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Netzwelt

07. Dezember 2016 | 11:46 Uhr

Islamismus im Internet : Terror-Propaganda – Was tun gegen die Gefahr aus dem Netz?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Besonders junge Menschen sind für islamistische Propaganda im Netz empfänglich. Experten schlagen Alarm. Und die Politik fordert mehr Verantwortung seitens der Plattformen. Aber das ist gar nicht so einfach.

Grausame Hinrichtungen und Kinder mit Kalaschnikows – mit drastischen Bildern versuchen Islamisten über das Internet Kämpfer für den „Heiligen Krieg“ zu rekrutieren. Angesichts der Anschläge von Nizza, Würzburg und Ansbach will die Politik massiver gegen Propaganda im Netz vorgehen.

Terrororganisationen oder Rechtspopulisten haben das Internet für sich entdeckt. Sie finden hier nicht nur Wege, sich weitgehend ungestört zu vernetzen, sondern auch Sympathisanten und Mitglieder. Insbesondere Kinder und Jugendliche sind gefährdet.

Tatsache ist, dass Experten in den vergangenen Jahren eine klare Zunahme der Online-Hetze registrieren. „Es wird immer mehr und immer brutaler“, sagt Patrick Frankenberger von der länderübergreifenden Stelle jugendschutz.net. „Das hängt mit der Eskalation des Syrienkonflikts und dem Auftreten des Islamischen Staats und dessen Propaganda zusammen.“ Dieser setze auf harte Gewaltvideos, die es in dieser Form und vor allem in dieser Menge vorher nicht gegeben habe.

Der 36-Jährige ist Leiter des Projekts „Islamismus im Internet“. Mit seinem Team durchsucht er von Mainz aus deutschsprachige Seiten nach islamistischer Propaganda: Die Mittel – also die Bildsprache, die Symbolik oder das Narrative – seien weltweit sehr ähnlich, erklärt er. Eine zentrale Rolle spielen dem Experten zufolge Kinder. Sie würden einerseits als Opfer präsentiert, indem Bilder toter Kinder gezeigt werden. „Das schürt Rachegelüste und stachelt an.“ Auf der anderen Seite werden Kindersoldaten im militärischen Training gezeigt. „Damit wird demonstriert: Es wird ein langer Kampf, die nächste Generation steht bereit.“ Zudem steige der Druck auf ältere radikalisierte Jugendliche, die Jüngere kämpfen sähen und vermittelt bekämen: „Und ihr? Was sitzt ihr noch zu Hause rum?“

Extrem brutale Videos oder Bilder würden zwar auch viele abschrecken. „Aber wenn nur ein minimaler Prozentsatz der Rezipienten darauf anspringt, ist das schon extrem gefährlich.“ Auch das Bundeskriminalamt warnt: „Die Propaganda dschihadistischer Gruppen im Internet zeigt immer mehr Wirkung und kann zu spontanen Tathandlungen mit verheerenden Folgen führen.“ Angesichts des Attentats in Nizza mit 84 Toten, der Axt-Attacke eines Flüchtlings in der Nähe von Würzburg und dem Selbstmordattentat in Ansbach bekräftigten Politik und Ermittlungsbehörden erneut, massiver gegen die Propaganda im Netz vorgehen zu wollen. „Ich finde es nicht zu viel verlangt, dass Hass-Mails, Anleitungen zum Bombenbauen und Ähnliches schneller aus dem Netz verschwinden“, erklärte Innenminister Thomas de Maizière in der vergangenen Woche. Der Staat wolle keine Zensur üben. Die Bekämpfung und Vorbeugung von Straftaten müsse aber auch im Internet möglich sein.

Die Bundesregierung setzt in ihrem Maßnahmenpaket zur Terrorbekämpfung schon seit einigen Monaten auf eine „freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen der Internetwirtschaft, zum selbstständigen und aktiven Vorgehen gegen terroristische Propaganda auf ihren Netzwerken“. Zudem wird eine europarechtliche Verschärfung der Haftung der Host-Provider für Inhalte geprüft.

Das Problem momentan ist, dass Online-Dienste in der Regel erst tätig werden, wenn sie auf illegale Inhalte auf ihrer Plattform hingewiesen oder von Behörden um Hilfe ersucht werden. Eine Verpflichtung, proaktiv nach Rechtsverstößen zu suchen, würde eine ganz neue Situation schaffen und wird von vielen Netzaktivisten abgelehnt.

Für Frankenberger läuft die Zusammenarbeit mit den gängigen Online-Plattformen recht gut. „Wenn wir bei Youtube und Facebook Verstöße melden, verschwinden die gefährdenden Inhalte meist innerhalb von einem Tag“, sagt er. Der Zeitfaktor spiele eine enorme Rolle: „Gerade aus der Perspektive des Jugendschutzes ist uns natürlich ganz stark daran gelegen, dass Propaganda rasch gefunden und gelöscht wird und sich nicht verbreitet.“

Doch die Dschihadisten finden immer neue Mittel und Wege. Twitter sei nach wie vor ein wichtiges Tool. Jedoch wichen sie verstärkt auf Messengerdienste wie WhatsApp und Telegram aus, sagt Frankenberger. „Die Rezipienten werden direkt auf dem Smartphone erreicht. In geschlossene WhatsApp-Gruppen kommen wir aber nicht rein.“

Laut Frankenberger spielen bei der Propaganda Emotion und Ästhetik eine große Rolle: „Angesichts der Flüchtigkeit der sozialen Medien und der Zeitknappheit der User, muss die Propaganda schnell wirken – das wird durch Emotionalität erreicht.“ Zudem setzten die Macher der Videos auf eine „hollywoodartige Ästhetik“: „Die in Szene gesetzte Gewalt erinnert an Serien wie ,Game of Thrones’, in denen ja auch geköpft wird.“ Neben den sehr brutalen Inhalten nutzen die Islamisten aber auch subtilere Elemente, um die jungen Menschen abzuholen. Dabei bedienten sie sich alltäglicher Mitteln der Jugendkultur, etwa aus den Bereichen Hip-Hop oder Gaming. „Damit wollen sie Interesse wecken und die Jugendlichen schrittweise empfänglich machen für die Ideologie.“

Ist der Kampf gegen den Islamismus im Netz für ihn denn ein Fass ohne Boden? „Schwer zu sagen. Es ist – vor allem global betrachtet – extrem viel, was sich da im Netz abspielt“, sagt Frankenberger. „Für uns ist es schon ein Erfolg, wenn brisante Inhalte zügig gelöscht werden. Aber ganz beseitigen wird man die Propaganda sicher nicht.“

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