und B gestoppt. Mehrere Gebäude wurden überprüft und teils geschlossen - darunter auch zwei Basiliken. Zwei Straßen wurden gesperrt.

Das Beben am Morgen ereignete sich den Experten zufolge in etwa zehn Kilometern Tiefe. Es handelte sich erneut um ein Folgebeben der verheerenden Erdstöße im Sommer rund um das Bergstädtchen Amatrice mit rund 300 Todesopfern, wie der Seismologe Frederik Tilmann vom Deutschen Geoforschungsinstitut in Potsdam sagte. Die Beben regten sich gegenseitig an: „Wir sprechen von einer Erdbebensequenz - also mehreren Beben, die in der Größe etwas variieren, wo aber das größte nicht unbedingt am Anfang steht.“

Die Gefahr für die Menschen in der Region sei nicht gebannt, sagte der Seismologe Tilmann: „Es wird natürlich auf jeden Fall zu Nachbeben kommen.“ Auch die Wahrscheinlichkeit eines starken Bebens sei derzeit sehr viel höher als im langfristigen Mittel. „Es ist sicher weise, noch eine Weile wegzubleiben für die Menschen, die das können.“

Erst am Mittwochabend hatten zwei starke Erdstöße die Region in Mittelitalien erschüttert, die bereits vor zwei Monaten von einem verheerenden Beben mit 298 Opfern heimgesucht worden war. Die meisten starben damals im Ort Amatrice, auch dort gab es am Sonntag neue Schäden. Für die Menschen in der bergigen Gegend könnte es zum Vorteil geworden sein, dass sie ihre Häuser schon nach einem der vorherigen Beben verlassen mussten, weil sie zerstört oder einsturzgefährdet waren. Die italienische Regierung schätzte die Erdbebenschäden zuletzt auf rund vier Milliarden Euro.

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erstellt am 31.Okt.2016 | 08:13 Uhr

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