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Netzwelt

10. Dezember 2016 | 15:51 Uhr

Kampf gegen Drogenkriminalität : Whatsapp-Blockade in Brasilien: „Strafe für 100 Millionen“

vom

Brasiliens Justiz ist nicht zimperlich, wenn sie die Herausgabe von Chats zwischen Kriminellen erzwingen will. Whatsapp-Alternativen wie „Telegram“ erleben in diesen Tagen großen Zulauf.

Rio de Janeiro | Der Messenger „Whatsapp“ ist in Brasilien auf Anordnung eines Richters für drei Tage blockiert worden. Rund 100 Millionen Menschen nutzen den Dienst in dem südamerikanischen Land. Die Facebook-Tochter bezeichnete den Schritt als völlig unverständlich und überzogen. Die Richterentscheidung war den fünf führenden Telekom-Anbietern des fünftgrößten Landes der Welt übermittelt worden. Damit soll WhatsApp gezwungen werden, Chat-Protokolle in Kriminalfällen an die Ermittler auszuhändigen. Die Blockade soll bis Donnerstagnachmittag dauern.

Brasiliens Justiz macht immer wieder Druck, um an Chatprotokolle über womöglich kriminelle Handlungen heranzukommen. Im Dezember war WhatsApp bereits für rund einen Tag blockiert worden. Facebook-Chef Mark Zuckerberg sprach damals von einem „traurigen Tag für Brasilien“. Facebook hatte WhatsApp 2014 für rund 22 Milliarden Dollar gekauft.

Der drastische Schritt wurde von dem Richter Marcel Montalvão im Bundesstaat Sergipe angeordnet, der auch die kurzzeitige Festnahme des Vizepräsidenten von Facebook für Lateinamerika, Diego Dzodan, Anfang März verfügt hatte. Dzodan wurde damals vorgeworfen, er habe sich einer richterlichen Anordnung widersetzt, Gesprächsprotokolle mutmaßlicher Drogenhändler an die Ermittler weiterzugeben. Worum es in dem aktuellen Fall genau geht, wurde zunächst nicht bekannt.

Seit Montagnachmittag funktionierte der Dienst in Brasilien nicht mehr, einzelne Ausnahmen gab es zeitweise mit WLAN-Verbindungen. WhatsApp hat in Brasilien die SMS-Nachrichten weitgehend abgelöst.

WhatsApp reagierte mit Unverständnis - im Rahmen der Möglichkeiten habe man immer mit der brasilianischen Justiz kooperiert. Der Dienst stellte jüngst komplett auf Ende-zu-Ende-Verschlüsselung um, bei der auch die WhatsApp-Ingenieure keinen Zugriff auf die Inhalte der Unterhaltungen haben. „Diese Entscheidung bestraft mehr als 100 Millionen Brasilianer, die unseren Service zur Kommunikation brauchen“, kritisierte der Dienst. Mitgründer und Chef Jan Koum betonte zugleich, man werde nicht nachgeben und die Sicherheit der Milliarde WhatsApp-Nutzer weltweit gefährden. „Wenn ein Gericht in Brasilien die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung nicht mag, frage ich mich, ob es die anderen Apps blockieren wird, die eine ähnlich hohe Sicherheit haben.“

 

Der Konkurrenzdienst „Telegram“ verzeichnete nach Angaben des Portals „O Globo“ binnen kurzer Zeit eine Million neue Nutzer. Auf Twitter bestätigte „Telegram“ eine Überlastung durch Bestätigungs-Emails.

 

Im Falle einer Weigerung zur Blockade drohen den Mobilfunkanbietern Strafen von rund 500.000 Reais (127.000 Euro) pro Tag. Der Fall ist die nächste Episode in einem weltweiten Tauziehen zwischen Internet-Firmen und Behörden um die Verschlüsselung von Daten und Privatsphäre. Nach den Enthüllungen von Edward Snowden über die ausufernde Überwachung durch Geheimdienste wie die NSA gingen unter anderem Apple, Google oder WhatsApp in vielen Fällen zu starker Ende-zu-Ende-Verschlüsselung über. Sie argumentieren, die könnten keine Inhalte an Behörden herausrücken, weil sie selbst keinen Zugang dazu hätten. Behörden fordern, sie müssten wie in der realen Welt mit Gerichtsbeschlüssen auf Informationen zugreifen können. In den USA eskalierte der Streit zuletzt mit Gerichtsverfahren zwischen Apple und der US-Regierung um das Entsperren von iPhones.

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erstellt am 03.Mai.2016 | 10:18 Uhr

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