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Netzwelt

10. Dezember 2016 | 21:41 Uhr

Newscamp 2016 : Zukunft des Journalismus: Revolution im Sport

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Übernehmen bald Automatismen die Berichterstattung? 300 Journalisten diskutierten beim Newscamp in Augsburg über den digitalen Wandel.

Der Mann steht für die Zukunft digitaler Medien wie kaum ein anderer. Und das mit 61 Jahren. Er spricht frei und in Turnschuhen. Internet-Guru, Professor, Autor. Der amerikanische Journalismus-Experte Jeff Jarvis ist so etwas wie der Starredner auf dem „Newscamp 16“ in Augsburg. Über 300 Medienschaffende sind angereist, wollen Neues hören aus einer digitalen Landschaft, die sich selbst zwischen Nachmittagskaffee und Abendessen verändert. Verleger, Journalisten, Blogger, Digitalverkäufer. Sie sind alle auf der Suche nach einem erfolgreichen Zukunftsrezept. Eben jenes, wie mit digitaler Berichterstattung Geld zu verdienen ist. Ist es doch die Tageszeitung, die in den meisten Verlagen die digitale Seite mitfinanziert.

Die goldenen Zeiten der Printmedien sind vorbei, das Internet hat den Journalismus verändert. Verlage müssen sich über neue Erlösmöglichkeiten Gedanken machen.

Jeff Jarvis würde gern mit brachialer Gewalt vorgehen. „Kill the Newspaper“, sagt der Autor, dessen eigener wirtschaftlicher Erfolg seine Wurzeln im Print hatte. Sein gedrucktes Buch „Was würde Google tun“ stieß weltweit auf große Resonanz. Auch begann seine Karriere in einer Zeitungsredaktion, nämlich in der Nachrichtenredaktion der altehrwürdigen „Chicago Tribune“ Anfang der siebziger Jahre. Seine provokante Empfehlung, doch die gedruckte Zeitung zu töten, mag einen Teil der Zuhörer aufgeweckt, aber mehr oder minder nicht beeindruckt haben. Jarvis geizt nicht mit Empfehlungen. „Wir müssen wissen, wer die Leute draußen sind. Das wissen wir nämlich nicht. Facebook und Google kennen unsere Leser besser als wir.“

Etwas konservativer zeichnet der Digital-Chef der „Washington Post“, Joey Marburger, die elektronische Medienzukunft. Über 100 Redakteure sind bei diesem Titel allein in der digitalen Berichterstattung zuständig. „Wir müssen darauf achten, dass wir unsere Glaubwürdigkeit nicht verlieren, auch im Digitalen ist Qualität ein wichtiges Merkmal“, betonte Marburger. Idee des Mannes aus Washington: Eine Internet-Plattform im Badezimmer-Spiegel integrieren und beim Rasieren die News abrufen.

Der Schluss des Newscamps hatte mit Revolution zu tun. Nach Ansicht von Experten werden schon bald Sportberichte von Roboterjournalisten geschrieben. Drei von vier Fußballtexten auf den Internetseiten deutscher Regionalzeitungen seien in zwei Jahren voraussichtlich automatisch generiert, sagte Philipp Renger vom Softwareanbieter AX Semantics. „Durch die Automatisierung wird die Zahl der Spielberichte sprunghaft steigen.“ Dies betreffe alle unteren Ligen, bei denen kein Redakteur vor Ort sei. Für die Zeitungen ergäben sich daraus große Chancen und Einspareffekte. Je mehr Rohdaten es gebe, desto besser könne ein Computer innerhalb kürzester Zeit einen Bericht schreiben, der direkt nach Spielende online gehen könne.

Der Visionär verlässt mit seinem Spielberichts-Automatismus allerdings die aktuelle Spielwiese des modernen Sportjournalismus. Der verabschiedet sich nämlich gerade von der langweiligen 1:0-Berichterstattung.

Die typisch digitale Disziplin - eine Kolumne von Jürgen Muhl

Man stelle sich einen Workshop von klassischen Zeitungsleuten vor. Wenn jeder der Print-Redakteure in der aktuellen Tageszeitung blättert. Welch ein störendes Element in der Konferenz, welch eine Ungezogenheit von erwachsenen Menschen. Welch eine Respektlosigkeit gegenüber dem Referenten. Wozu es denn auch nur selten kommt. Handelt es sich doch in der Regel um wohlerzogene Journalisten.

Gut 300 Kollegen aus der neuen digitalen Welt  zeigen beim „Newscamp 16“ eine Art von neuer Form der medialen Anwesenheit. Ignoriert wird  die „Augsburger Allgemeine“, sie bleibt  stapelweise im Foyer liegen. Kommunikation mit dem Hang zur Lesebereitschaft läuft nun einmal anders bei den digitalen Kollegen. Abrufbar auf dem Smartphone. Wovon – schätzungsweise – 298 Newscamp-Gäste regen Gebrauch machen. Sie twittern, facebooken oder streamen die Vorträge sogar live in die Außenwelt. Da gibt es kein Pardon. Der Nebenmann hört es ja nicht. Ist ja kein Zeitungsblättern. Leises Medienspiel. Ein Ausdruck von typisch digitaler Disziplin.

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