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Netzwelt

03. Dezember 2016 | 01:25 Uhr

Social Bots : Digitale Wahlkampfhelfer: Roboter für die Meinungsmache

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im US-Wahlkampf sind Social Bots im Einsatz – in Deutschland wird die automatisierte Meinungsmache allerdings skeptisch gesehen.

Berlin | Früher erkauften sich Unternehmen Likes und Follower – jetzt werden Fake-Profile im Wahlkampf eingesetzt: Wie US-Forscher herausfanden, erhielten Donald Trump und Hillary Clinton auf Facebook und Twitter zuletzt große Unterstützung durch versteckte Programme, die versuchten, in sozialen Netzwerken auf die öffentliche Meinung massiv Einfluss zu nehmen.

Social Bots heißen die Werkzeuge, mit denen man täuschend echte Botschaften massenhaft in sozialen Medien verbreiten kann. Weniger als ein Jahr vor dem Bundestagswahlkampf werden die Meinungsroboter auch in Deutschland zum Thema. „Bots werden hauptsächlich benutzt, um Trends zu verstärken“, sagt der Politik- und Computerwissenschaftler Simon Hegelich von der Hochschule für Politik München (HfP). Ziel sei es, Tweets oder Facebookseiten von Kandidaten noch populärer zu machen. Man müsse aber vorsichtig sein, dies als Manipulation zu bezeichnen.

Eine Täuschung der Öffentlichkeit sei es aber allemal, meint der Kommunikationswissenschaftler André Haller von der Universität Bamberg. Besonders problematisch seien Bot-Armeen, wenn sie durch sehr viele automatisierte Nachrichten zu einem Thema einen falschen Trend vorgeben. „Der Nutzer kann dann den Eindruck erhalten, dass ein bestimmtes Thema von herausragender Bedeutung ist und politisch wichtiger ist als andere Themen oder Aspekte eines Themas.“ Strategisch nützlich seien Bots bei moralisch oder emotional aufgeladenen Ereignissen. Zum Beispiel bei der ersten TV-Debatte im US-Wahlkampf. Laut einer Studie der Oxford University hatten Bots hier einen beträchtlichen Teil der Nachrichten zur Unterstützung der Kandidaten auf Twitter abgesetzt. Bei Trump war jeder dritte Unterstützer-Tweet gefaked, jeder vierte bei Clinton. Hinzu komme, dass ein Drittel der Follower beider Kandidaten keine echten Menschen, sondern Roboter seien.

Martin Fuchs, Politikberater und Blogger aus Hamburg, erklärt, dass mithilfe von Social Bots unter anderem auch Trends auf Plattformen wie Twitter entstehen, die dann von Medien als vermeintliches Stimmungsbild aufgegriffen werden. „Dabei handelt es sich bei einigen, wie beispielsweise beim Hashtag #Merkelsommer, mutmaßlich um Trends, die von Bots beeinflusst worden sind“, sagt Fuchs. Auch schaffen es Social Bots, die aktuell meistgenutzten Hashtags zu „kapern“, also für ihre Zwecke umzudeuten.

Dürfen diese Statement-Schleudern in sozialen Netzwerken zur Stimmungsmache überhaupt eingesetzt werden? Strafrechtlich gibt es gegen sie kein Mittel, in den Geschäftsbedingungen verstoßen sie gegen das Kleingedruckte. Ihre Verwendung ist vielmehr eine ethische Frage. In Deutschland seien Parteien vorsichtig, nicht den Eindruck der Manipulation zu erwecken, sagt Hegelich. Wahlbeobachter Martin Fuchs sieht hier auch die Medien in der Pflicht, sich von einer computergenerierten Agenda-Steuerung nicht beeinflussen zu lassen. „Manchmal wird so ein kleines Thema regelrecht aufgebauscht“, sagt Fuchs. „Man sollte da nicht auf jeden Hype aufspringen.“

Für Haller ist klar: Social Media als Wahlkampfinstrument ist in der deutschen Politik noch Lichtjahre von den USA entfernt. Er sieht dies in der politischen Tradition begründet. Deutschland zeichnet sich zum einen im Vergleich zu anderen politischen Systemen durch einen eher moderaten Diskursstil aus. Zum anderen führe das Mehrheitswahlrecht in den USA zu einer „stärkeren Polarisierung und Personalisierung“ von Politik. Meinungen müssen dort pointierter und direkter formuliert werden. Bots können hierbei helfen, meint Haller. Selten sind sich CDU, SPD, Grüne, FDP und Linkspartei deshalb so einig gewesen: Computer-Bots als digitale Wahlhelfer sind tabu.

Zumindest gibt kaum jemand öffentlich sein Interesse für die neuen Möglichkeiten zu. Lediglich die AfD denkt in einem „Spiegel“-Bericht laut darüber nach, Bots in ihr Wahlkampf-Arsenal aufzunehmen. Wenig später geht die Partei auf ihrer Webseite aber wieder auf Abstand.

Ob eine offizielle politische Kraft hinter ferngesteuerten Meinungsmachern steckt, ist aber kaum überprüfbar: Im Netz treiben Bots ihr Unwesen wie Soldaten ohne Hoheitsabzeichen, sagt Haller. Bots seien zwar laut, aggressiv und könnten das Diskussionsklima verändern – ihr tatsächlicher Effekt auf die Gesellschaft sei aber bislang unerforscht.

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