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Netzwelt

04. Dezember 2016 | 17:22 Uhr

Trendspielzeug der 90er : Tamagotchi: Das Großstadt-Haustier wird 20

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kommerzieller Erfolg und Zukunftsvision der Videospiele: Vor 20 Jahren zog das Tamagotchi in den Alltag vieler Jugendlicher ein – und prägte die Entwicklung mobiler Spiele.

Eine Erfindung wie das Tamagotchi muss aus Japan kommen. Gerade in den eng besiedelten Großstädten wie Tokyo konnte man schon in den Neunzigern an Haustiere kaum denken. Hier sprangen Tamagotchis als perfekter Ersatz ein. Sie waren kleine digitale Tiere, mit den grundlegenden Bedürfnissen – Schlaf, Hunger, Sauberkeit und Unterhaltung. Anders als klassische Spiele gab es bei ihnen aber keine Pausetaste. So ging das „Spiel“ unaufhaltsam weiter und das neue Haustier meldete sich mit penetranten Pieptönen bei jedem Unwohlsein – egal ob der Besitzer gerade in der U-Bahn, im eigenen Kinderzimmer oder in der Schulbank saß. Von Schulverboten für die Spielzeuge bis zu Zeitungsanzeigen für Tamagotchi-Sitter sorgte dieses Spielzeug für die ungewöhnlichsten Entwicklungen.

Im November 1996 ging das erste Tamagotchi in Japan über die Ladentheke – wenige Monate später wurden dann auch Amerika und Deutschland vom Fieber gepackt. Über 40 Millionen Tamagotchis konnte Bandai weltweit alleine im Jahr 1997 verkaufen – mehr als ein virtuelles Haustier pro Sekunde. Für Bandai war es die Rettung. Gegen Ende der Neunziger Jahre war das Geschäft mit den Power Rangers auf dem absteigenden Ast und eine Übernahme durch den damaligen Konsolenhersteller SEGA stand bevor. Das neue Trendspielzeug beseitigte die finanziellen Sorgen des Unternehmens im Handumdrehen. Die Erfinderin selbst bekam von diesem Erfolg aber kaum etwas ab.

Aki Maita war eigentlich gar nicht als Entwicklerin beim Spielzeughersteller Bandai angestellt. 1990 wechselte sie in die Verkaufs- und Marketingabteilung des Unternehmens, entwickelte in ihrer Freizeit aber das Tamagotchi-Konzept. Trotz des großen Erfolges behielt Aki Maita ihre einfache Position in der Marketingabteilung – es gab keine Beförderung und auch keine Gehaltserhöhung. Sie selbst sieht da kein Problem: „Es war ja nicht meine eigene Leistung. Ich hatte nur die Idee, hab das Konzept ausgearbeitet und das Marketing geleitet. Wir brauchten auch noch Techniker und PR-Verantwortliche, um aus der Idee ein Produkt zu machen.“ Mit dieser Idee rettete sie aber nicht nur ihren Arbeitgeber und veränderte den Alltag zahlreicher Teenager, sondern zeigte einen Ausblick in die Zukunft der mobilen Spiele.

Die Tamagotchis boten eine komplett andere Art des Spielens, die erst vor kurzem durch Smartphones mit stetigen Push-Nachrichten wieder aufgelebt ist. Der Spieler verliert sich nicht in einer Spielwelt, sondern das Spiel wird Teil der eigenen Welt. Mit regelmäßigen Erinnerungen strukturiert es den Tag – ein Konzept das heute Social Games wie „Clash of Clans“ oder „FarmVille“ wieder aufgreifen. Dies macht für Aki Maita auch den Erfolg ihrer Erfindung aus: „Das Tamagotchi ist von einem abhängig. Ich glaube, dass es für Menschen sehr wichtig ist, etwas zu finden, worum man sich kümmert.“

Genauso schnell wie das Tamagotchi die Welt eroberte, zog es sich aber auch wieder vom Markt zurück. Schon um die Jahrtausendwende waren die Verkaufszahlen auf ein Bruchteil zurückgegangen und zahlreiche Wiederbelebungsversuche scheiterten. Neue Versionen mit Infrarotschnittstelle, Pausenknopf oder NFC-Chip fanden nur in Japan zahlreiche Abnehmer – hierzulande hatten erst Spiele wie „Nintendogs“ und dann Smartphones mit all ihren Apps den digitalen Tiere den Rang abgelaufen. Seit dem letzten Jahr hat Bandai schließlich eine zeitgemäße Heimat für ihre Tamagotchis gefunden – als App für Smartwatches. Auch dort ist es heute aber nur noch ein Spiel unter vielen und nicht mehr das Ein und Alles für den Besitzer.

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erstellt am 14.Nov.2016 | 11:32 Uhr

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