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Panorama

08. Dezember 2016 | 19:24 Uhr

Digitale Gesellschaft : Eine Woche für einen Brief: Dänemark reißt der Post ein Bein aus

vom
Aus der Onlineredaktion

Das analoge Leben in Dänemark wird immer komplizierter: Für Tageszeitungen und wichtige Briefe ist die Post nicht mehr zu haben.

Kopenhagen | Samstags in den Postkasten blicken müssen Dänen fortan nicht mehr, denn er wird leer sein. Der seit 1624 von „Post Danmark“ ausgelieferte analoge Brief hat im Land der Inseln und Buchten so gut wie ausgedient. Das hat mit dem jüngsten Beschluss des Parlaments Folketing zu tun – und mit der fast schon radikalen Digitalisierung zur Kostensenkung der öffentlichen Hand in den letzten Jahren.

Die Digitalkur des dänischen Staates hat Konsequenzen: Schnelle Briefe werden aus Kostengründen abgeschafft, Zeitungsverlage müssen ihre Zustellungsstruktur ändern. Damit wird beim Postverkehr insgesamt eine Zeitenwende einläutet.


Anfang des Jahres hatte es abermals eine kräftige Preiserhöhung für Briefpost gesetzt: 2,55 Euro kostet ein leichter Brief seitdem, wenn er am nächsten Tag zugestellt werden soll. Billiger geht es auch (1,10€), aber dann dauert es bis zu vier Werktage, bis Karte oder Umschlag eintrudelt. Die teurere Kategorie wird jetzt komplett abgeschafft: In Zukunft muss der Postbote somit erst losfahren, wenn die Tasche voll ist. Das spart Geld und kostet Zeit: Fünf Werktage dürfen Briefe künftig unterwegs sein – und der Samstag wird zum Feiertag. Über die neuen Preise für die Schneckenpost ist bislang noch nichts bekannt.

Diese Entwicklung reiht sich ein in den allgemeinen Trend zum „papierlosen“ Alltag in Dänemark, den der Staat maßgeblich vorantreibt. Die Anzahl der verschickten Briefe hat sich in den vergangenen 15 Jahren mehr als halbiert, so dass die Post in diesem Bereich kaum mehr wirtschaftlich arbeiten kann. Die „Post Nord“, Eigentümer von „Post Danmark“, verzeichnete 2015 im innerdänischen Postverkehr einen Verlust von fast einer Milliarde Kronen. Alternative zu dem nun mit breite Mehrheit beschlossenen Leistungs-Abbau wäre eine Anhebung des Briefportos auf bis zu 50 Kronen (6,70 Euro) gewesen, sagt Transportminister Hans Christian Schmidt. Nur so wäre die Wirtschaftlichkeit zu gewährleisten.

Für Leser von Tageszeitungen und Bewohner der ländlichen Räume ergeben sich durch die Post-Entschleunigung Probleme. Zwar werden die meisten Zeitungen durch Zusteller ausgeliefert, doch einige werden unter der Abschaffung der A-Post besonders zu leiden haben, berichtet Danmarks Radio. Hart betroffen ist das „Kristeligt Dagblad“, das bisher beinahe ausnahmslos auf Postverteilung gesetzt hat. Laut Chefredakteur Erik Bjerager werde man umstellen müssen, aber kaum die fünf bis zehn Prozent der Abonnenten in den Randgebieten voll versorgen können: „Wir haben einen Staat und eine Regierung, die die Digitalisierung so schnell vorantreiben will, dass viele Gesellschaftsgruppen dem nicht folgen können“, kritisiert er den Kurs aus Kopenhagen. Damit meint er vor allem Ältere, Landbewohner und Kranke. Einige Kunden werde die Zeitung daher verlieren.

Auch viele Patienten könnten wichtige Informationen nicht mehr rechtzeitig erhalten, wenn Briefe künftig grundsätzlich fünf Werktage lang unterwegs sind. Laut Mette Simonsen, Facharztleiterin am Uni-Klinikum Aarhus, gibt es sehr viele ältere und sozial schwache Bürger, die keine e-Boks (Dänischer elektronischer Posteingang für öffentlichen E-Mail-Verkehr) haben und die man bisher nur innerhalb der gegebenen Fristen mit der A-Post erreichen konnte. Bestimmte Vorgaben des Staates – beispielsweise bei Krebspatienten – können man nicht mehr einhalten, sagt Simonsen. In diesen Fällen müsse vermehrt das Telefon benutzt werden.

Dänemark, der papierfreie Staat

Dass in Dänemark bereits ein virtuelles Zeitalter herrscht, wie es in Deutschland noch unvorstellbar ist, ist nichts Neues. Schon ab 1968 baute man mit dem Zivilregister ein Fundament dafür, das von Datenschützen und Künstlern zwar heftig attackiert wurde, aber kaum mehr wegzudenken ist: die CPR-Nummer wurde eingeführt. Diese dient sowohl als Personen-ID, als auch als Sozialversicherungsnummer und Steuernummer. Jeder registrierte Bürger hat damit Zugang zum einem digitalen Bürgerbüro e-Boks, mit dem er so ziemlich jede bürokratische Angelegenheit auf der Zugfahrt oder auf dem Sofa erledigen kann, Steuererklärung inklusive. Briefmarke überflüssig. Die drastische Digitalisierung der Kommunikation zwischen Bürgern und Behörden hat der Post am meisten zugesetzt, war der Staat doch im Papier-Zeitalter ihr bester Kunde gewesen.

Der virtuelle Trend hat seit Langem auch den alltäglichen Zahlungsverkehr erreicht. Mit der Debitkarte Dankort hat schon vor vielen Jahren der Magnetstreifen Schein und Münze als beliebtestes Zahlungsmittel abgelöst. Auch die Zahlung über Smartphones ist derzeit besonders auf dem Vormarsch. Eine Umfrage bei YouGov in Auftrag ergab 2015, dass 57 Prozent der Befragten kaum oder gar kein Problem damit hätten, wenn in einem Monat das Bargeld abgeschafft werden würde. Nur 41 Prozent bestanden weiter auf Druck und Prägung.

Kopenhagen reagierte seinerseits, denn Bargeld ist ein Kostenfaktor und ein Wachstumshemmnis. Seit 2016 müssen Einzelhändler, Tankstellen und Restaurants kein Bargeld mehr annehmen. Die Sicherung der eingenommenen Scheine und Münzen koste beispielsweise Angestellte einer Tankstelle am Ende des Arbeitstags Zeit, war das Argument der Befürworter.

Mit Material des „Nordschleswiger“

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erstellt am 04.Mai.2016 | 15:03 Uhr

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