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Netzwelt

21. Februar 2017 | 04:24 Uhr

Virtuelle Realität : Virtual Boy – Als Nintendo Zukunft war

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Virtuelle Realität stand schon einmal in den Startlöchern – und scheiterte. Wie Nintendo vor 20 Jahren seiner Zeit voraus war und doch Jahrzehnte hinterherhinkte.

Egal, ob man auf eine Spielemesse geht, sich die Verkaufscharts auf Amazon ansieht oder Branchenmagazine durchblättert – überall dominiert in den letzten Monaten das Thema „Virtuelle Realität“. Die futuristischen Brillen von Oculus, HTC und Sony sorgen für ein neues Spielgefühl – das erste Mal kann der Nutzer komplett in fremde Welten abtauchen. Das erste Mal? Nein, bereits vor 20 Jahren wagte Nintendo den ersten Schritt in Richtung virtuelle Realität – und scheiterte spektakulär. Wieso wurde der Virtual Boy damals aber zu einem der größten Flops der Videospielgeschichte, und was läuft heute anders?

Das Scheitern des Virtual Boys alleine auf die damals noch viel schwächere Technik zu beschränken, wird dabei dem ganzen Chaos bei Nintendo nicht gerecht. Ja, auch technisch war man Mitte der Neunziger noch nicht bereit für die virtuelle Realität. Die vom GameBoy-Erfinder Gunpei Yokoi entworfene Konsole bot zwar einen für die Zeit sehr starken Chip, musste aber auch zwei Bilschirme für den 3D-Effekt beliefern. So wirkte der Virtual Boy mit seiner Rot-Schwarz-Grafik wie ein Versuch früher Bildschirme der Siebziger und sorgte nach kürzester Zeit bei den Spielern für Kopfschmerzen. Aber wäre es bei den Kopfschmerzen geblieben.

Anstatt die Brille mit einem Helm auf dem Kopf zu befestigen, wirkt der Virtual Boy mehr wie ein Sehtest beim Augenarzt. Die Gründe gegen einen Helm und für die ungemütliche Konstruktion einer Brille auf Beinen wirken heute total aus der Zeit gefallen. In einem Interview verriet Gunpei Yokoi, dass die Entscheidung nicht nur durch den Wegfall einer Bewegungserkennung fiel: „Wir haben uns auch Gedanken darüber gemacht, dass jemand, der einen VR-Helm benutzen will, nachdem ihn eine geschminkte Frau auf hatte, vielleicht eine gewisse Abscheu empfinden würde.“

Alles an dem Konzept wirkte unausgereift und undurchdacht – und das kam nicht von Ungefähr. Eigentlich wollte sich das Team viel mehr Zeit bei der Entwicklung lassen, wurde von der Führungsriege aber zu einem schneller Release gedrängt. Der Nintendo 64 ließ noch auf sich warten, und im Umfeld der PlayStation-Veröffentlichung wollte man die Marke Nintendo im Gespräch halten.

Den endgültigen Dolchstoß für den Virtual Boy gab schließlich Nintendos Marketingabteilung. Immer wieder wurde er als Nachfolger für den GameBoy angepriesen und als tragbare Konsole – eigentlich war das System aber weder mit dem Handheld in Hosentaschengröße vergleichbar noch gemütlich transportierbar.

Shigeru Miyamoto, Erfinder von Mario und der bekannteste Entwickler von Nintendo, stellte schließlich in Frage, ob man den Virtual Boy überhaupt als Konsole hätte betiteln dürfen: „Es war die Art von Spielzeug, das einen begeistert und einem zeigt: ,Das können wir heute alles tun.’ Leider behandelte die Welt die Einführung, als sei es ein Nachfolger des Systems Game Boy.“ 1996 wurde bereits nach knapp einem Jahr die Produktion des Virtual Boys wieder eingestellt – nicht einmal eine Million Exemplare gingen über die Ladentheke, nur 22 Spiele wurden veröffentlicht, und Europa hat die Konsole nie erreicht.

Heute sind die Aussichten für die virtuelle Realität zweifelsfrei besser. Alle drei Mitbewerber sind mit viel mehr Ruhe in die Mission VR gegangen, sind technisch beeindrucken und folgen ausgeklügelten Marketingplänen. Ein ganz grundlegendes Problem des Virtual Boys bleibt laut dem Entwickler Steve Woita aber auch heute bestehen: „Ich glaube das größte Problem war es, dass es eine asoziale Konsole war.“ Es gehöre zum Erlebnis von Videospiele eben auch dazu, mit Freunden zusammen vor dem Fernseher zu sitzen – etwas, was auch heute nur eingeschränkt mit VR-Brillen erlebbar ist.

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erstellt am 28.Nov.2016 | 11:46 Uhr

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