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Panorama

04. Dezember 2016 | 23:29 Uhr

Geesthacht, Glinde, Leipzig : Drohbriefe an Schulen: Ernste Gefahr oder Dumme-Jungen-Streich?

vom

Ein Unbekannter hat am Montag deutschlandweit Schulen mit einem Amoklauf gedroht. Wie ernst muss man solche Fälle nehmen?

„Heute wird in Schule XY etwas Schlimmes passieren!“ – solche Drohbriefe landen immer wieder bei der Polizei. Ob Schulen, Behörden, Sozialämter, Weihnachtsmärkte oder Fußballspiele – in vielen Fällen schicken potenzielle Täter Terrordrohungen oder Ankündigungen von Amokläufen. Ernst gemeint oder nicht? Das ist dann die Frage.

Am Montag wurde deutschlandweit mehreren Schulen mit einem Amoklauf gedroht. Auch in Schleswig-Holstein ist das schon passiert - zuletzt Ende September in Geesthacht und im Februar in Glinde.

Manchmal reicht ein Blick in den Kalender. „Wenn eine Schule bedroht wird und heute der erste Schultag nach dem Ende der Ferien ist oder eine Klausur geschrieben werden soll, kann der Verdacht entstehen, dass da ein Schüler mal einen freien Tag haben will“, sagt Gustav Zoller. Der Experte für Einsatztaktik ist Dozent an der Deutschen Hochschule der Polizei (DHPol) in Münster. Zoller kennt angedrohte Amokläufe aus seinem Berufsleben und sagt: „Das ist dann aber kein schlechter Scherz mehr.“

Straftat liegt vor

Aus dem Dumme-Jungen-Streich wird dann eine Straftat, die laut Strafgesetzbuch mehrere Tatbestände umfasst, etwa Störung des öffentlichen Friedens wegen Androhung von Straftaten (§126), Bedrohung (§241) oder auch Vortäuschung einer Straftat (§145 d). Das kann für den Täter teuer werden. Wenn Polizei und Rettungswagen ausrücken – und das vielleicht umsonst – wird geprüft, ob der Täter für die Kosten aufkommen muss. Zoller sagt: „Da kommen locker mal 5000 Euro und mehr zusammen.“ Ist der Täter unter 18 und hat kein Einkommen, müssen die Eltern einspringen. Sogar Haftstrafen stehen an, wenn der Täter schon mehrfach straffällig geworden und verurteilt worden ist. Das alles reicht aus Sicht des Chefs der Polizeigewerkschaft DPolG, Rainer Wendt, aber nicht aus: „Es müsste härtere Strafen geben. Die Polizei müsste sich nicht nur den Einsatz, sondern zusätzlich auch noch ihre Ermittlungsarbeit bezahlen lassen.“

Per Facebook und Twitter oder per Mail schicken die Täter ihre Drohungen ab. Mancher schreibt auch noch mit Schreibmaschine oder wirft einfach einen hingekritzelten Zettel im Briefkasten ein. Gerade im Umfeld der Terrormiliz IS werden auch kleine Videos ins Netz gestellt, die an Gewalt-Videospiele erinnern. Zahlen darüber, ob die Drohbriefe zunehmen, nennt das Bundeskriminalamt nicht.

Polizei muss abwägen

Dann wird es knifflig: Wie kann die Polizei entscheiden, ob ein Drohbrief ernst gemeint ist oder ob nur ein Scherzkeks am Werk war? Die Beamten müssen in jedem Fall blitzschnell abwägen, ob etwas authentisch ist oder nur Wichtigtuerei. Falls sie einen Hinweis nicht ernstnehmen und es passiert ein Amoklauf oder Anschlag, ist das verheerend. Reagieren sie zu hart, müssen sie sich Vorwürfe gefallen lassen, die Öffentlichkeit in Angst und Schrecken zu versetzen. Manchmal fallen Großereignisse wegen einer Drohung aus, so etwa im vergangenen Jahr der Braunschweiger Karneval und das traditionsreiche Radrennen „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ in Frankfurt. Im November wurde das Länderspiel in Hannover von der Polizei abgesagt. Experte Zoller sagt: „Zu einer solchen Absage entscheiden wir uns nur, wenn konkrete Hinweise vorliegen, dass ein Anschlag bevorstehen kann.“

Flattert ein Drohschreiben herein, prüft ein Einsatzteam zunächst, ob die Drohung schlüssig ist, also etwa ob es Hinweise und Details zum Ort gibt. Schreibfehler und Sprache deuten auf einen wenig professionellen Täter. Bei Telefonanrufen werden Spezialisten zur Stimmerkennung eingesetzt. „Der Faktor Erfahrung spielt eine große Rolle“, sagt eine Sprecherin des Bundeskriminalamtes BKA. Entscheidend sei auch, wie viel Zeit den Beamten bleibe, um zu ermitteln und zu entscheiden. Das BKA betont: „Im Zweifelsfall muss immer die Sicherheit Vorrang haben.“ Ob der potenzielle Attentäter auf den IS verweist oder nicht, macht dabei keinen Unterschied. Zoller von der Deutschen Hochschule der Polizei sagt: „Um den IS gibt es einen neuen Hype, weil jeden Tag in den Medien über den Terror berichtet wird.“ Allein um Aufmerksamkeit zu erlangen, beziehen sich manche Trittbrettfahrer laut Experten deshalb auf den IS.

Viele Trittbrettfahrer

Nach jedem Anschlag – zuletzt etwa in Paris, Brüssel und München – steigt die Zahl von Drohungen und Kampfansagen. Einige wollen sich nur wichtig machen, aber es kann eben auch eine echte Bedrohung sein. Der Chef der Polizeigewerkschaft DPolG, Rainer Wendt, sagt: „Dabei stecken wir oft in einem Dilemma: Vielfach wissen wir, dass es Blödsinn ist, aber die Polizei muss ermitteln, das kostet Zeit.“ Die Polizei sieht es daher gar nicht gerne, wenn Drohungen es dauernd in die Medien schaffen. Denn dann fühlen sich noch mehr Menschen angespornt, als Trittbrettfahrer den Angstmachern nachzueifern.

Und wer sind die Täter? Der typische Tätertypus ist männlich und lebt in einem schwierigen Umfeld, hat etwa Probleme in der Schule, im Beruf oder in der Familie. Gewerkschaftschef Wendt beschreibt die Täter so: „Das sind verkrachte Existenzen, die einfach nichts anderes zu tun haben und den Hass über ihre Erfolglosigkeit auf andere projizieren.“

Polizei setzt auf Prävention

Nach Amokläufen von Schülern mit mehreren Toten wie in Winnenden und Erfurt hat die Polizei in den vergangenen Jahren ihre Prävention verstärkt. In vielen deutschen Schulen gab es Umbauten, etwa Türen zu den Klassenräumen, die bei Alarm nur noch von innen zu öffnen sind. Zudem gehen die Beamten in die Schulen, informieren Lehrer, klären Eltern bei Info-Abenden oder mit Flyern auf.

Trotz Terrorgefahr und vieler Medienberichte sind die Deutschen nach Einschätzung von Gewerkschaftschef Wendt insgesamt gelassen geblieben. Das gelte auch für die nun anstehende Weihnachtsmarkt-Saison, sagt Rainer Wendt: „Ich werde oft gefragt: Können wir in diesem Jahr auf den Weihnachtsmarkt gehen? Und ich antworte dann: „Wer mit dem Auto kommt, hat bei der Ankunft den gefährlichsten Teil des Abends schon hinter sich.“

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erstellt am 18.Okt.2016 | 09:54 Uhr

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