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Netzwelt

05. Dezember 2016 | 13:35 Uhr

Werbung der Bundeswehr : YouTube-Serie „Die Rekruten“ – eine „Fernsehkritik“

vom

Wilde YouTube-Ästhetik gepresst in tarnfarbene Kasernenrealität – wie die Bundeswehr um Nachwuchs wirbt.

Acht Millionen Euro Produktions- und Werbekosten, dramatische Musik, ein professioneller Einspieler - und dann? Wackelige Selfie-Aufnahmen aus unordentlichen Kinderzimmern, hastige Schnitte, vermasselte Wortspiele und krampfige Familiendialoge mit RTL2-Charme – Bereits vor dem offiziellen Start der YouTube-Serie „Die Rekruten“ wurden solche Appetithäppchen in Form von Homestorys dreier künftiger Rekruten in die Weiten des Internets entlassen.

Seit dem ersten November werden auf dem Youtube-Kanal „Die Rekruten“ kurze Folgen einer Reality-Serie veröffentlicht – jeden Tag, zwölf Wochen lang. Die Serie begleitet zwölf junge Rekruten während ihrer Grundausbildung bei der Marine. Eine Social-Media-Offensive der Bundeswehr, die seit dem Wegfall der Wehrpflicht 2011 unter Personalmangel leidet.

Tag drei nach Serienstart: Zwar wurde der Schauplatz inzwischen tränenreich in die Marinetechnikschule im Parow (Stralsund) verlegt, doch der unangenehme Hauch waschechten Fernseh-Trashs bleibt. Ein bisschen zu gewollt auf die junge Zielgruppe zugeschnitten treffen Bildsprünge, Effekte und Ghetto-Slang-Counter, die wohl an manch einen erfolgreichen YouTuber erinnern sollen, auf die tarnfarbene Kasernenwelt.

Am staubigen Bundeswehralltag gibt es nichts zu beschönigen. Ruppigen Tones wird den jungen Rekruten gleich am ersten Tag Zucht und Ordnung abverlangt: „Wenn das nicht klappt, ist gleich der erste Kopf ab. Verstanden?“ Davor wirkt die fetzig-unterhaltsame Aufmachung etwas grotesk – eine Bild-Bild-Schere? 

Doch auch, wenn die Geschichten und Äußerungen der unbeholfenen Halbstarken („Camouflage strahlt Respekt aus“) einer gewissen Komik nicht entbehren, so fragt sich doch, ob solche Medien vor dem Hintergrund der Kriegsthematik nicht zu verharmlosend sind. Bedenken, die auch von der Politik geäußert wurden. „Werbefilmchen fürs Sterben im Ausland braucht niemand“, sagte Peter Ritter, friedenspolitischer Sprecher der Linksfraktion in Mecklenburg-Vorpommern vor Beginn der Ausstrahlung.

Bisher über 2 Millionen Aufrufe auf YouTube sprechen für den Erfolg der Kampagne – oder? In den Kommentaren hagelt es überwiegend Spott. „Wann kommt endlich der erste ,Follow Me Around in Afghanistan VLOG'“, will da einer wissen. Ein anderer fragt: „Cool. Wie teuer ist dieses Ferienlager? Scheint Spaß zu machen.“ Doch die Bundeswehr zeigt sich zufrieden. Die Klickzahlen zeigen, „dass wir das Geld gut investiert haben“, findet Dirk Feldhaus, Kommunikationschef für die Arbeitgebermarke Bundeswehr.

In diesem Sinne: „dreischalten minus zweischalten gleich einschalten“.

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erstellt am 03.Nov.2016 | 16:30 Uhr

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