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Panorama

03. Dezember 2016 | 18:48 Uhr

DNA-Spur zu Uwe Böhnhardt : Anwältin im Fall Peggy: „Mutter war dem Islam zugewandt“

vom
Aus der Onlineredaktion

Die neunjährige Peggy verschwindet vor 15 Jahren. Eine DNA-Spur führt zu Uwe Böhnhardt. Die Verbindung bleibt rätselhaft.

Jena/Wettin | Die neuesten Entwicklungen im Fall der getöteten Peggy und mögliche Verbindungen zum terroristischen NSU haben deren Familie in die Zeit vor 15 Jahren zurückversetzt. „Darüber war Peggys Mutter sehr ergriffen und bestürzt“, sagte deren Rechtsanwältin Ramona Hoyer am Montag in Wettin in Sachsen-Anhalt. „Gefühlsmäßig ist es, als seien die 15 Jahre nicht geschehen, als sei es tagaktuell.“ Alle hätten die Hoffnung gehabt, dass der Fund von Peggys Leiche Fragen beantworten kann. „Jetzt sind einige Antworten da, von denen wir nicht wissen, ob sie aufzeigen, was tatsächlich passiert ist.“ Aber es seien Ansätze, sagte Hoyer.

Bis zu der DNA-Spur war nie im Fall Peggy eine Verbindung zu der Mordserie der NSU-Terrorgruppe gezogen worden. Uwe Böhnhardt hatte sich mit seinem Komplizen Uwe Mundlos im Sommer 2011 das Leben genommen. Sollten sie tatsächlich auch etwas mit den toten Kindern zu tun haben, würde das ein völlig neues Licht auf den NSU werfen.

In der Vorwoche war bekannt geworden, dass am Fundort der Leiche des kleinen Mädchens in Thüringen auch Genmaterial des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden wurde. Es stelle sich nun die Frage, wann Peggy „nach Hause“ kommen könne und ihr Leichnam für eine Beerdigung freigegeben werde, so Hoyer. Die Neunjährige aus dem oberfränkischen Lichtenberg war 2001 verschwunden. Fast genau 15 Jahre später, im Juli dieses Jahres, fand ein Pilzsammler ihre sterblichen Überreste im Wald.

 

Polizisten am Fundort der Leiche von Peggy. Archiv
Polizisten am Fundort der Leiche von Peggy. Archiv Foto: Fricke

Mutter von Peggy trug Kopftuch

Ob es tatsächlich einen an Peggys Mutter adressierten „Hassbrief“ aus der Neonaziszene gibt und das die Verbindung zum NSU ist, wollte Hoyer weder dementieren noch bestätigen. Zuvor hatte die „Bild“-Zeitung darüber berichtet. Es sei wahr, dass der damalige Lebensgefährte der Mutter Türke war und ihre Mandantin sich dem Islam zugewandt habe. Sie habe auch ein Kopftuch getragen, sagte Hoyer. Offen ließ die 43-Jährige, ob sie tatsächlich auch konvertiert sei. „Dazu kann ich keine Angaben machen“, sagte sie. 

Aktuell gebe es enge Kontakte zu den Ermittlungsbehörden und erste Verständigungen zu einer weiteren Vernehmung der Mutter. Es gebe eine Mengen zu klären, sagte Hoyer, die sich bei den Medien für die neuerliche Diskretion bedankte. So habe es Raum für ihre Mandantin gegeben, das Neue zu verarbeiten.

Ein Gedenkstein mit dem Porträt von Peggy auf dem Friedhof in Nordhalben.
Ein Gedenkstein mit dem Porträt von Peggy auf dem Friedhof in Nordhalben. Foto: David Ebener
 

Der aus Thüringen stammende Rechtsextremist Böhnhardt soll mit seinem mutmaßlichen Komplizen Uwe Mundlos jahrelang unerkannt gemordet haben - hauptsächlich aus fremdenfeindlichen Motiven. Mundlos und Böhnhardt töteten sich laut Ermittlern im Herbst 2011 nach einem Banküberfall, um einer Festnahme zu entgehen. Ihre Begleiterin Beate Zschäpe stellte sich der Polizei. Sie steht seit fast dreieinhalb Jahren in München vor Gericht.

Soko rollt ungeklärte Kindstötungen neu auf

Eine Sonderkommission der Thüringer Polizei mit 15 Ermittlern rollt derweil wegen der brisanten Entwicklungen im Fall Peggy drei ungeklärte Todesfälle von Kindern in und um Jena neu auf. Die Soko unter Führung von Polizeidirektor Lutz Schnelle hat am Montag ihre Arbeit begonnen. Der 50-Jährige sei zuletzt im Innenministerium tätig gewesen, davor habe er sieben Jahre lang die Kriminalpolizei in Saalfeld geleitet, sagte die Sprecherin der Landespolizeiinspektion Jena, Steffi Kopp, am Montag.

Es soll geprüft werden, ob es Parallelen zu Kindstötungen auch in Thüringen gibt. Denn in Jena sind die mutmaßlichen Rechtsterroristen Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe aufgewachsen. Konkret geht es laut Kopp nun um drei bis heute ungeklärte Fälle aus den 1990er Jahren. 1993 war in Jena der neunjährige Bernd verschwunden. Er wurde zwölf Tage später tot am Ufer der Saale entdeckt. Böhnhardt war damals schon zeitweise ins Visier der Ermittlungen geraten.

Auch der Mörder der zehnjährigen Ramona aus Jena-Winzerla wurde nie gefasst. Sie war im Sommer 1996 verschwunden, ihre Leiche wurde im Januar 1997 in einem Waldstück entdeckt. Der dritte Fall betrifft Stephanie aus Weimar, die 1991 tot unter einer Brücke der Autobahn 4 bei Jena gefunden worden war. Der Täter hatte das Kind offensichtlich von der Brücke geworfen.

Der Fall Peggy in der Chronologie:

7. Mai 2001

Die neunjährige Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg verschwindet auf dem Heimweg von der Schule. Wochenlange Suchaktionen bleiben ohne Erfolg.

August 2001

Die Polizei nimmt einen geistig behinderten Mann fest. Er gibt an, sich an Peggy und drei weiteren Kindern sexuell vergangen zu haben.

22. Oktober 2002

Die Ermittler präsentieren den 24-Jährigen als mutmaßlichen Mörder der Schülerin.

7. Oktober 2003

Vor dem Landgericht Hof beginnt der Prozess.

30. April 2004

Der geistig behinderte Mann wird wegen Mordes an Peggy zu lebenslanger Haft verurteilt.

17. September 2010

Ein wichtiger Belastungszeuge widerruft seine Aussage und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden.

4. April 2013

Der Anwalt des geistig behinderten Mannes beantragt die Wiederaufnahme des Falls.

8. Januar 2014

Auf dem Friedhof Lichtenberg öffnen die Ermittler ein Grab. Sie vermuten, dass bei einer Beerdigung 2001 Peggys Leiche dort abgelegt wurde. Doch sie finden keine Hinweise.

10. April 2014

Auf Anordnung des Landgerichts Bayreuth beginnt das Wiederaufnahmeverfahren.

7. Mai 2014

Das Gericht beendet das Verfahren aus Mangel an Beweisen. Eine Woche später gibt es einen Freispruch für den geistig behinderten Mann.

18. Februar 2015

Die Staatsanwaltschaft Bayreuth stellt ihre Ermittlungen ein. Ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wird aber aufrechterhalten, um mögliche Spuren weiterzuverfolgen.

19. März 2015

Das Oberlandesgericht Bamberg entscheidet, dass der ursprünglich verurteilte Mann aus der Psychiatrie entlassen werden soll.

3. Juni 2015

Die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ greift den Fall Peggy auf.

16. Juni 2015

Ein ehemaliger Verdächtiger im Fall Peggy wird in einem anderen Fall wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes zu einer Jugendstrafe von sieben Monaten ohne Bewährung verurteilt. Im Fall Peggy gilt er nicht mehr als tatverdächtig.

Mai 2016

Ein im Fall Peggy ehemals verdächtigter Mann fordert Schadenersatz von mehr als 20.000 Euro. Ermittler hatten 2013 auf der Suche nach dem verschwundenen Mädchen sein Grundstück in Lichtenberg metertief durchsuchen lassen. Die Ermittler hatten dabei zwar Knochenreste gefunden. Sie stammten aber nicht von Peggy.

2. Juli 2016

Ein Pilzsammler findet in einem Wald in Thüringen Skelettreste. Die Polizei prüft Verbindungen zum Fall Peggy.

4. Juli 2016

Polizei und Staatsanwaltschaft teilen mit, dass die Knochen „höchstwahrscheinlich“ von Peggy stammen. Dies hätten erste rechtsmedizinische Untersuchungen und Erkenntnisse am Fundort ergeben.

13. Oktober 2016

Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Bayreuth teilen mit, dass am Skelett des Mädchens DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden worden.

 
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erstellt am 17.Okt.2016 | 19:02 Uhr

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