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Netzwelt

08. Dezember 2016 | 05:10 Uhr

Der Rückzug ins Private : Terror und Amokläufe – Wenn Gewalt den Takt angibt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Angst vor Terror und Amokläufen zeigt, wie wichtig sichere öffentliche Räume sind. Der Rückzug ins Private kann nicht die Lösung sein.

Deutschland unter Schock – mit diesen Worten untertiteln Nachrichtensender die Bilder und ihre Berichterstattung zu den Anschlägen der vergangenen Tage. Die Gewalt ist durch die Medien allgegenwärtig. Noch während Einsatzkräfte im Münchner Olympia-Einkaufszentrum operieren, ist man auch am anderen Ende Deutschlands mitten drin. Videos kursieren im Netz, zeigen den Täter, wie er das tödliche Feuer eröffnet.

 Egal ob Terror oder Amoklauf – Anschläge können jederzeit passieren. Die heimischen vier Wände, an die das blaue Licht von Smartphone- und TV-Geräten mit ihren Eilmeldungen und Sondersendungen strahlt, wirken hingegen beruhigend sicher. In Gesprächen mit Freunden und Bekannten fällt vielfach der Satz: „Zum Glück lebe ich in einer Kleinstadt und nicht in Hamburg oder München.“

 Solche Sätze fallen, obwohl damit klar ist, dass der Terror sein Ziel erreicht hat. Denn die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich Opfer eines Anschlags zu werden, bleibt verschwindend gering. Trotzdem: Schon vor dem ersten islamistisch geprägten Selbstmordanschlag in Deutschland an diesem Wochenende ermittelte eine bekannte Versicherung in einer repräsentativen Umfrage, dass Terror in diesem Jahr den Deutschen die größten Sorgen bereitet. Damit hat die Gewalt die Kosten der Eurokrise – zuvor fünf Jahre lang das deutsche Angst-Thema Nummer eins – abgelöst.

 Wer Menschenansammlungen meidet, lieber zu Hause bleibt, anstatt am öffentlichen Leben teilzunehmen, kapituliert aus Angst. Folgt nun trotzdem der Rückzug ins Private? „Das wäre subjektiv nachvollziehbar, ist aber völlig übertrieben“, sagt Ludger Heidbrink, Professor für Praktische Philosophie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Den öffentlichen Raum Gewalttätern zu überlassen, ihn aufgrund von Terror-Meldungen zu meiden, sei fatal. „Das wäre der Verlust der demokratischen Infrastruktur. In ihm vollzieht sich die Meinungsbildung“, so Heidbrink. Er sagt aber auch: „Es ist nicht die Aufgabe der Bürger, permanent Widerstand zu leisten, indem sie demonstrativ den öffentlichen Raum besetzen. Der Staat muss für Ruhe und Sicherheit sorgen und sachlich informieren – genauso wie die Medien.“

 Sucht man in der Philosophie nach Rat, ist der Tenor klar: Politische Meinungsbildung ist öffentlich, und der absolute Rückzug ins Private steht dem entgegen. Die Athener Bürger sollen auf dem Marktplatz zusammenkommen und diskutieren, sagte einst Aristoteles, und auch für den deutschen Philosophen Jürgen Habermas ist eine Demokratie ohne politische Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit kaum vorstellbar. Gleichwohl gibt es auch Denker, die ein Leben fernab der Politik und anderen „üblen Geschäften“ empfehlen. Etwas, das auch für die Zeit des Biedermeier vor der bürgerlichen Revolution 1848 galt. In der Kulturgeschichte, aber auch im Alltag gab es immer wieder Phasen des Rückzugs, etwa nach dem Scheitern der eben angesprochenen Märzrevolution.

 Heute ist die Lage anders. „Wir leben stärker als je zuvor in der Öffentlichkeit“, sagt Silke Göttsch-Elten, Ethnologin und ebenfalls Professorin an der CAU in Kiel. Sie verweist auf die Vielzahl an Konzerten und anderen Veranstaltungen, aber auch auf die zunehmende Entgrenzung von Beruf und Freizeit. Allein deshalb könnten wir uns einen Rückzug ins Private nicht leisten. „Dennoch werden die Diskussionen über unser Sicherheitsverhalten jetzt zunehmen“, so Göttsch-Elten.

 Es geht um Leben und Tod. Terror und Amokläufe wecken Urängste. Die Angst, einkaufen zu gehen oder ein Konzert zu besuchen, wie im bayrischen Ansbach, wo sich ein Syrer beim Einlass in die Luft sprengte. Schon melden auch in Schleswig-Holstein Veranstalter von Musikfestivals und anderen Großveranstaltungen verschärfte Sicherheitsmaßnahmen. Die für Wacken verantwortliche Agentur ICS Festival Service GmbH kündigte an, dass Rucksäcke auf dem Gelände des beliebten Heavy-Metal-Festivals im Kreis Steinburg verboten werden. Damit sind die Wacken-Veranstalter schon weiter als Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter. Rucksackverbot auf dem Oktoberfest? Noch nicht beschlossen, aber nach den Gewalttaten in der Diskussion. Der Rucksack wird zum Symbol der Gewalt. Dabei steht er für Mobilität, Beweglichkeit – und damit: Freiheit. Taschen werden zu Waffen. Wenn sie herrenlos am Bahnhof liegen, rufen sie die Polizei auf den Plan.

 Damit einher gehen Strategien von Menschen, gewisse öffentliche Räume zu meiden. „Das hat es in der Geschichte schon immer gegeben“, sagt Ethnologin Silke Göttsch-Elten. Schleswig-Holsteins Tourismus etwa profitiere seit einigen Jahren davon, dass viele Menschen aus Angst nicht mehr im Ausland, sondern lieber zwischen Nord- und Ostsee Urlaub machen. Auch in deutschen Städten wird der öffentliche Raum vor allem nach den Bluttaten der vergangenen Tage nicht mehr als sicher empfunden. „Dabei ist das ist eine Grundvoraussetzung für politische Stabilität. Der Staat muss für diese Sicherheit sorgen“, so Göttsch-Elten.

 Politische Stabilität und Demokratie – um nichts weniger geht es also bei der Frage: Soll ich ein Konzert, eine Kundgebung besuchen? Soll ich mich öffentlich engagieren? Eine absolute Sicherheit kann es nicht geben. Das muss hinnehmen, wer in einer offenen und freien Gesellschaft leben möchte.

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erstellt am 31.Jul.2016 | 13:44 Uhr

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