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Doppelmörder Marcel H. : Der Mord in Herne als Internet-Ereignis

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Menschen konnten Zeugen der Morde von Marcel H. werden. Das erschreckende Material erreichte auch unseren Autoren.

Bislang war ich noch nie Zeuge eines Mordes. Seit dieser Woche bin ich mir dessen nicht mehr sicher. Am Montagabend wurde Marcel H. zum Mörder. Der 19-Jährige gestand am Freitag, den unschuldigen Nachbarsjungen Jaden (9) an diesem Tag erstochen zu haben. Auf der Flucht vor der Polizei dann ein weiterer Mord an einem 22-jährigen Mann. Grauenvolle Taten. All das fand in der Nacht zu Freitag ein Ende. Welche Rolle ich dabei gespielt habe? Ich war Hunderte Kilometer entfernt. Und doch habe ich zugesehen. Zumindest hat es sich so angefühlt.

Der Mord an einem Neunjährigen wurde zum kranken Live-Event im Internet - jeder konnte zuschauen oder teilnehmen.

Nicht im sogenannten Darknet – also einem Teil des Internets, der ohne Weiteres nicht zugänglich ist –, sondern in den sozialen Netzwerken wie Twitter, Facebook und Youtube stieß ich bei der Recherche für shz.de auf die Spuren, die Marcel H. nach seinen Taten hinterließ. Alles unter dem Suchbegriff „Herne“. Grausame Fotos, Text-Nachrichten und sogar Tonaufnahmen, die er über den Messenger WhatsApp einem Bekannten schickte und in denen er widerlich zynisch und gefühlskalt seine Taten beschreibt. Es ist das schockierende Rohmaterial einer Mord-Ermittlung, das normalerweise unter Verschluss bleibt. Der Anblick dieser Dokumente durchdringt den Körper, zumal sich all das während der Flucht des Täters abspielt.

Wer sich auf diesem Weg in den vergangenen Tagen mit Marcel H. beschäftigt hat, war in Echtzeit dabei. Der Fall war nicht abgeschlossen, niemand wusste, was noch passieren wird. Von der Polizei hieß es: Keine heiße Spur. Gleichzeitig brüstete sich der Täter über ein Messengerboard namens „4Chan“ mit seinen Taten, antwortet bereitwillig auf Fragen und Kommentare von Nutzern.

Die Nutzer des Forums überschlagen sich vor Euphorie, feiern die brutalen Taten und glorifizieren sie sogar, fordern: „Freiheit für Marcel!“ Einige Nutzer streuen das Material aus der weniger bekannten Plattform „4Chan“ in den Mainstream-Netzwerken Twitter und Facebook, wo es noch heute abgerufen werden kann und von wo aus es schließlich auch auf meinem Bildschirm landete.

Es scheint genau das zu sein, was sich Marcel H. gewünscht hat. Er hat das Echo auf seine Taten die ganze Zeit verfolgt. Als er sich in einem Imbiss stellt und der Mann hinter dem Tresen unwissend fragt, welcher Marcel er sei, antwortet der: „Guck auf dein Tablet, mein Bild steht da.“

Es ist die Aufgabe von Polizei und Journalisten, verantwortungsvoll mit Details aus Mordermittlungen umzugehen. Bei so grausamen Taten wie dieser hat das nicht nur mit den Grenzen des emotional Ertragbaren zu tun. Dass schockierende Details in Medien zurückgehalten werden, geschieht aus ermittlungstaktischen Gründen, aber auch zum Schutze des Persönlichkeitsrechts der Opfer und ihrer Angehörigen. Die Eltern des kleinen Jaden, aber auch des 22-jährigen Opfers werden zukünftig im Internet mit den Bildern ihrer toten Kinder unter ihren vollen Namen konfrontiert – zusammen mit den verachtenden Kommentaren abgestumpfter Nutzer.

Es gibt Menschen, die sehr schnell sehr emotional werden, wenn Details aus laufenden Ermittlungen und Verfahren nicht öffentlich werden, weil Medien und Polizei sie zurückhalten. Im Fall Herne hatte das ein Mörder in der Hand.

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erstellt am 11.Mär.2017 | 11:56 Uhr

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