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Panorama

06. Dezember 2016 | 22:55 Uhr

Wyk auf Föhr eines der ersten Seebäder : Als die ersten Sommergäste nach SH kamen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die heutigen Schleswig-Holstein-Touristen stehen in einer mehr als 200-jährigen Tradition: In Travemünde, auf Föhr und auf Helgoland fing alles an

„Jeder dieser Karren besteht aus einem kleinen niedlichen Stübchen, mit Stühlen, Stiefelknecht und allen Bequemlichkeiten. Es steht auf zwei Rädern und ist auf der Seeseite ganz offen. Hat sich nun der zu Badende in die kleine Wohnung einlogiert, so wird sie einige Schritt weit ins Meer hineingeschoben, und er kann sich nun auf einer vorn angebrachten Strickleiter ohne alle Gefahr so tief in die See herablassen als er Lust hat.“

So beschrieb im Jahr 1805 kein Geringerer als der Dichter Joseph von Eichendorff in seinem Tagebuch die, wie er sich ausdrückte, „sonderbare Einrichtung der Seebäder“. Damit hinterließ der Romantiker zugleich eine der ältesten Schilderungen eines touristischen Erlebnisses an Schleswig-Holsteins Küsten. Das beschriebene Erlebnis mit dem Badekarren hatte von Eichendorff nämlich in Travemünde. Dort hatte gerade drei Jahre vorher die Geburtsstunde für den Urlaub an der See geschlagen; früher als irgendwo sonst auf dem Gebiet des heutigen nördlichsten Bundeslands.

Zehn Lübecker Investoren, vornehmlich Kaufleuten, war die Gründung einer „Direktion der Seebadeanstalt bey Travemünde“ zu verdanken, inklusive Speisesaal, in dem sich 300 Personen auf einmal am „Table d’hôte“ (Gästetafel) – einer Standardeinrichtung aller Seebäder im 19. Jahrhundert – beköstigen ließen. Wer sich nicht ins noch stehtiefe Wasser hinausfahren lassen mochte, konnte in einem Badehaus auch in Wannen im – sogar erwärmten – Meerwasser sitzen. Hauptsache: jeder Badende für sich und nach Geschlechtern getrennt sowieso. Zudem in Ganzkörperbadeanzügen. Auch nur eine Winzigkeit Haut zu offenbaren, ließ das Schamgefühl noch bis ins beginnende 20. Jahrhundert kaum zu.

Herübergeschwappt war der „sonderbare“ Trend aus dem benachbarten Mecklenburg. Dort hatte der umtriebige Herzog Friedrich Franz I. wiederum nach englischem Vorbild 1793 das allererste deutsche Seebad in Heiligendamm einrichten lassen.

Weil es damals noch keine Spaßgesellschaft gab, musste die Neuheit vordergründig einen ernsthaften Zweck erfüllen: Innovative Ärzte meinten, das Seebad als Medizin entdeckt zu haben. „Schwäche oder Reizbarkeit der Haut, krankhafte Reizbarkeit der Nerven bis hin zum Zahnschmerz, Blut- und Gefäßleiden, organische Gebrechen“: Gegen dies alles versprach man sich Linderung durchs Meerwasser.

Die Aufzählung stammt aus dem ältesten Schleswig-Holstein-Reiseführer, der sich in den Beständen der Landesbibliothek finden lässt: erschienen 1838. Verfasst hat den bezeichnenderweise auch ein Arzt, Karl Christian Hille, Medicus am Königlichen Krankenstift Dresden. Keinesfalls ging es an, nach Lust und Laune ins erquickende Nass einzutauchen: „Die Zahl der Bäder zu bestimmen, ist weder Sache des Kranken noch des Hausarztes, sondern kann zweckmäßig nur vom Badearzt bestimmt werden“, mahnt Hille.

Wie sich die Begegnung mit dem nassen Element anfühlte, hat der Märchendichter Hans Christian Andersen nach einem Besuch in Schleswig-Holstein protokolliert. Das Wasser „ist so salzig, dass die Tränen einem aus den Augen laufen, wenn man heraufkommt. Das Blut wird in die wunderbarste Bewegung versetzt, und man brennt den ganzen Tag wie Feuer“, schrieb der Däne 1844 in Wyk auf Föhr in sein Tagebuch. Das Inselstädtchen war das erste Seebad an der Westküste. 1819 ging es dort los. Der frisch nach Föhr versetzte Vogt H. F. von Colditz – Oberhaupt von Lokalverwaltung und -gerichtsbarkeit – hatte in der Bürgerschaft das Kapital für eine Bade-AG eingeworben. Als Mittel gegen die von ihm vorgefundene wirtschaftliche Flaute. 160 Gäste kamen in der ersten Saison. Zum Vergleich: In Travemünde waren es im Anfangsjahr 1802 gleich 3000. Essen konnten die ersten Föhr-Touristen beim Apotheker, übernachten in freigeräumten Zimmern in Privathäusern. Gab es im ersten Testjahr doch weder Hotels noch Restaurants. Kräftigen Auftrieb erhielt Wyk als Urlaubsort, als der dänische König Christian VIII. von 1842 bis 1848 dort die Sommerferien verbrachte. Er war Landesherr auch über Schleswig und Holstein. In seinem Gefolge kam auch Andersen auf die Insel.

Das später übermächtige Sylt hinkte lange hinter seinem südlichen Nachbarn her: Erst 36 Jahre später, 1855, begründete Westerland dort die Seebad-Tradition. „Man kennt diese Insel kaum dem Namen nach in Deutschland, man besucht sie noch seltener“, hieß es in einem zeitgenössischen Reiseführer. Gleichwohl betonte Autor Ernst Willkomm in dem Buch namens „Wanderungen an der Nordsee“ den märchenhaften Zauber der größten Nordseeinsel: Beim Anblick der Dünen fühle sich der Reisende in einem Moment „in die Gletscherwelt der Schweiz“ versetzt und im nächsten in den „glühenden Sand Arabiens oder der Sahara“.

Noch vergleichsweise unkompliziert gestaltete sich trotz der Lage ganz weit draußen und Zugehörigkeit zu Großbritannien die Anreise nach Helgoland: Der Rote Felsen ließ sich gleich vom Gründungsjahr seiner Badeanstalt, 1826, an per Dampfer von Hamburg aus erreichen. Zwar auch schon damals kitzlig für Passagiere, die zur Seekrankheit neigten. Aber wichtiger wohl: Ein mühsamer Landweg wie er bei der Anreise zu den Konkurrenten nötig war, entfiel. Womöglich entschied sich Hoffmann von Fallersleben deshalb für Helgoland, als er im August eine dreiwöchige Erholungsreise antrat. Und dort die spätere Nationalhymne „Das Lied der Deutschen“ schrieb und damit den bekanntesten Text eines Küsten-Touristen hinterließ.

Sage und schreibe bis zu 16 Stunden kalkulierten die Reiseführer Mitte des 19. Jahrhunderts, um von Hamburg nach Föhr zu kommen: Zunächst mit der Bahn nach Rendsburg, das 1845 ans Netz gegangen war. Dann per Schiff über die Eider bis Friedrichstadt und von dort in der Kutsche weiter nach Dagebüll. Von dort wurde noch bis 1872 hinüber nach Wyk gesegelt. Ab 1847 gab es zusätzlich eine – teurere – Alternative ab Husum. Da stach von dort das erste Dampfschiff gen Wyk in See; wenige Jahre später mit Verlängerung nach Sylt. In Dagebüll konnte man erst ab 1872 unter Dampf ablegen.

Als wichtigster Motor für die Gründung weiterer Seebäder an Nord- und Ostsee Küsten sollte sich das stete Wachstum der Eisenbahn erweisen, das nach Einverleibung Schleswig-Holsteins in Preußen 1867 einsetzte. Erst in der Kaiserzeit mauserte sich das neue Gewerbe zum Massengeschäft, erweiterte sich der rein therapeutische Ansatz zur Idee der allgemeineren Sommerfrische.

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erstellt am 14.Jul.2016 | 15:14 Uhr

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