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Netzwelt

08. Dezember 2016 | 13:07 Uhr

Nagars Netzwelt : Sorry für Hartz IV

vom

„Deutschland sagt sorry“ ist eine neue Webseite – für alle „Leidtragenden der Agenda 2010“.

Es ist eine besonders herzliche Seite, die sich da unter deutschland-sagt-sorry.de verbirgt. Nicht nur, weil ihr fesches Logo ein Herz aus Punkten in den Nationalfarben darstellt. Ein Youtube-Video zeigt den wirtschaftlichen Wohlstand: Ein Servicelächeln strahlt neben dem Headset-Mikro. Musik lullt ein und eine ruhige Stimme preist die Schwarze Null. Etwas unbeholfen erklärt ein adretter Anzugträger, was diese Seite eigentlich soll. Deutschland, namentlich das Ministerium für Arbeit, möchte „Sorry“ sagen. An alle, die durch die Agenda 2010 leiden mussten. 

An die alleinerziehende Aufstockerin zum Beispiel. Die Frau erklärt daraufhin, dass sie mit ihren beiden Kindern sechs Wochen lang von 50 Euro leben musste, weil sie sanktioniert wurde. Eine Lösung für ihr Problem verspricht das Video zwar nicht, aber es sagt „Sorry“. In einem Grußwort unter dem Video lobt Schirmherr Joachim Gauck die Initiative als „Benennen und Austarieren von Missständen“. Optisch wirkt alles so authentisch mit dieser Mischung aus behördlicher Nüchternheit und großen Worten – wäre da nicht der Inhalt.

„Das Bundesministerium für Arbeit waren die ersten, die auf unserem Pressetelefon angerufen haben“, erklärt Mit-Initiator Alex Busch. „Sie haben uns aufgefordert, Logo und Design des Ministeriums zu entfernen, einen Hinweis zu bringen, dass es sich um Satire handelt und das Impressum zu ändern.“ Aus dem Impressum erfährt man jetzt also, dass das Peng Kollektiv hinter der rätselhaften Seite steckt, ein Künstlerverbund, der schon Horst Köhler mit einer Fake-Seite foppte. „Diese Webseite wurde produziert von der PR-Agentur DIE POPULISTINNEN, einer Kooperation des Peng! Kollektivs und des Schauspiel Dortmund“, heißt es.

Neben dem Diskurs darüber, ob man ein erklärtes Existenzminimum kürzen darf, fallen zwei andere Dinge auf: Die Satire funktioniert hier nicht durch groteske Überspitzung, sondern dadurch, dass vermeintliche Selbstkritik medial inszeniert wird. Von einem Ministerium. Kann also nicht echt sein.

Die Seite „Deutschland sagt sorry“.
Die Seite „Deutschland sagt sorry“.

Und die Aktion verdeutlicht die fehlende Expertise der Bundesregierung im Bereich Kunstfreiheit. Denn wie solch ein Satire-Hinweis aussieht, lernt man auf der Seite horst-koehler-consulting.de: „Diese Seite ist voll und ganz Satire. Leider muss ich das hier unten hinschreiben, damit Menschen, die Angst haben nicht genügend respektiert zu werden, daraufhin nicht mit Anzeigen um sich schmeißen.“ Aber keine Sorge: Köhler fällt ja nicht mehr unter den Paragraphen der Majestätsbeleidigung.

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erstellt am 28.Apr.2016 | 18:19 Uhr

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