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Panorama

03. Dezember 2016 | 18:47 Uhr

Tag der deutschen Sprache : Das sind die Stolpersteine beim Deutsch lernen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Warum ist Deutsch lernen so kompliziert? shz.de hat eine DaZ-Professorin von der Flensburger Universität gefragt.

Flensburg | Prof. Dr. Julia Ricart Brede ist geschäftsführende Direktorin am Seminar für DaF/DaZ an der Europa-Universität Flensburg. Im Interview erzählt sie, worauf es beim Deutsch lernen ankommt.

Ist unsere Sprache im Vergleich zu anderen wirklich so kompliziert?

Das lässt sich nicht allgemein sagen. Wie schwierig man eine Sprache findet, hängt auch davon ab, welche Erstsprache (Muttersprache, Anm. d. Red.) man hat und welche weiteren Sprachen man kann. Außerdem gibt es ja verschiedene Bereiche einer Sprache – Aussprache, Wortschatz, Grammatik – da muss man für jeden Bereich nochmal einzeln schauen. Wollen Deutschsprachige zum Beispiel Chinesisch lernen, dann ist es für sie ganz schwierig, die Tonhöhenunterschiede zu erlernen. Umgekehrt müssen sich Chinesen im Deutschen auf eine gänzlich andere Intonation einstellen. Hingegen ist für einen Niederländer, der Deutsch lernen will, das Lautliche keine große Hürde. Die Sprachverwandtschaft spielt hier eine entscheidende Rolle.

 

Worüber fluchen Teilnehmer von Deutschkursen am meisten?

Artikel, Konjunktionen und Präpositionen, also Wörter, die in erster Linie eine grammatikalische Bedeutung haben, bereiten Lernern allgemein große Schwierigkeiten. Man spricht in diesem Fall auch vom „Strukturwortschatz“. Wörter wie „der“, „obwohl“ oder „wegen“ lassen sich schwer erklären, da sie inhaltlich nur schwer greifbar sind. Ganz anders ist das mit dem Inhaltswortschatz: der Tisch, der Stuhl, die Lampe, hungrig, groß oder klein – darauf kann ich zeigen oder es mir konkret vorstellen und weiß genau, was gemeint ist. Aber erklären Sie mal, was ein Artikel bedeutet! Hinzu kommt: Ein Satz wie „Timo steht Garten“ wird meist auch ohne Artikel und Präpositionen verstanden, weshalb ich die Probleme der Lerner gut nachvollziehen kann. Und manche Sprachen, wie z.B. das Türkische, kennen keine Artikel. Die Lerner müssen dann ein völlig neues Konzept verstehen.

Das Flensburger Team mit Julia Ricart Brede, Mira Rüter und Hannah Schrage (v.l.) untersucht die Sprachprogramme an Schulen in Hamburg und Niedersachsen.
Das Flensburger Team mit Julia Ricart Brede, Mira Rüter und Hannah Schrage (v.l.) untersucht die Sprachprogramme an Schulen in Hamburg und Niedersachsen. Foto: Ludwig
 

 

Unsere Verbkonjugation – jede Person eine andere Form – und die Satzstellung sind also gar nicht so schwierig?

Nein, gerade die Position des Verbs ist im Deutschen so regelmäßig, dass man sie sich gut einprägen kann. So steht z.B. im Aussagesatz das finite Verb immer an der zweiten Stelle. Die Verbstellung wird von Deutsch-Lernern in ganz bestimmten Stufen erworben. Am Anfang fallen Fehler hier noch deutlich auf. Erstmal wird das Verb nicht gebeugt: „ich fahren nach Hause“, später kommen Sätze wie „nach Hause ich fahren“. Innerhalb der ersten ein bis zwei Jahre ist das aber bei den meisten weg. Stolpersteine sind Präfixverben, z.B. kann man etwas „binden“, aber auch „verbinden“ oder ein Kind „entbinden“. Dass Verben solche kleinen Vorsilben vorangestellt werden, die dann auch noch ihre Bedeutung komplett verändern und teilweise abgetrennt, teilweise aber auch fest am Verb bleiben, ist eine echte Herausforderung. „Der Baum fällt um“ im Gegensatz zu „ich umfahre ein Auto“ – da muss man genau auf die Betonung achten, ob man das Präfix abtrennen kann oder nicht.

 

Welche Laute sind eine besondere Herausforderung?

Auch das hängt von der Erstsprache ab. Wenn jemand keine Umlaute kennt, dann wird man das auch nach Jahren noch hören. Statt „fünf“ hört man zum Beispiel „fiunf“. Zunächst müssen sich Lerner auf die typisch deutsche Lautstruktur einstellen: Zweisilber nach dem Muster betont, unbetont – wie „Auto“, „Mutter“, „Vater“, „Nase“. Mit solch kurzen, einfach auszusprechenden Wörtern fängt man an. Wenn jemand Dänisch, Niederländisch oder Englisch als Erstsprache hat, dem wird das nicht schwerfallen. Während Chinesen automatisch ihren schönen Singsang übertragen, weil sie ein ganz anderes Betonungsmuster gewohnt sind. Ist die Aussprache auf einem Niveau, dass man verstehen kann, was gesagt wurde, kann so ein Akzent eine sehr schöne Prägung sein, die zur Identität dazugehört.

„He, she, it – das S muss mit“ kennt jeder aus dem Englischunterricht. Welche Merksätze geben Sie den Studenten für den DaZ-Unterricht mit auf den Weg?

Das sind zunächst mal ganz grundsätzlich die Regeln der deutschen Sprache. Da das Deutsche für die meisten Studenten und künftigen DaZ-Lehrer die Erstsprache ist, haben sie diese nicht hinterfragt, sprechen sie unbewusst und machen sich gar keine Gedanken, warum es beispielsweise „der Nebel“ und „die Banane“ heißt. Für sowas gibt es aber Regeln. Früchte sind meist feminin, Niederschläge maskulin. Solche Regeln bewusst zu machen ist auch eine wichtige Aufgabe des DaZ-Studiums. Wenn es dann noch Merksätze gibt, umso besser.

 

Früchte sind also feminin – und warum tanzt der Apfel aus der Reihe?

Weil das ein Zweisilber auf -el ist, die sind im Deutschen häufig maskulin.

 

Und warum geht man zwar in DIE Schule, sitzt aber in DER Schule?

Weil „in“ eine Wechselpräposition ist. Die werden mit unterschiedlichem Kasus gebraucht – sie fordern den Dativ oder den Akkusativ. Zum Beispiel: Peter hängt den Spiegel an DIE Wand. Aber: Der Spiegel hängt an DER Wand. Bei an, auf, hinter, in, neben, über, unter, vor und zwischen ändert sich der Kasus, je nachdem, ob die Frage wohin? (Akkusativ – „an die Wand“) oder wo? (Dativ – „an der Wand“) beantwortet wird.

 

Herrje. Die armen DaZ-Lerner...

Wechselpräpositionen sind zugegebenermaßen etwas sehr Schwieriges, als Muttersprachler machen wir das intuitiv richtig.

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erstellt am 10.Sep.2016 | 17:48 Uhr

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