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Panorama

05. Dezember 2016 | 19:41 Uhr

Anschläge in Ansbach und Würzburg : Chat-Protokolle: So wurden Attentäter von Bayern vom IS „ferngesteuert“

vom

Die „Süddeutsche Zeitung“ veröffentlicht die Chats der IS-Attentäter von Ansbach und Würzburg.

Würzburg/Ansbach | „Mit welchen Waffen beabsichtigst du zu töten?“, fragt der Chat-Partner. „Messer und Axt sind bereitgelegt“, antwortet Riaz A. – der Jugendliche der in einem Zug in Würzburg eine Familie aus Hongkong angegriffen und schwer verletzt hatte. Der 17-Jährige aus Afghanistan soll sich selbst radikalisiert haben, hieß es damals. Chatprotokolle zeigen: Offenbar hatte er dabei Instrukteure des IS, die mit ihm in Kontakt standen. Die Protokolle, die mutmaßlich zu der Tat geführt haben, veröffentlicht die „Süddeutsche Zeitung“. Der Chat-Partner und das genutzte Portal bleiben unbenannt, auch die Quelle der Protokolle wird nicht erklärt.

Nach den Verhaftungen mutmaßlicher Terrorplaner in SH bleibt die Frage, wie sich die Islamisten radikalisiert haben – und wie man die Rekrutierungen des IS vereiteln kann.

Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) spricht dem Bericht zufolge von „ferngesteuerten“ Tätern, die wahrscheinlich vom IS im Internet ausfindig gemacht wurden. Auch Riaz A. war wohl eine Marionette des IS, wie die Rekonstruktionen ergeben. Der Jugendliche selbst starb durch Schüsse des Spezialeinsatzkommandos. Seine Chats aber zeigen: Die Axtattacke vom 18. Juli war kein plötzlicher Wutausbruch, kein Amoklauf. Er war geplant – mit dem Rat des Instrukteurs.

Anschlag von Würzburg: „Bete, dass ich zum Märtyrer werde.“

<p>Eine Rettungsdecke und Verbandmaterial liegen in Würzburg auf dem Boden eines Regionalzugs.

Eine Rettungsdecke und Verbandmaterial liegen in Würzburg auf dem Boden eines Regionalzugs. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

 

„Bruder, wäre es nicht besser, es mit einem Auto durchzuführen?“ fragt der Instrukteur.

„Ich kann nicht Auto fahren“, schreibt der 17-Jährige.

Chat-Partner: „Du solltest es lernen.“

Riaz A.: „Das Erlernen kostet Zeit.“

Chat-Partner: „Der Schaden wäre auch erheblich größer.“

Riaz A.: „Ich möchte heute Nacht ins Paradies kommen.“

Am Tag des Attentats waren Riaz A. und der mutmaßliche IS-Terrorist von 18.34 Uhr an in besonders engem Kontakt.

Riaz A.: „Hör dir eine wichtige Sache an.“

Chat-Partner: „Ja.“

Riaz A.: „Bruder, ich sende dir mein Video. Ich werde heute in Deutschland einen Anschlag mit einer Axt unternehmen.“

In der Bekennervideo sagt der Jungendliche: „Ich bin ein Gotteskrieger des Islamischen Staats. Ich werde euch mit meinem Messer töten und eure Köpfe mit der Axt spalten, so Gott will.“

Chat-Partner: „Nicht mit einem Messer. Mach es mit der Axt. Wenn du den Anschlag begehen wirst, so Gott will, wird der Islamische Staat die Verantwortung dafür übernehmen.“

Riaz A.: „Ich sende dir jetzt das Video.“

Chat-Partner: „Sichere es schnell.“

Riaz A.: „Bete, dass ich zum Märtyrer werde. Ich warte jetzt auf den Zug.“

Wenig später schreibt er noch einmal.

Riaz A.: „Fang jetzt an.“

Chat-Partner: „Jetzt erlangst du das Paradies.“

Anschag in Ansbach: „Töte sie alle auf einer großen Fläche, dass sie am Boden liegen“

Unmittelbar vor dem Anschlag soll der Täter via Internet konkrete Anweisungen bekommen haben. Sdmg/Friebe
Unmittelbar vor dem Anschlag soll der Täter via Internet konkrete Anweisungen bekommen haben. Sdmg/Friebe Foto: Sdmg / Friebe
 

Wenige Tage später will der Syrer Mohammad D. im bayrischen Ansbach auf einem Musikfest eine Bombe hochgehen lassen. Er wird vom Sicherheitsdienst am Eingang abgewiesen, da er keine Eintrittkarte hat. Seine Splitterbombe im Rucksack geht nahe einer Weinstube nahe dem Festivalgelände hoch. Der 27-Jährige wird dabei getötet, 15 Menschen werden verletzt. Ein Chat-Protokoll zeigt, wie er sich die Tat vorgestellt hatte.

„Dieser Platz wird voll von Leuten sein“, schreibt Mohammad D. vor dem Anschlag. „Töte sie alle auf einer großen Fläche, dass sie am Boden liegen“, antwortet der Instrukteur.

Am Tag des Anschlags chatten sie weiter.

Mohammad D.: „Die Party ist bald zu Ende, und es gibt am Eingang eine Kontrolle.“

Chat-Partner: „Such dir einen Platz, und tauch in die Menge ein. Durch die Polizei brechen, rennen, und tue es.“

Mohammad D.: „Bete für mich. Du weißt ja nicht, was gerade mit mir passiert.“

Chat-Partner: „Vergiss das Fest, und gehe zum Restaurant. Mann, was ist mit dir los? Ich würde es wegen zwei Personen durchführen. Vertrau Gott, und lauf zum Restaurant los.“

Ermittler gehen davon aus, dass der IS gezielt im Internet nach Sympathisanten sucht. Die Instrukteure beraten und motivieren sie dann. In den Fällen Ansbach und Würzburg sollen die Kontakte über Monate bestanden haben. Mit dieser neuen Form der Rekrutierung beschäftigt sich nach Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR seit Monaten die Sonderkommission „Juli“ des bayerischen Landeskriminalamts, in die auch US-Behörden eingebunden sind. Auch die saudische Regierung kooperiert, weil bei den Anschlägen in Deutschland zwei der Chat-Partner saudische Telefonnummern oder IP-Adressen verwendeten.

Berichten zufolge nutzt der IS den Messenger-Dienst Telegram, mit dem man verschlüsselte Nachrichten via Handy und Computer verschicken kann. Ende 2015 gab das Berliner Unternehmen bekannt, 78 IS-Kanäle gesperrt zu haben und richtete eine Melde-Funktion ein.

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erstellt am 15.Sep.2016 | 11:13 Uhr

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