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Panorama

08. Dezember 2016 | 05:14 Uhr

Nachruf : Das kulinarische Gewissen Deutschlands - Wolfram Siebeck ist tot

vom

Essen und Trinken war sein Lebensinhalt. Jetzt ist der Gourmet und Autor mit 87 Jahren gestorben.

Mahlberg | Angeblich aß Wolfram Siebeck erst mit etwa 80 Jahren seine erste Currywurst - und er fand es natürlich fürchterlich: „Mein Hunger auf Currywurst ist bis zum Lebensende gestillt“, sagte er danach. Bis ins hohe Alter behielt der Gourmet, Gastronomiekritiker, Buchautor und Kolumnist seinen Biss. Er verstand sich als das kulinarische Gewissen Deutschlands. „Wer etwas bewegen und verändern will, muss Klartext reden und zubeißen können“, sagte er über seine Arbeit.

Am Donnerstag starb Siebeck, der in einem Schloss im badischen Mahlberg in der Nähe von Freiburg wohnte, mit 87 Jahren. Er starb nach kurzer schwerer Krankheit in einem Krankenhaus in Lahr - unweit seines Wohnortes, wie seine Ehefrau sagte.

Vor ein paar Jahren, als er 85 wurde, sagte Siebeck zufrieden: „Das Essen und Trinken ist vor mehr als 60 Jahren zu meinem Lebensinhalt geworden.“ Er verstand sich als Teil der „genießenden Linken“, ätzte gegen das oft genussfeindliche „protestantische Erbe“ in Deutschland. Oft und gerne fuhr er in den vergangenen Jahrzehnten nach Frankreich. Das Land lag nah an seinem Zuhause, nur wenige Kilometer entfernt.

Um 1950 herum, mit etwas über 20, begann er mit dem guten Essen. Es war damals eine Reise nach Frankreich, die ihn auf den Geschmack brachte. Kulinarisch verwöhnt war er zuvor keinesfalls. „Meine Mutter und meine Großmutter kochten miserabel, außerdem gab es in den Kriegsjahren nichts Gescheites zu essen.“ Im Land der Mehlschwitzengerichte und „Plumpsküche deutscher Hausfrauen“ wurde er in den folgenden Jahrzehnten zum Botschafter für gutes Essen und Trinken. Er war beispielsweise dafür, Gänseleberpastete zu genießen, Fleisch nicht durchzubraten oder Innereien wie Kutteln als Spezialität zu würdigen - in der frühen Bundesrepublik alles keine Selbstverständlichkeit.

1928 in Duisburg geboren, wuchs Siebeck in Essen und Bochum auf. Bei Kriegsende geriet Siebeck 1945 als Flakhelfer in Norddeutschland in britische Kriegsgefangenschaft war einige Monate auf der Insel Fehmarn interniert. Bald danach besuchte er die Werkkunstschule in Wuppertal, wo er eine Ausbildung zum Grafiker absolvierte.

Zunächst arbeitete er als Schildermaler, wurde dann bei der damals neu gegründeten „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (WAZ) Pressezeichner. Er war längere Zeit freier Illustrator, wurde dann zum Autor. Er schrieb für Zeitungen und Zeitschriften wie „Twen“, „Stern“, dann viele Jahre für die Wochenzeitung „Die Zeit“, später auch fürs „Zeit“-Magazin und die Gourmet-Zeitschrift „Der Feinschmecker“.

Seine Kritiken waren oft umstritten, viele Leser störten sich am angeblich arroganten Ton und dem zur Schau getragenen Hedonismus - andere liebten ihn genau dafür. Er veröffentlichte viele Bücher, wurde selber zu einer Marke. Dazu trugen auch Fernsehsendungen mit ihm bei. In den letzten Jahren versuchte er sich sogar als Blogger.„Bei mir steht die Aufklärung der Konsumenten an oberster Stelle“, sagte Siebeck. „Essen und Trinken ist in aller Munde. Aber richtig weitergekommen sind wir in all den Jahren nicht, im Gegenteil“, meinte er bis zuletzt. Seine Kritik: „Die Deutschen geben zu wenig Geld für gutes Essen aus und sie sind dem Wahn der Fertiggerichte verfallen.“

Doch genießen lasse sich lernen. „Statt im Supermarkt sollten die Menschen beim guten Metzger, Käsehändler oder Erzeuger vor Ort einkaufen“, riet er. „Das bringt Lebensqualität.“ Er kultivierte sich als Gegner von Kochshows („Besser kochen oder essen können sie dadurch nicht“) und Kochbüchern („Den meisten Menschen dienen Kochbücher lediglich als Ausstellungsstück fürs Bücherregal“). Mit Vegetariern konnte er überhaupt nichts anfangen („Lebensfreude oder pure Lust am Essen kann ich bei Vegetariern nicht entdecken“). Mit deutlich formulierten Ansichten wie diesen machte er sich naturgemäß nicht nur Freunde.

Siebeck und seine Frau Barbara, Ex-Frau des bekannten Fotografen Will McBride, die drei Söhne in die Ehe brachte, kochten selten zu Hause. Sie gingen gerne essen und reisten oft, um Küche und Köche anderer Länder kennenzulernen. Zum Einkaufen nutzten sie am liebsten den Wochenmarkt.

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erstellt am 08.Jul.2016 | 07:17 Uhr

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