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Panorama

09. Dezember 2016 | 18:34 Uhr

NSU-Terrorist : DNA von Uwe Böhnhardt bei Peggys Skelett gefunden

vom
Aus der Onlineredaktion

Am Fundort der Leiche wurden Gen-Spuren Böhnhardts gefunden. Das bestätigte die Polizei am Abend.

Bayreuth/München | Am Skelett des ermordeten Mädchens Peggy sind DNA-Spuren des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden worden. Das teilten das Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Bayreuth am Donnerstag mit. Zuerst hatte die „Bild“-Zeitung berichtet.

Nie war im Fall Peggy bisher eine Verbindung zu der Mordserie der NSU-Terrorgruppe gezogen worden. Böhnhardt hatte sich mit seinem Komplizen Uwe Mundlos im Sommer 2011 das Leben genommen. Brisant: Bereits 2014 führte die Spur eines im Jahr 1993 getöteten Jungen zu Uwe Böhnhardt. Bislang haben die Ermittlungen jedoch keine Klarheit erbracht.

Wie die Behörden nun mitteilten, konnten am Fundort der Knochen zahlreiche Spurenträger sichergestellt werden. Bei der Untersuchung sei DNA identifiziert worden, „die Uwe Böhnhardt zuzuordnen ist“. Allerdings: „In welchem Zusammenhang diese DNA-Spur gesetzt wurde, wo sie entstanden ist und ob sie in Verbindung mit dem Tod von Peggy K.steht, bedarf weiterer umfassender Ermittlungen in alle Richtungen, die derzeit geführt werden und ganz am Anfang stehen.“ Böhnhardts DNA-Spuren wurden an einem Gegenstand gefunden, wie Oberstaatsanwalt Harald Potzel am Abend in Bayreuth mitteilte. Details nannte er nicht.

Aussagekraft der DNA-Probe untersucht

Nach „Spiegel“-Informationen handelt es sich bei dem Gegenstand um ein Stück Stoffdecke. Der Bayerische Rundfunk berichtete unter Berufung auf Polizeikreise, dass es sich um ein Stück Stoff von der Größe eines Fingernagels handele. Demnach war am Nachmittag nach einem Datenbanken-Abgleich durch die Rechtsmedizin ein entsprechender Treffer gemeldet worden.

Wie „Spiegel Online“ weiter berichtet - unter Berufung auf Ermittlerkreise - ist auch eine Verunreinigung der DNA-Probe theoretisch denkbar. Das Skelett von Peggy und die Leiche Böhnhardts seien im gleichen rechtsmedizinischen Institut untersucht worden.

Erst Anfang Juli 2016 - mehr als 15 Jahre nach ihrem Verschwinden - hatte ein Pilzsammler in einem Wald im Grenzgebiet zwischen Thüringen und Bayern Knochen von Peggy gefunden. Ihr Tod ist einer der größten ungelösten Kriminalfälle in Bayern. Die neunjährige Schülerin aus dem fränkischen Lichtenberg war am 7. Mai 2001 nicht von der Schule nach Hause gekommen. Wochenlange Suchaktionen blieben erfolglos.

Ende September hatte die Polizei erneut den Fundort der Knochen des Mädchens in einem Wald in Thüringen untersucht. „Das sind routinemäßige Überprüfungen“, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberfranken damals. „Das hat sich im Rahmen der Ermittlungen ergeben.“

An dieser Stelle wurde die Leiche von Peggy gefunden.
An dieser Stelle wurde die Leiche von Peggy gefunden. Foto: dpa

In welcher Verbindung steht der NSU dazu?

Uwe Böhnhardt war 2011 im Alter von 34 Jahren gestorben - mutmaßlich durch Schüsse seines Mittäters Uwe Mundlos, bevor dieser sich in einem Wohnmobil selbst tötete. Die beiden Rechtsextremisten und Beate Zschäpe sollen laut Bundesanwaltschaft jahrelang unerkannt gemordet haben.

Dabei bekommt auch ein weiteres Detail durch die DNA-Funde neues Gewicht: In dem ausgebrannten Wohnmobil, in dem sich Mundlos tötete, wurden nach Informationen des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses Kindersachen gefunden, deren Herkunft bis heute unklar ist. Die meisten - darunter ein Paar Schuhe - seien nie auf DNA untersucht worden.

Mitglieder des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses entsetzt

Mehrere Mitglieder des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses haben entsetzt auf die Nachricht vom Fund der DNA-Spuren reagiert. Die Linke-Obfrau des Ausschusses, Katharina König, forderte am Donnerstag, nun müsse es einen Abgleich der DNA von Böhnhardt sowie der DNA der weiteren mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Beate Zschäpe mit allen ungeklärten Fällen geben, bei denen Kinder und Menschen mit Migrationshintergrund zu Tode gekommen seien. Zudem sei aus ihrer Sicht derzeit völlig offen, ob der Münchner NSU-Prozess gegen Zschäpe so weitergehen könne wie bisher.

Wie König zeigte sich auch die Vorsitzende des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses, Dorothea Marx (SPD), bestürzt von der Nachricht. Beide sagten, nach ihrem Kenntnisstand sei die Herkunft der Kindersachen aus dem Wohnmobil bis heute ungeklärt. Diese müssten nun unbedingt auch in den Fokus der Ermittlungen im Fall Peggyrücken. „Die meisten der Kindersachen wurden nie auf DNA untersucht“, sagte Marx. In dem Wohnmobil waren unter anderem Kinderschuhe gefunden worden.

Der Fall Peggy in der Chronologie:

7. Mai 2001

Die neunjährige Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg verschwindet auf dem Heimweg von der Schule. Wochenlange Suchaktionen bleiben ohne Erfolg.

August 2001

Die Polizei nimmt einen geistig behinderten Mann fest. Er gibt an, sich an Peggy und drei weiteren Kindern sexuell vergangen zu haben.

22. Oktober 2002

Die Ermittler präsentieren den 24-Jährigen als mutmaßlichen Mörder der Schülerin.

7. Oktober 2003

Vor dem Landgericht Hof beginnt der Prozess.

30. April 2004

Der geistig behinderte Mann wird wegen Mordes an Peggy zu lebenslanger Haft verurteilt.

17. September 2010

Ein wichtiger Belastungszeuge widerruft seine Aussage und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden.

4. April 2013

Der Anwalt des geistig behinderten Mannes beantragt die Wiederaufnahme des Falls.

8. Januar 2014

Auf dem Friedhof Lichtenberg öffnen die Ermittler ein Grab. Sie vermuten, dass bei einer Beerdigung 2001 Peggys Leiche dort abgelegt wurde. Doch sie finden keine Hinweise.

10. April 2014

Auf Anordnung des Landgerichts Bayreuth beginnt das Wiederaufnahmeverfahren.

7. Mai 2014

Das Gericht beendet das Verfahren aus Mangel an Beweisen. Eine Woche später gibt es einen Freispruch für den geistig behinderten Mann.

18. Februar 2015

Die Staatsanwaltschaft Bayreuth stellt ihre Ermittlungen ein. Ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wird aber aufrechterhalten, um mögliche Spuren weiterzuverfolgen.

19. März 2015

Das Oberlandesgericht Bamberg entscheidet, dass der ursprünglich verurteilte Mann aus der Psychiatrie entlassen werden soll.

3. Juni 2015

Die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ greift den Fall Peggy auf.

16. Juni 2015

Ein ehemaliger Verdächtiger im Fall Peggy wird in einem anderen Fall wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes zu einer Jugendstrafe von sieben Monaten ohne Bewährung verurteilt. Im Fall Peggy gilt er nicht mehr als tatverdächtig.

Mai 2016

Ein im Fall Peggy ehemals verdächtigter Mann fordert Schadenersatz von mehr als 20.000 Euro. Ermittler hatten 2013 auf der Suche nach dem verschwundenen Mädchen sein Grundstück in Lichtenberg metertief durchsuchen lassen. Die Ermittler hatten dabei zwar Knochenreste gefunden. Sie stammten aber nicht von Peggy.

2. Juli 2016

Ein Pilzsammler findet in einem Wald in Thüringen Skelettreste. Die Polizei prüft Verbindungen zum Fall Peggy.

4. Juli 2016

Polizei und Staatsanwaltschaft teilen mit, dass die Knochen „höchstwahrscheinlich“ von Peggy stammen. Dies hätten erste rechtsmedizinische Untersuchungen und Erkenntnisse am Fundort ergeben.

13. Oktober 2016

Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Bayreuth teilen mit, dass am Skelett des Mädchens DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden worden.

 
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erstellt am 14.Okt.2016 | 07:23 Uhr

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