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Netzwelt

04. Dezember 2016 | 07:11 Uhr

Interview : Überwachung: Die Macht der Gewohnheit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sammeln, speichern, auswerten: Die Spuren, die wir im Internet hinterlassen, sind wertvoll – nicht nur für Geheimdienste.

Professor Birgit Däwes ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin an der Europa-Universität Flensburg und beschäftigt sich mit dem Thema Überwachung. Im Interview spricht sie darüber, warum die Protestwelle um die Enthüllungen Edward Snowdens nicht lange anhielt und was Kinofilme und TV-Serien damit zu tun haben.

Frau Däwes, Sie widmen dem Thema Überwachung eine Veranstaltungsreihe: Wie wichtig ist es, den Bürgern hintergründige Informationen und auch Handwerkszeug zum Thema Überwachung an die Hand zu geben?
Ich glaube, es ist wichtig, ein Bewusstsein zu schaffen – viele haben das nicht. Wir haben uns sehr daran gewöhnt, dass überall Überwachungskameras sind. Diese Debatte lenkt davon ab, dass die eigentliche und viel gefährlichere Überwachung in einem ganz anderen Raum stattfindet, nämlich im digitalen Raum. Insbesondere Teenager nehmen häufig nicht wahr, dass alles, was sie bei Facebook, Google, Amazon und Co eingeben, auch Konsequenzen hat – weil diese Folgen zunächst ja auch nicht sicht- und fühlbar sind. Sie kriegen nicht mit, was mit diesen Daten passiert. Ich halte es für wichtig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Inanspruchnahme von scheinbar gratis zur Verfügung gestellten Diensten nicht gratis ist. Sie kostet immer einen Preis – und das sind unsere Daten. Das ist ein relativ hoher Preis.

Das heißt auch, dass Überwachung von überall herkommen kann.
Genau. Wenn wir „Überwachung“ sagen, denken wir sofort an staatliche Institutionen, Geheimdienste. Dabei sind die viel größeren Datensammler die wirtschaftlichen Großunternehmen wie Google, Facebook oder WhatsApp, die – wie wir von Edward Snowden wissen – mit der Regierung verbunden sind und dorthin Daten liefern. Sie haben aber eigentlich ein ganz anderes Interesse. Es ist mit hohen Risiken verbunden, diese Daten zur Verfügung zu stellen. Die Sammlung dient auch der Entwicklung weiterer Produkte wie Gesichts- oder Spracherkennungssoftware. Wir wissen noch gar nicht, wofür diese Daten letztlich eingesetzt werden. Das halte ich für das Gefährlichste. Aber uns abschließend dagegen wehren können wir wahrscheinlich nicht. Analog zu leben ist ja heute für die wenigsten eine Alternative.

Warum überwachen wir überhaupt? Kann es auch notwendig sein?
Die Basislegitimation für staatliche Überwachung ist immer die Sicherheit: Terrorismus und Kriminalität eindämmen. Das sind Argumente, die sehr schlagend sind und denen man die Grundlage nicht absprechen kann. Natürlich hat Überwachung auch Vorteile, denn natürlich ist es beispielsweise für Fluglinien wichtig zu wissen: „Wer fliegt heute mit?“ Und: „Was haben die Leute im Gepäck?“ Gefährlich wird es dann, wenn die Überwachung flächendeckend wird – und so ist es ja im Moment –, wenn es nicht mehr allein um die Ausräumung von Risiken geht, nicht mehr um konkrete Verdachtsmomente, sondern darum, dass alles, was wir tun, alles, was wir sagen, in der Zukunft zu Zwecken, die wir jetzt noch nicht kennen, genutzt und ausgewertet wird. Da haben wir dann nie unsere Zustimmung gegeben. Und da sehe ich den Staat in der Pflicht, seine Bürger vor kommerziellen Firmen zu schützen. Aber ein international einheitliches Verbraucherschutzrecht haben wir ja leider nicht. Andererseits bedarf es auch dieser Bewusstwerdung jedes Einzelnen dazu, was passiert, wenn wir diese Gratisdienste weiter freudig in Anspruch nehmen.

Ist es schon normal, dass man immer davon ausgehen muss, dass gesammelte Daten auch woanders landen?
Das denke ich schon. Ich wünschte, ich könnte eine andere Antwort geben. Sobald man in diesen großen digitalen, abstrakten Raum seine Daten gibt, können sie von anderer Seite abgefangen werden.

Als die Enthüllungen Edward Snowdens in den Medien hochkochten, hat mich gewundert, wie schnell diese Welle wieder abgeflaut ist, und dass die Protestwelle, die da zu erwarten gewesen wäre, gar nicht so groß war. Das liegt meiner Meinung auch daran, dass es 2011 – also zwei Jahre vor Snowden – Fernsehserien wie „Person of Interest“ gab, die genau das Szenario erzählten: Die Regierung gibt Überwachung in Auftrag, die jeden Schritt von jedem überwachen soll, um Risiken aufzudecken und einzudämmen. Damit waren wir bereits an die Erzählung einer umfassenden Überwachung gewöhnt. Wir haben diese Bilder tausendfach im Kino gesehen. Im Falle Snowden kam dann vielfach die Reaktion: Die amerikanische Regierung wird schon wissen, was sie tut. Es herrschte vielerorts auch einfach Vertrauen in die Staatsmacht.

Wird sich durch die Wahl Donald Trumps an dem Umgang mit der Thematik etwas ändern – vielleicht sogar bei uns?Ich glaube nicht, dass Trump jemand sein wird, der sich groß für Verbraucherschutz und Bürgerrechte einsetzen wird – er hat beispielsweise in den Casinos, die er betreibt, ganz ausgefeilte Überwachungstechniken installiert. Auf der anderen Seite glaube ich aber auch nicht, dass ein Aufschrei kommt, dazu ist unser Gewöhnungseffekt zu groß. Auch durch das Kino – die Erzählmuster sind immer so, dass einzelne Individuen die Bösen sind. Es ist nie das System, bei dem der Fehler liegt. Was wir über die NSA oder die CIA wissen, wissen wir aus dem Kino.

Ist Hollywood so abhängig?
Es gibt in Hollywood Lobbybüros des US-Verteidigungsministeriums, die großen Produktionen sehr gerne militärische Gerätschaften und Kulissen zur Verfügung stellen. Sie wollen dann aber vorher die Drehbücher sehen. Ich glaube allerdings nicht, dass der Einfluss der Geheimdienste so weit geht, dass Hollywood sich nach der CIA oder der NSA richtet. Oliver Stone ist ein gutes Beispiel, er hat ja jetzt den Snowden-Film herausgebracht. Ich halte Stone nicht für von irgendwelchen Geheimdiensten beeinflusst – er wollte einfach einen guten und erfolgreichen Film machen. Dafür ist es gut, wenn man Erzählungen hat, die sich einprägen. Komplexe Erzählungen, die systemkritisch sind, sind selten solche, die erfolgreich an der Kasse sind. Die meisten Menschen, die ins Kino gehen, wollen nichts sehen, was sie in ihrem Weltbild erschüttert, es soll bestätigt werden. Der Kinobesuch hat ja Unterhaltungszweck. Für diese Wirkungsweise möchten wir keine abstrakten Warnungen, die eine Änderung unseres Alltagsverhaltens notwendig machen, sondern einfach eine Begegnung mit den Mustern, die wir bereits kennen; das zeigt sich von James Bond bis Jason Bourne. Es gibt außerdem einen viel besseren Film über Edward Snowden: der Dokumentarfilm von Laura Poitras, „Citizenfour“. Der hat eine ganz andere Botschaft, aber ist erwartungsgemäß nicht groß im Kino gelaufen und hat nicht viel Geld eingespielt.

Wenn man von Hollywood wieder nach Deutschland springt, zu Thomas de Maizière und der Videoüberwachung – sollte die tatsächlich ausgebaut werden, werden die Menschen das so hinnehmen? Oder werden sie sich einschränken in ihrem täglichen Leben, weil sie ja beobachtet werden?
Das glaube ich nicht. Wir sind den Anblick der Kameras gewöhnt, die in öffentlichen Räumen mit erhöhtem Passagieraufkommen wie Flughäfen, Bahnhöfen aber auch Museen angebracht sind. Wir sehen ja auch immer wieder in Detektiverzählungen – auch in Deutschland, auch im „Tatort“ –, dass die Polizei auch auf der Basis dieser Daten ermittelt. Das unterstützt das Sicherheitsargument so sehr, dass ich nicht glaube, dass wir da einen großen Aufschrei bekommen werden.

> Bis zum 30. Januar 2017 findet an der Europa-Universität Flensburg eine Workshop- und Vortragsreihe mit internationalen Experten zum Thema „Überwachungsräume “ statt. . Der nächste Workshop am 28. November von 16 bis 18 Uhr widmet sich dem Bereich „Literatur und Film.“

 

 

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erstellt am 18.Nov.2016 | 19:03 Uhr

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