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Netzwelt

25. Juli 2016 | 10:04 Uhr

Medizin, Industrie : Virtuelle Realität – Mehr als nur Spielerei

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eignet sich virtuelle Realität nur für Ballerspiele oder speziell dafür produzierte Filme? Mit der Technik ist bei Weitem mehr möglich.

So richtig beeindruckt ist Klaus-Peter Jünemann nicht mehr, wenn er sich plötzlich mitten in seinem Patienten wiederfindet, direkt vor ihm die mannsgroße Prostata. Der Kieler Urologe weiß, dass es die Technik ist, die ihn in eine andere Welt versetzt. Eigentlich sitzt er ein paar Meter vom OP-Tisch entfernt, den Blick stur in einen Apparat gerichtet, mit den Fingern kleine Joysticks drehend und wendend. Was im ersten Moment befremdlich klingt, hat sich bei Chirurgen zu einer beliebten Operationstechnik gemausert. Die Methode mit dem gewichtigen Namen „Da Vinci“ fällt unter einen Begriff, der häufig mit der Computerspielbranche in Verbindung gebracht wird: virtuelle Realität (VR).

Die Werkzeuge, die ferngesteuert vom Chirurgen die Schnitte durchführen, sind befestigt an mehreren Roboterarmen, die in dem Patienten stecken. Daran befestigte 3D-Kameras senden ein zehnfach vergrößertes – und weiter heranzoombares – Bild des zu operierenden Bereichs: „Man hat das Organ direkt vor der Nase“, erklärt Jünemann und zählt weitere Vorteile auf: Die Eintrittswunden seien deutlich kleiner als bei einer offenen OP, und die Werkzeuge viel flexibler als die menschliche Hand: „Die Instrumente lassen sich um 560 Grad drehen.“ Außerdem verdecke sich der Operateur nicht durch seine eigenen Finger, Hände oder Arme die Sicht. „Wir operieren fast gar nicht mehr offen“, sagt Jünemann und fügt hinzu: „Wir Chirurgen sind Spieler, wir sind Tüftler.“ Klar also, dass in der minimal-invasiven Chirurgie einer der ersten Anwendungsbereiche virtueller Realität zu finden ist. Entwickelt wurde das System bereits in den 1980er-Jahren von Medizintechnikern der US-Armee, um Soldaten in Krisengebieten aus der Ferne helfen zu können.

So neu ist die Technik also gar nicht, das weiß auch Frank Steinicke. Bereits in den 90er Jahren habe es einen „riesen Hype“ um VR gegeben – damals sei man jedoch „grandios gescheitert“. „Die Hardware war noch nicht so weit“, sagt der Informatikprofessor, der an der Universität Hamburg lehrt und forscht. Nur teure Technik sei qualitativ akzeptabel gewesen. Und deshalb habe sie nur in Bereichen Anwendung gefunden, in denen hoch investiert werden konnte, erklärt er und nennt simulierte Bohrungen in der Gas- und Ölindustrie, Modellsimulationen in der Flugzeug- und Automobilindustrie sowie in der Soldatenausbildung insbesondere beim US-Militär als Einsatzgebiete. Kurz: Überall dort, wo Fehler zu hohen Kosten – oder dem Verlust von Menschenleben – führen können.

Doch das Blatt wendet sich: Heute bedienen sich die Hersteller von VR-Brillen einer Displaytechnik, die durch die Smartphones den Einzug in den Massemarkt gefunden haben – und somit deutlich günstiger zu haben ist.

Boris Tolg, der als Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg (HAW) VR zur Ausbildung von Medizinstudenten nutzt, sieht ein weiteres Problem, das bis heute besteht: „Ich möchte selber laufen, selber greifen.“ Doch das sei beim Abtauchen in die virtuellen Bilder, die im Display der Brille gezeigt werden, nicht so einfach. Möchte der Nutzer sich passend zum Bild auch in der Realität bewegen, läuft er Gefahr, zu Hause über den Couchtisch zu stolpern. Und für Hardware wie einen speziellen Stuhl, der den Nutzer passend zu der Achterbahnfahrt in der VR-Welt durchrüttelt, fehle bei vielen Platz und Geld.

Mit der virtuell und interaktiven Darstellung von Räumen befasst sich auch Oliver Rößling von der Hamburger Firma opusVR. Seit etwa neun Monaten erst arbeite man dort daran, noch nicht einmal im Rohbau existierende Wohnungen von jedem Punkt der Welt aus begehbar zu machen. Besonders interessant für den Immobilienmarkt: Ein Kaufinteressent spare sich so den Flug und könne sich eigenständig in der Tausende Kilometer entfernten Wohnung bewegen und sogar den Bodenbelag, die Küche oder die Wohnzimmereinrichtung bestimmen – bis hin zu bestimmten Lichtreflexen, die je nach Tageszeit oder Wandfarbe und -struktur unterschiedlich ausfallen. „Wir geben nur die Rahmenbedingungen vor“, erklärt Rößling. Bislang handele es sich dabei um Einzelaufträge im Luxussegment. „Wir stehen noch ganz am Anfang“, räumt er ein. Doch er sagt klar: „In fünf Jahren wird das Standard sein.“

May-Lena Signus von der Standortinitiative der Hamburger Digital- und Medienwirtschaft „nextMedia.Hamburg“ erkennt einen weiteren Anwendungsbereich – den Tourismus: „Innovative Unternehmen werden davon profitieren, wenn der Endkunde  seine Hotelsuite virtuell begehen kann, bevor er bucht.“

Aktuell arbeite man in der Hamburger Software-Firma an einer Ansicht der Hamburger Hafencity, erzählt Rößling. Der Hintergrund: Hamburgs Bewerbung für Olympia 2024. „Das wird stadtplanerisch eine Riesenaufgabe.“ Mit Virtual Reality ließen sich auch bei Großprojekten Dinge ausloten, bevor fehlinvestiert würde.

Doch die Experten sehen auch Risiken: „Viele Leute werden sich darin verlieren“, warnt Rößling. Man schalte ganz bewusst alle äußeren Einflüsse ab, sagt auch Steinicke. Und auch im Spiel kann es extrem gruselig werden: „Auf einmal ist die Gefahr auch hinter dir“, sagt Steinicke. Nichts für schwache Nerven also. Über die Auswirkungen übermäßiger VR-Nutzung sei jedoch noch nichts bekannt. Steinicke selbst habe sich einmal einem 24-Stunden-Aufenthalt in der virtuellen Realität gestellt – ohne besondere Auswirkungen, wie er erzählt. „Ich war völlig ausgelaugt hinterher“, das sei aber auch schon alles gewesen. Den Bezug zur realen Welt um sich herum habe er nie verloren.

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erstellt am 22.Aug.2015 | 04:00 Uhr

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