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Panorama

07. Dezember 2016 | 23:11 Uhr

Interview zum Welt-Aids-Tag 2016 : „Aids hat keine Lobby“

vom

Anlässlich des Welt-Aids-Tags am 1. Dezember haben wir uns mit Elke Wenning, Vorsitzende der Aidshilfe Sylt, unterhalten.

Westerland | Seit rund 21 Jahren ist Elke Wenning Herz und Seele der Sylter Aidshilfe: Als der Verein 1995 auf der Nordseeinsel gegründet wurde, stieg die Veranstaltungsleiterin des Kursaal³ auf Sylt sofort ein. Als Gründungsmitglied engagiert sich die gelernte Krankenschwester bis heute in der „Aids-Hilfe Sylt aktHIV für Nordfriesland“. Jedes Jahr organisiert sie eine Spenden-Gala auf der Insel, die zuletzt am 26. November auf Sylt gefeiert wurde.

Im Oktober wurde der 61-Jährigen von Innenminister Stefan Studt (SPD) in Kiel das Bundesverdienstkreuz für ihr Engagement in der Aidshilfe Sylt verliehen.

Seit wann gibt es den Welt-Aids-Tag?

Der Welt-Aids-Tag wurde erstmals 1988 von der WHO ausgerufen und von Anfang an unter ein besonderes Motto, an dem sich die Aktivitäten der AIDS-Organisationen in den verschiedenen Ländern orientieren können, gestellt. Inzwischen wird der Welt-Aids-Tag am 1. Dezember von der UNAIDS - der Aids-Organisation der Vereinten Nationen - organisiert.

Was passiert am 1. Dezember?

Verschiedenste Organisationen erinnern an das Thema AIDS und rufen dazu auf, aktiv zu werden und Solidarität mit HIV-Infizierten, AIDS-Kranken und den ihnen nahestehenden Menschen zu zeigen. Der Welt-Aids-Tag dient auch dazu, Verantwortliche in Politik, Massenmedien, Wirtschaft und Gesellschaft – weltweit wie auch in Europa und Deutschland – daran zu erinnern, dass die HIV-/Aids-Pandemie weiter besteht.

Ziel ist es, dafür zu sensibilisieren, wie wichtig ein Miteinander ohne Vorurteile und Ausgrenzung ist – und zu zeigen, dass alle positiv zusammen leben können.

Wofür stehen die vier Buchstaben AIDS?

AIDS steht für Acquired Immune Deficiency Syndrome, auch Acquired immunodeficiency syndrome (englisch für „erworbenes Immundefektsyndrom“).

Und was ist HIV?

Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) oder Menschliches Immunschwäche-Virus sowie Menschliches Immundefekt-Virus, ist ein Virus, das zur Familie der Retroviren und zur Gattung der Lentiviren gehört. Eine unbehandelte HIV-Infektion führt nach einer unterschiedlich langen, meist mehrjährigen symptomfreien Latenzphase in der Regel zu AIDS.

Was passiert, wenn sich Menschen mit dem Virus infizieren?

Infolge der Infektion mit dem Humanen Immundefizienz-Virus (HI-Virus, HIV)  tritt eine Zerstörung des Immunsystems auf. Bei den Erkrankten kommt es zu lebensbedrohlichen opportunistischen Infektionen und Tumoren.

Seit wann ist AIDS bekannt?

AIDS wurde am 1. Dezember 1981 als eigenständige Krankheit erkannt.

Weltweit leben etwa 36,7 Millionen Menschen mit HIV. Pro Jahr kommt es zu ca. 2,1 Millionen Neuinfektionen, davon etwa 240.000 bei Kindern.

Seit Anfang der 80er Jahre bis 2013 haben sich etwa 78 Millionen Menschen mit HIV infiziert.

Mit fast 70 Prozent aller HIV-Neuinfektionen ist Afrika südlich der Sahara am stärksten betroffen.

Kann die Krankheit behandelt werden?

Durch die effektivere Behandlung von HIV-Infizierten mit neuen Medikamenten ist AIDS in Mitteleuropa seltener geworden. Nur 46 Prozent der Betroffenen haben bislang Zugang zu den lebensnotwendigen Medikamenten.

Wie viele Menschen sind mit dem Virus infiziert?

In Deutschland leben heute rund 85.000 Menschen mit HIV. Etwa 30.000 Menschen sind hier bisher an den Folgen von Aids gestorben.

Der Anteil der HIV-Infizierten liegt im weltweiten Durchschnitt bei etwa 0,8 Prozent der 15- bis 49-Jährigen, erreicht in einzelnen afrikanischen Staaten jedoch Werte um 25 Prozent.

Warum wird das Thema noch immer in die Schmuddelecke gestellt?

Diskriminierungserfahrungen und die Angst vor Zurückweisung und Ablehnung führen dazu, dass Menschen mit HIV oft den engsten Freunden und der Familie nicht von ihrer Infektion erzählen. HIV verschwindet so zunehmend aus der öffentlichen und privaten Wahrnehmung, während gleichzeitig die Schwelle sich mitzuteilen, für die Betroffenen höher wird.

 

Frau Wenning, gehört Aids noch immer in die Schmuddelecke?
Auf jeden Fall. Da hat sich gar nichts getan. Es hat nach wie vor mit Sexualität zu tun und es wird auch heute nicht gern öffentlich darüber gesprochen. Es hat auch keine Lobby.

Outen sich heute trotzdem mehr Menschen mit HIV in Deutschland?
Nein, nein absolut nicht. Dafür sind ja auch die Aidshilfen da.

Was hat sich im Laufe der Jahre bei Ihrer Arbeit in der Aidshilfe verändert?
Bei der Gründung 1995 lag das Hauptaugenmerk bei der Sterbebegleitung. Das ist heute anders: Der Fokus liegt auf Prävention und psychosozialer Beratung, bei Menschen, die sich nicht outen mögen, weil sie Angst vor Stigmatisierung und Ausgrenzung haben.

Was sorgt für diese Stigmatisierung? Welche Ängste haben die Menschen heute im Umgang mit den Erkrankten?
Fehlende Aufklärung, nach wie vor. Angst davor, nicht genau zu wissen, wie zum Beispiel die Übertragungswege sind. Ein junger Mann, der gerade aus Kenia zurückgekehrt war, hat mich neulich gefragt, ob es auch HIV über Mücken übertragen werden kann. Da wäre ich fast vom Stuhl gefallen. Daran sieht man, wie viel bei den Leuten ankommt. Das HI-Virus stirbt in Verbindung mit Sauerstoff sofort ab, da passiert gar nichts.

Was muss denn passieren, damit die Vorbehalten gegenüber den HIV-positiven Menschen verschwinden?
Es kann nur die Aufklärung sein. Nichts anderes. Ich kann die Ängste ja nur abbauen, wenn ich gut informiert bin.

Ja,  aber das Interesse scheint eher klein: Berichte über AIDS-Erkrankungen sorgen in der Öffentlichkeit nicht mehr für besonders große Aufregung. Oder?
Auf jeden Fall. Das Thema ist nicht mehr so präsent, besonders bei den Jugendlichen. Es gibt Medikamente, die dafür sorgen, dass man mit HIV inzwischen viele Jahre gut leben kann. Man kann den Virus lange im Zaum halten, sodass die Betroffenen arbeitsfähig bleiben. Sobald es allerdings zur Erkrankung kommt, hat sich bei der Lebenserwartung nichts verändert...

Sterben heute weniger Erkrankte als noch in den 1980ern?
Nein, sie leben einfach länger, aber nicht so lange wie du und ich.

Auch mit Medikamenten?
Ja, denn gegen Aids gibt es bisher keine Medikamente. Wird die Krankheit zu spät erkannt und bricht aus, sterben die meisten an einer Lungenentzündung oder einer Krebserkrankung. Die Forschung läuft. Besonders die Pharmafirmen selbst haben ja ein großes Interesse daran, die ersten zu sein, die mit einem Medikament auf den Markt kommen

Befürchten Experten jetzt wieder einen Anstieg der Infektionsrate?
Die Infektionsrate steigt nicht, sie geht aber auch nicht runter. Das liegt an der fehlenden Prävention. Außerdem hat sich das Einstiegsalter verändert. Es sind jetzt nicht mehr die 50 bis 70-Jährigen, sondern die Neuinfizierten sind heute jünger als früher.

Woran liegt das?
Daran, dass das Thema HIV und Aids weit weg ist. Es ist nicht mehr so präsent, vor allem bei Jugendlichen. Vor rund zehn Jahren hatten wir die großen Fernsehspots: „Gib Aids keine Chance!“. An jedem Bahnhof waren große Plakate. Dadurch war die Krankheit in vielen Köpfen drin und das ist heute nicht mehr so.

Warum wurden diese Aufklärungs-Kampagnen gestoppt?
Weil die dachten, jetzt sei jeder informiert. Sie dachten, jetzt wissen alle Bescheid.

Tun sie offenbar nicht. HIV ist unter Homosexuellen weiter verbreitet, als unter Heterosexuellen. Wie stecken letztere sich an?
Wie bei den Homosexuellen auch, durch Sex. Dabei können kleine Fissuren im Intimbereich entstehen, die eine Übertragung des Virus begünstigen. Gerade Frauen stecken sich häufig bei Männern an, weil diese bei Geschäftsreisen auch immer gern andere Kontakte haben.

Das heißt, sie gehen zu Prostituierten?
Ja. Wir haben vor ein paar Jahren eine Umfrage unter Prostituierten in Hamburg gemacht. Einige Männer „kaufen“ die Frauen auch gern mal für 100 Euro mehr ohne Kondom ein.

Ist das ein Grund, der für eine Existenz des Welt-Aids-Tag spricht?
Ja, so etwas muss stattfinden, sonst würde die Krankheit gar nicht mehr im Bewusstsein sein. Ich finde es schade, dass es extra einen Tag geben muss, um ab und zu mal in in die Öffentlichkeit zu kommen.

Sie kämpfen das ganze Jahr dafür, dass die Erkrankung beachtet wird: In welchem Moment haben Sie beschlossen, Menschen mit Aids zu unterstützen? Was war der Auslöser dafür?
Der Auslöser war, dass ich im südlichen Afrika gelebt habe und – bevor ich wieder nach Deutschland ausgereist bin - nicht getestet wurde. Als ich wieder zurück war, war die Krankheit plötzlich ein ganz großes Thema hier. Ich hatte selbst Angst, dass ich mit dem HI-Virus infiziert war. Und habe mich kaum getraut, das Ergebnis des Test abzuholen. Zum Glück war er negativ.

Was ist Ihr größter Wunsch für die Zukunft?
Dass die Aidshilfe irgendwann nicht mehr gebraucht wird, das ist doch wohl klar. Dass es Medikamente gibt und dass es in der Gesellschaft anerkannt ist und es keiner Hilfen mehr bedarf.

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von
erstellt am 30.Nov.2016 | 22:27 Uhr

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