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Netzwelt

07. Dezember 2016 | 17:33 Uhr

Nagars Netzwelt : Über Stimmungen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Stimmung im Netz kippt, sagte mir jemand. Und ich fragte zurück: Gibt es sie, diese Netz-Stimmung?

Irgendwas bringt seit dieser Woche die Wochenzeitung Zeit dazu, positive Pushnachrichten als Eilmeldungen aufs Handy zu verschicken. Begleitet von einem dieser typischen Siebentrilliarden-Zeichen-Texte auf der neunten Metaebene darüber, wie die hektischen Onlinemedien die derzeitige Nachrichtenlage überschnell ins Netz tackern. Irgendwas veranlasste im Dezember 2012 das US-Magazin Slate dazu, den Artikel: „Warum die Welt nicht auseinander fällt“ zu veröffentlichen. Mit vielen Grafiken, dass die Tötungsrate weltweit sinke. Dieses Irgendwas ist in etwa so gut zu begreifen wie eine zappelige Forelle. Man könnte es Stimmung nennen.

Die Netzwelt wird derzeit für vieles verantwortlich gemacht. Die Egoshooter-Spiele, das böseböse Darknet, diese übereilten Eilmeldungen und Falschmeldungen – bewusste und unbewusste. Als wäre sie die Ursache und nicht das Medium. Sicher: Auch illegaler Waffenhandel, menschenverachtende Terror-Propaganda und reihenweise Lügen sind Teil des Internets. Alles, was am Menschen unethisch ist, findet hier seine Nische. Man möchte es gern als unmenschlich bezeichnen. Doch Irgendwas sorgt dafür, dass das Wort „menschlich“ für mich nicht mehr nur positiv konnotiert ist.

Dieses Irgendwas brachte aber auch schon Billy Joel dazu, die sich überschlagenden Ereignisse und Nachrichten in seinem Song „We didn’t start the fire“ zu thematisieren. „Wir haben das Feuer nicht entfacht. Es brannte schon immer, seit die Welt sich dreht“, heißt es darin. Dieser Song kommt aus dem Jahr 1989, als das Internet bekanntlich noch nicht mit seiner geballten Bösartigkeit die Menschen ins apokalyptische Übel sog.

Auch Billy Joel erwähnt in seinem Song Positives. Katastrophen und Freude in einem Atemzug: „Lebanon Charles de Gaulle California baseball / starkweather homicide children of thalidomide” [Thalidomid ist der Wirkstoff von Contergan]. Positive Meldungen sind eben auch Teil der Realität. Wenn auch die Aktionen der positiven Push-Nachrichten und beruhigenden Grafiken im Netz etwas unbeholfen wirken, vielleicht als naiv und banal empfunden werden, sie sind eine Möglichkeit zu zeigen : Ja, es gibt Hass und Gewalt. Aber es gibt auch Gutes. Das Wort „menschlich“ ist doch irgendwie positiv zu verstehen. Das ist keine Ponyhofberichterstattung aus dem Shangri-La. Es ist das Abstützen etwas Kippenden.

Dieses Irgendwas, diese zappelnde Forelle der Stimmung sollte jedenfalls nicht der Anlass sein, sie im Netz durch notorisches Schüren von Hass und dem Weiden in Panikmache noch weiter zu stürzen. Oder, wie Billy Joel sagt: „Wir haben das Feuer nicht entfacht. Nein, wir haben es nicht gezündet. Aber wir versuchten, es zu bekämpfen.“
 

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erstellt am 28.Jul.2016 | 19:09 Uhr

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