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Netzwelt

21. Januar 2017 | 05:34 Uhr

Musikvideos : Gema und YouTube legen Streit bei – Sperrbilder sind Geschichte

vom

„Dieses Video ist in Deutschland leider nicht verfügbar.“ – Ein Satz, den wir nun viel seltener lesen werden.

München | Tausende Musikvideos, die bei YouTube in Deutschland wegen des Streits zwischen der Videoplattform und der Gema gesperrt waren, sind seit Dienstag frei verfügbar. Bereits seit dem frühen Dienstagmorgen seien die roten Sperrtafeln bei Musikclips von Gema-Mitgliedern nach Angaben einer Gema-Sprecherin Geschichte. Die Google-Tochter und die Verwertungsgesellschaft schlossen nach einem sieben Jahre langen Konflikt einen Lizenzvertrag ab. Die finanziellen Bedingungen der Einigung wurden zunächst nicht bekannt. Die Seiten verwiesen auf eine Vertraulichkeitsvereinbarung. Zuerst hatte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ über die Einigung berichtet.

Bereits seit 2009 verhandeln Gema und YouTube über die Bezahlung der Rechteinhaber bei Abruf der Musikvideos. Dadurch war in Deutschland der Zugriff auf die Videoplattform jahrelang eingeschränkt. Statt Musikvideos gab es für Deutsche Nutzer nur den Sperrbildschirm zu sehen. Mit der Einigung auf den Lizenzvertrag kann in Deutschland nun fast ohne Einschränkungen auf YouTube zugegriffen werden.

Ein zentraler Streitpunkt war die Forderung der Gema, YouTube müsse ähnlich wie andere Online-Musikdienste pro Stream bezahlen. Die Google-Tochter weigerte sich beharrlich und verwies darauf, dass nur eine Beteiligung an den Werbeerlösen möglich sei - bei Videos, bei denen Anzeigen eingeblendet werden. Wie dieser Konflikt nun gelöst wurde, blieb zunächst unklar. In Branchenkreisen wird von einem Kompromiss ausgegangen, der neben einer Beteiligung der Gema an den Werbeerlösen auch zusätzlich eine Pauschale für Musikvideo-Streams ohne Werbung vorsieht. Der jetzige Lizenzvertrag soll auch rückwirkend für den Zeitraum seit 2009 gelten.

Weiterhin unterschiedlicher Meinung sind die Seiten bei der Frage, ob YouTube oder die Nutzer, die Inhalte hochladen, für die Lizenzierung der Inhalte verantwortlich sind. YouTube sieht sich als Plattform-Betreiber, der nicht von sich aus aktiv werden muss - und bekam mit dieser Auffassung auch Recht vor Gericht. Trotz der weiterhin unterschiedlichen Auffassung in dieser Frage werden die seit Jahren laufenden Verfahren eingestellt, wie ein YouTube-Sprecher bestätigte.

Die Einigung betreffe alle Videos der rund 70.000 Gema-Mitglieder sowie der Künstler, die die Gema im Ausland vertrete, sagte eine Gema-Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur. Dank des Vertrags würden diese Künstler nun auch für das Abspielen der Videos auf YouTube bezahlt, hieß es in einer Gema-Mitteilung.

Twitter-Nutzer verabschieden sich kreativ von den Sperrtafeln:

 

 

Die roten Sperrtafeln werden allerdings nicht komplett verschwinden: Sie werden beispielsweise dann geschaltet, wenn der Künstler oder die Plattenfirma kein Mitglied der Gema ist und andere Rechte geltend macht.

Der jahrelange Streit hatte Musikfans verärgert und teilweise auch Kritik aus der Musikbranche an der Gema ausgelöst. So baute der US-Musikdienst Vevo, der im Rest der Welt stark auf YouTube setzte, in Deutschland einen eigenen Kanal auf, um seine Videos zeigen zu können. Auch einige Musikkonzerne und Künstler verloren die Geduld und forderten einen Kompromiss.

Mit der Einigung wird auch der Weg für den Start des kostenpflichtigen Abodienstes YouTube Red in Deutschland freigeräumt, der ohne Werbung auskommt. Konkrete Ankündigungen dazu gibt es vom Unternehmen bisher aber nicht.

Die wichtigsten Eckdaten des Streits im Überblick:

31. März 2009

Die Nutzer bekommen den Lizenzstreit zwischen Gema und YouTube zu spüren. Die Videoplattform sperrt zahlreiche Clips, nachdem ein vorläufiger Vertrag ausläuft. Ein zentraler Streitpunkt sind Videos, vor denen keine Werbung geschaltet wird. Die Gema schlug in einem ersten Angebot eine Abgabe von einem Euro-Cent pro Abruf vor. Die Google-Tochter YouTube will grundsätzlich nur eine Erlösbeteiligung bei Clips mit Werbung zahlen.

10. Mai 2010

Die Gema bricht die Verhandlungen mit YouTube ab und fordert, rund 600 „illegal genutzte“ Musiktitel zu löschen oder den Abruf aus Deutschland zu sperren.

27. August 2010

In einer ersten Gerichtsentscheidung scheitert die Gema mit einem Eilantrag beim Hamburger Landgericht. Sie wollte YouTube per einstweiligen Verfügung untersagen lassen, 75 Musikstücke zugänglich zu machen.

20. April 2012

Das Landgericht Hamburg entscheidet, dass YouTube keine Videos zeigen darf, an denen die Verwertungsgesellschaft Gema Urheberrechte geltend macht. Zugleich folgte das Gericht der Position von Google, YouTube sei lediglich eine technische Plattform und für die Inhalte seien die Nutzer verantwortlich. Beide Seiten gehen in Berufung.

10. Januar 2013

Die Gema fordert 1,6 Millionen Euro Schadenersatz und zieht vor die Schiedsstelle beim Deutschen Patent- und Markenamt.

Dort solle die Angemessenheit der von ihr geforderten Mindestvergütung neutral geprüft werden. Zugleich fordert die Gema Google in einer Abmahnung auf, ihr in den Sperrtafeln zu den gesperrten Videos nicht die Verantwortung dafür zu geben.

6. Dezember 2013

Google startet in Deutschland einen Musik-Streamingdienst, für den auch eine Einigung mit der Gema über Lizenzgebühren ausgehandelt wurde.

10. Januar 2016

Nach dem Münchner Landgericht weist auch das Oberlandesgericht die Schadenersatzklage der Gema mit dem Streitwert von 1,6 Millionen Euro ab.

1. November 2016

Gema und YouTube geben eine Lizenzvereinbarung bekannt. Die gesperrten Videos werden freigeschaltet.

 
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erstellt am 01.Nov.2016 | 10:19 Uhr

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