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Panorama

08. Dezember 2016 | 09:06 Uhr

Amoklauf in München : 18-Jähriger plante die Tat ein Jahr - Freund als Mitwisser festgenommen

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Waffe hat sich der 18-Jährige wohl im Darknet besorgt. Das sagte das Landeskriminalamt in einer Pressekonferenz.

München | Ein 18-Jähriger erschießt in einem Amoklauf neun Menschen und sich selbst. Und: Er hat seine Tat ein Jahr lang vorbereitet und dazu ähnlich wie der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik ein Manifest verfasst. Einen politischen Hintergrund schließen die Behörden aber aus. Seine Opfer, die überwiegend einen Migrationshintergrund haben, suchte er sich nach den Erkenntnissen der Ermittler nicht gezielt aus.

Die Polizei hat zudem einen Freund des Amokläufers von München als mutmaßlichen Mitwisser festgenommen. Gegen den 16-Jährigen werde wegen Nichtanzeigens einer Straftat ermittelt, teilte die Polizei am Sonntagabend mit. Der Jugendliche habe sich nach der Tat vom Freitagabend mit neun Todesopfern bei der Polizei gemeldet. Bei einer erneuten Vernehmung habe er sich in Widersprüche verwickelt.

LKA-Chef Robert Heimberger, Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch und Vize-Polizeipräsident Werner Feiler informieren über die Hintergründe des Amoklaufs.
LKA-Chef Robert Heimberger, Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch und Vize-Polizeipräsident Werner Feiler informieren über die Hintergründe des Amoklaufs. Foto: Matthias Balk
 

Landespolizei und Staatsanwaltschaft informierten zuvor am Sonntag über die ersten Ermittlungsergebnisse zum Amoklauf vom Freitagabend, bei dem der 18-jährige Deutsch-Iraner vor und in einem Münchener Einkaufszentrum und in einem Schnellrestaurant neun Menschen und dann sich selbst tötete. Von den neun überwiegend jugendlichen Opfern hatten sieben einen Migrationshintergrund. 

Bei der Wohnungsdurchsuchung fanden die Ermittler Behandlungsunterlagen zu einer psychischen Erkrankung des Amokläufers und Medikamente. Der Schüler sei zwei Monate in stationärer Behandlung gewesen, habe unter „sozialen Phobien“ und Depressionen gelitten. Im Jahr 2012 sei er von Mitschülern gemobbt worden. Ob es einen Zusammenhang des Mobbings zur Tat gebe, sei noch unklar. Mitschüler seien aber nicht unter den Opfern.

Blumen, Kerzen und Stofftiere liegen zwei Tage nach einer Schießerei mit Toten und Verletzten am Tatort.  
Blumen, Kerzen und Stofftiere liegen zwei Tage nach einer Schießerei mit Toten und Verletzten am Tatort.   Foto: Karl-Josef Hildenbrand
 

Der Deutsch-Iraner hatte entgegen ersten Polizeiangaben das Manifest Breiviks nicht auf seiner Festplatte, jedoch Recherchen zur Tat des norwegischen Massenmörders angestellt und ein eigenes schriftliches „Manifest“ verfasst, sagte der Präsident des bayerischen Landeskriminalamts, Robert Heimberger. Der Täter habe sich seit einem Jahr auf seine Tat vorbereitet. Er habe auch Winnenden besucht, den Ort eines früheren Amoklaufs. Dort habe er Bilder gemacht.

Hintergrund: Amokläufe

In der Wohnung des mutmaßlichen Attentäters von München hat die Polizei mehrere Bücher über Amokläufe gefunden. Eines davon stammt von Peter Langman: „Amok im Kopf - Warum Schüler töten“.

Dafür hat der US-Psychologe über mehr als 20 Jahre hinweg Amokläufe an Schulen untersucht - er wertete unter anderem Tagebücher und Gesprächsprotokolle aus. Einige der zentralen Aussagen:

Die Täter:

„Schul-Amokläufer sind gestörte Individuen. (...) Es sind einfach keine normalen Jugendlichen. Es sind Jugendliche mit schweren psychischen Störungen.“ Langman unterteilt die Täter in verschiedene Gruppen: Psychopathen (extrem narzisstisch, keine Empathie für andere Menschen, fühlen sich anderen oft überlegen), psychotische Täter (Wahnvorstellungen, Halluzinationen) und traumatisierte Amokläufer (schwere Kindheit mit Gewalt, Missbrauch oder Drogen, die Opfer fühlen sich oft ihr Leben lang bedroht).

Langman sieht zudem eine Verbindung zwischen Schulmassakern und Depression. „Von den zehn Amokläufern in diesem Buch litten neun an Depressionen und Selbstmordgedanken. Viele hielten sich für Versager und beneideten ihre Kameraden, die glücklicher und erfolgreicher zu sein schienen. Dieser Neid verwandelte sich oft in Hass, Wut und Mordfantasien.“

Mehr als eine Ursache:

Dennoch sei auch eine Depression allein kein zureichender Erklärungsgrund für die Taten. „Schulmassaker sind zu komplex, als dass man sie einer einzigen Ursache zuschreiben könnte“, schreibt Langman. Es gebe „keine einfache Erklärung für das Phänomen des jugendlichen Amokläufers oder eine Formel, nach der sich voraussagen ließe, wer zum Massenmörder wird. (...) Das Problem ist zu komplex und es gibt vieles, was wir nicht wissen.“

Zugang zu Schusswaffen:

Es reiche beispielsweise ebenfalls nicht aus, den ungehinderten Zugang zu Schusswaffen als Ursache zu nennen. Es liege zwar auf der Hand: „Wo es keinen Zugang zu Waffen gibt, kommt es zu keinen Schießereien. Doch der Zugang zu Waffen erklärt die Schulmassaker nicht.“

Keine Außenseiter:

Es ist laut Langman auch nicht richtig, dass die Täter in ihren Schulen stets Außenseiter und vom Schulleben ausgeschlossen sind. „Dieses Bild ist irreführend. In ihren schulischen Leistungen waren die Täter meist durchschnittlich oder etwas darüber. Sie waren nicht gefährdet, von der Schule zu fliegen.“ Viele Schul-Amokläufer waren zudem sportlich und nahmen an sportlichen Aktivitäten außerhalb des Unterrichts teil. „Kurzum, das Bild von Schul-Amokläufern als isolierten Schülern, die keinen Kontakt zu ihrer Schule hatten, trifft nicht zu.“

Gewalt in den Medien:

Ähnliches gelte für Gewalt im Fernsehen, in Filmen, Videos, Computerspielen und Büchern. „Das ist ein komplexes Thema. Auf der einen Seite sind Millionen von Kindern Gewalt in den Medien ausgesetzt, ohne zu Massenmördern zu werden.“ Die Gewalt in den Medien könne Schulmassaker folglich ebenfalls nicht hinreichend erklären.

 

Nach Angaben der Ermittler spielte der Täter intensiv gewaltverherrlichende Videospiele wie „Counterstrike“. Das sei typisch für Amokläufer. Die Münchner Bluttat fand am fünften Jahrestag des Amoklaufs Breiviks statt, bei dem der norwegische Rechtsextremist 77 Menschen tötete.

In München schwebten am Sonntag noch drei Menschen in Lebensgefahr. Insgesamt gab es laut Landeskriminalamts 35 Verletzte. Der Amoklauf sorgt weltweit für Entsetzen und Anteilnahme. Die Polizei bat die Presse, nicht im Umfeld der Schulen zu fotografieren oder dort Interviews zu führen:

 

Mit seiner Pistole gab der Täter den Ermittlungen zufolge mindestens 57 Schüsse. Die Waffe hat er offenbar in einem anonymen Bereich des Internets gekauft. „Es gibt einen Chatverlauf im Darknet, der darauf schließen lässt, dass er sich diese Waffe im Darknet besorgt hat“, sagte LKA-Präsident Heimberger. Die Waffe sei einst zu einer Theaterwaffe umfunktioniert worden, dann aber wieder zu einer scharfen Waffe umgebaut worden, sagte Heimberger.

Mit einem Fake-Account bei Facebook habe der Täter angekündigt, dass er bei McDonald's eine Runde spendieren werde, sagte Heimberger. „Das war wohl der Versuch, Personen dorthin einzuladen.“ Nach bisherigen Ermittlungen gehörten die Menschen, zu denen der Täter auf Facebook Kontakt hatte, aber nicht zu den späteren Todesopfern.

Mit einem gefakten Facebook-Account lockte der Täter seine Opfer zu McDonald's.

Mit einem gefakten Facebook-Account lockte der Täter seine Opfer zu McDonald's.

Foto: dpa
 

Die Ermittler wissen noch nicht, warum der Amokläufer das Einkaufszentrum als Tatort und den Tatzeitpunkt ausgesucht hat. Zur Aufklärung der Tat wurde eine mehr als 70 Personen starke Sonderkommission gebildet.

Derweil ist die politische Debatte bereits entfacht. Im Gespräch sind Videoüberwachung und schärfere Waffengesetze:

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sprach sich für Bundeswehr-Einsätze bei besonderen Terrorlagen aus. „Die Bundeswehr muss, wohlgemerkt immer unter Federführung der Länder, die für die innere Sicherheit zuständig sind, in Fällen akuter, extremer Bedrohung auch im Inneren zum Schutz der Bürger eingesetzt werden können“, sagte er der dpa.

Während des Amoklaufs in München wurden Feldjäger, quasi die Polizei der Bundeswehr, in Bereitschaft versetzt. Bundeswehreinsätze bei Terroranschlägen im Inneren sind umstritten. Seit Jahren wird über eine Grundgesetzänderung diskutiert, um solche Einsätze zu erleichtern. Union und SPD haben sich im neuen Weißbuch zur Sicherheitspolitik auf den Kompromiss verständigt, dass die Bundeswehr bei größeren Anschlägen auch ohne Grundgesetzänderung eingesetzt werden kann.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière sprach sich am Samstagabend in der ARD dafür aus, die Einsatzkonzepte der Polizei noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) will nach dem Amoklauf die Polizei besser ausstatten. Er ließ durchblicken, dass es mehr Geld für die Polizei geben soll - für zusätzliche Stellen wie für bessere Ausrüstung. Am Freitagabend waren etwa 2300 Polizisten im Einsatz gewesen.

In den Blick rückten auch die Waffengesetze. De Maizière sagte der „Bild am Sonntag“, zunächst müsse ermittelt werden, wie der Amokläufer an die Tatwaffe gelangt sei. „Dann müssen wir sehr sorgfältig prüfen, ob und gegebenenfalls wo es noch gesetzlichen Handlungsbedarf gibt.“ Auch Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) betonte im Gespräch mit den Zeitungen der Funke Mediengruppe: „Wir müssen weiter alles tun, um den Zugang zu tödlichen Waffen zu begrenzen und streng zu kontrollieren.“

Der innenpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Stephan Mayer, warnte am Sonntag vor vorschnellen Schlüssen. Allerdings bleibe das Waffenrecht auf der Tagesordnung, denn auf EU-Ebene werde derzeit über eine neue Waffenrichtlinie gesprochen. Dabei geht es vor allem um den Kampf gegen illegalen Waffenhandel.

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erstellt am 24.Jul.2016 | 22:18 Uhr

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