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Panorama

08. Dezember 2016 | 05:14 Uhr

Galaxien und Planeten : Ein Arbeitstag pro Bild: Wie einem Angelner faszinierende Astro-Fotos gelingen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es ist ein ungewöhnliches Hobby: Kim Geldmacher macht die Schönheit der Himmelsobjekte sichtbar.

Es ist Mitternacht in einem kleinen Dorf im Norden Schleswig-Holsteins. Die Straßenlaternen erlöschen, und bis auf ein paar wenige Fenster, aus denen noch gelbes Licht scheint, breitet sich pure Dunkelheit aus. Während das Dorf schläft, wird einer jetzt erst richtig wach. Kim Geldmacher macht sich auf in seinen Garten. Denn wenn jegliche Lichtquellen erloschen sind und der Himmel klar ist, schlägt seine Sternstunde.

Die Sternwarte im Garten: Kim Geldmacher präpariert das Spiegelteleskop für die nächtliche Beobachtung.
Die Sternwarte im Garten: Kim Geldmacher präpariert das Spiegelteleskop für die nächtliche Beobachtung. Foto: Michael Staudt
 

Er bezieht Stellung im selbstgebauten Gartenhaus. Das sieht zwar von außen aus recht unspektakulär aus, doch entpuppt sich beim Betreten als Sternwarte, und zwar ein Sahnestück von Sternwarte. Spätestens, wenn der 45-Jährige das rollbare Flachdach des Anbaus zur Seite schiebt, kann man nur noch staunen. Hier steht ein riesiges Teleskop, daran Hunderte Kabel und Montierungen. Aus dem „Regieraum“, dem eigentlichen Gartenhaus, lässt sich das Fernrohr bedienen – durch ein Fenster hat Geldmacher die Anlage im Blick und muss so auch in Winternächten nicht in der Kälte ausharren, wenn er seinem Hobby frönt.

Denn das ist nicht bloß Sterne gucken. Der zweifache Familienvater begnügt sich nicht mit dem Beobachten von Sternen, Galaxien oder Planeten durch ein Teleskop. Er will mehr sehen – und die Schönheit der Himmelsobjekte für die Ewigkeit festhalten, sie auch für andere sichtbar machen. Er ist Astrofotograf. Spektakuläre Aufnahmen sind das Resultat seiner nächtlichen Aktionen unter dem Himmelszelt von Schleswig-Holstein. Da ist zum Beispiel eine spiralförmige Galaxie, die ozeanblau und feuerrot vor dem Schwarz des Alls leuchtet und einen förmlich ins Bild zieht. Oder die Milchstraße, ein mystisch wirkender Nebel in Violett, Blau und Gelb, übersät mit Millionen weißen Lichtpunkten – Sternen.

Die Astrofoto-Anlage in Betrieb.
Die Astrofoto-Anlage in Betrieb. Foto: Kim Geldmacher

„Wenn man durch ein normales Teleskop schaut, sieht man das so nicht“, erklärt Kim Geldmacher. „Jedenfalls nicht in der Hobby-Variante. Viele sind deshalb enttäuscht, wenn sie sich ein Fernrohr zulegen und das Gesehene relativ unspektakulär ist.“ Die Erklärung dafür ist simpel und in der Physiologie des menschlichen Auges zu finden. In unserer Netzhaut befinden sich Sinneszellen, die das Sehen ermöglichen. Sie wandeln die elektromagnetischen Wellen des Lichtes in Nervenimpulse um und leiten sie an den Sehnerv weiter, von wo aus die Reize ins Gehirn gelangen. Die Sinneszellen auf unserer Netzhaut arbeiten nicht alle gleich. Die Zapfen sind für die Farbwahrnehmung zuständig, die Stäbchen melden uns hell oder dunkel. Erst beide zusammen lassen das komplette farbige Bild der Umwelt entstehen. Doch das funktioniert nur bei einer bestimmten Helligkeit. Ist es zu dunkel, arbeiten die Zapfen nämlich nicht, sodass wir nur Formen, Umrisse und Grautöne wahrnehmen – denn nur die Stäbchen sind aktiv. Dass laut einer Redewendung nachts alle Katzen grau sind, liegt genau daran.

Mit seiner Fototechnik trickst Geldmacher diese Schwachstelle des menschlichen Auges aus. Er fotografiert jeden Farbkanal durch einen separaten Filter, so werden die verschiedenen Gasformen, aus denen die Himmelsobjekte bestehen, für das Auge sichtbar. In der Farbe Grün wird zum Beispiel ionisierter Wasserstoff dargestellt. Doch erst ein weiterer Kniff macht die faszinierenden Bilder möglich: Während unser Auge immer nur eine Momentaufnahme liefert, fotografiert er mit seiner Spezialkamera ein Objekt bis zu 30 Stunden lang – jeder Kanal wird zehn Stunden lang belichtet. Möglich wird das durch eine Montierung, auf der das Teleskop und die angeschlossene Kamera ruhen.

„Diese wird exakt der Erddrehung nachgeführt und auf den Himmelspol nahe dem Polarstern geeicht“, erklärt der Hobby-Astronom. So verfolgen Fernrohr und Kamera beispielsweise eine Galaxie bei ihrer scheinbaren Wanderung über den Nachthimmel. Die Aufnahme läuft automatisch die Nacht durch, der Fotograf muss ab und zu kontrollieren, ob alles rund läuft. Damit er sich nicht die ganze Nacht um die Ohren schlagen muss, hat sich Geldmacher ein Feldbett in die Sternwarte gestellt, auf dem er sich zwischendurch mal die eine oder andere Stunde Schlaf gönnt.

Schnell wird klar: Astrofotografie, das ist eine ziemlich komplizierte Angelegenheit. Auch wenn man mit einer ganz normalen Fotoausrüstung anfangen kann, wie der gebürtige Flensburger schildert. „Man kann etwas daran rumschrauben, damit die Kamera in der Dunkelheit besser funktioniert.“ Etwas rumschrauben, nun ja – daran würde es vermutlich bei vielen schon scheitern. Ihm liegt sowas jedoch im Blut. „Ich bin technisch versiert und ein Bastler. Und für Naturwissenschaften habe ich mich schon als kleines Kind begeistert.“

Mittlerweile nutzt er für seine Bilder ein Spezialgerät – eine gekühlte mono CCD-Kamera. Dennoch bleibt das große Problem: „Ich fotografiere im Dunkeln. Dabei rauscht die Kamera extrem.“ Bildrauschen, das meint die Störung eines Digitalbildes durch bunte Pixel – ein Problem, das vor allem bei Nachtaufnahmen auftritt. In der klassischen Analog-Fotografie nannte man das Phänomen „Körnung“.

Für die technische Ausstattung kann man als Astrofotograf wahnsinnig viel Geld ausgeben. Bei 100 Euro fange es an, nach oben gebe es keine Grenze. Für den Schleswig-Holsteiner „soll es aber ein Hobby bleiben“. Dennoch verbirgt sich in seinem Gartenhaus schon ein kleines Vermögen. Weil Teleskop und Kamera während der Aufnahme unter freiem Himmel stehen, ist die Anlage enorm anfällig für Störungen. Auch wenn sie schon fast drei Meter tief in einem Betonsockel verankert ist. „Da ist enorm viel Luft zwischen den Sternen und uns. Schon eine kleine Windböe oder Staubkörner auf der Linse können das Bild verschlechtern.

„Es ist außerdem wichtig, dass ich aufwache, bevor die ersten Vögel kommen – wenn die ins Teleskop machen...“ Noch so ein Super-Gau des Astrofotografen: Wenn kurz vor dem Ende der Aufnahme, also nach zig Stunden mit perfekten Fotos, plötzlich ein Flugzeug das Bild kreuzt und alle Arbeit zunichte macht. „Dann ärgere ich mich schwarz“, sagt Geldmacher, der tagsüber als Techniker in der Verpackungsindustrie arbeitet.

Sind die nächtlichen Aufnahmen im Kasten, ist es noch lange nicht getan, denn erst dann beginnt die Arbeit am Computer. Hunderte Einzelaufnahmen werden per Bildbearbeitungsprogramm zusammengefügt, kalibriert und kombiniert. „Man muss hundertprozentig genau arbeiten“, erklärt er. Bis schließlich das eine Bild vorliegt, das Ergebnis von mindestens einem kompletten Arbeitstag. Natürlich ginge das auch „quick and dirty“, sei aber eine Frage des Ehrgeizes. Und daran mangelt es in diesem Hause nicht. „Cholerische Anfälle“ soll es schon gegeben haben in diesem speziellen Garten in Oeversee, als mal etwas partout nicht klappen wollte. Und dass Kim Geldmacher mit dem letzten Schritt seiner Bildbearbeitungs-Software „nicht ganz zufrieden“ ist und ihn „lieber nochmal allein erledigt“, spricht Bände. „Ich habe daran Feuer gefangen“, gibt er mit einem Schmunzeln zu. „Und ich kann total toll dabei abschalten. Aber viele halten mich bestimmt für einen Spinner.“

Die ersten Funken sprangen im Alter von 17 Jahren über. Damals, Anfang der Neunziger Jahre, kaufte sich Kim Geldmacher sein erstes Teleskop bei einem großen deutschen Kaffeeröster. „Das Gestell taugte aber nix, das habe ich schnell gemerkt“, erinnert er sich. Bei der bloßen Beobachtung von Sternen und Planeten, Kometen und Galaxien blieb es aber nicht lang. Schon bald keimte in ihm das Bedürfnis, mit Fotografien noch mehr Details sichtbar zu machen.

Sein jetziger Wohnort südöstlich von Flensburg ist dafür perfekt geeignet. „Hier auf dem Land hat man echt Glück mit der Sicht“, sagt Kim Geldmacher. Wenn gegen Mitternacht in seinem Dorf bei Oeversee die Laternen ausgehen, ist es stockfinster. Man könnte denken, dass richtige Dunkelheit, die den ungestörten Blick auf den Sternenhimmel ermöglicht, in Schleswig-Holstein normal sei. Doch die Lichtverschmutzung, wie die Aufhellung des Nachthimmels durch künstliche Lichtquellen offiziell bezeichnet wird, ist auch im vorwiegend ländlich geprägten Norden schon weit fortgeschritten. So richtig dunkel wird es in Europa eigentlich nirgendwo mehr, doch es gibt eben Flecken, von denen aus der nächtliche Blick ins Weltall noch einigermaßen klar ist – und die Region Angeln südöstlich von Flensburg ist so einer.

Auf dem Tisch im Gartenhaus liegt ein kleines Notizbuch, in dem Kim Geldmacher vermerkt, was er demnächst mal anvisieren will. Die Seiten sind gut gefüllt. Doch jetzt muss er sich erstmal in Geduld üben. In den sogenannten „Weißen Nächten“ des Sommers, in denen die Sonne nur für kurze Zeit hinter den Horizont sinkt, ist keine Beobachtung möglich. Aber er hat da noch so ein Bastelprojekt – eine neue „Fotomaschine“ bauen.

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erstellt am 31.Jul.2016 | 17:13 Uhr

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