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Netzwelt

08. Dezember 2016 | 19:15 Uhr

„Moin Refugee“ : App aus Kiel soll Flüchtlingen durch den Behördendschungel helfen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Als im vergangenen Jahr immer mehr Flüchtlinge nach Kiel kommen, ruft das zwei Mitarbeiter einer Werbeagentur auf den Plan.

„Man selbst weiß, wie kompliziert der Behördendschungel hier in Deutschland ist“, sagt Paul Lewandowski. „Da ist Hilfe nötig.“ Er und seine Kollegen der Kieler Werbeagentur Markenwerk hatten die Situation bereits Monate zuvor erkannt und ihre Kräfte gebündelt – herausgekommen ist „Moin Refugee“, eine App, die den Einstieg in das Leben in der Landeshauptstadt für Geflüchtete erleichtern soll. Im November 2015 ging die Anwendung fürs Smartphone online, bis heute wurde sie über 5000 Mal heruntergeladen.

Vor einem Jahr war die Lage in Kiel angespannt: Rund 1600 Menschen warteten Anfang Oktober auf eine Überfahrt nach Schweden, doch die Fähren waren ausgebucht, nur etwa 70 Flüchtlinge pro Tag konnten eines der begehrten Fährtickets ergattern, die anderen mussten zumindest temporär untergebracht werden. Und wieder andere sollten oder wollten bleiben – und mussten lernen, sich in der neuen Umgebung zurecht zu finden.

Das Projekt verlangte dem achtköpfigen Team viel ab, denn es ging um wesentlich mehr als die technische Entwicklung: „So mühselig hätten wir uns das nicht vorgestellt“, sagt Projektmanager Lewandowski, wenn er sich an das Zusammensammeln aller notwendigen Informationen aus den verschiedenen Behörden und Institutionen erinnert.

Die Behörden seien mit der Situation hoffnungslos überfordert gewesen. Also habe man selbst gemeinsam mit Helfern und Initiativen vor Ort überlegt, welche Informationen für Geflüchtete relevant sein könnten. Zusammengekommen sind unter anderem Übersichten der verschiedenen Ämter und Behörden und wofür sie zuständig sind, außerdem für die Navigation vor Ort Fotos der Gebäude und Eingänge sowie offline verfügbares Kartenmaterial. Das Ganze ist in sechs Sprachen verfügbar: Deutsch, Englisch, Französisch, Arabisch, Persisch und Albanisch. „Die wenigsten, die herkommen, kennen das lateinische Alphabet“, sagt Lewandowski. Außerdem sei eine App das richtige Medium, ist er sich sicher. „Fast alle, die herkommen, besitzen ein Smartphone.“ Einen Laptop oder gar einen Rechner hat wohl niemand dabei.

Umgesetzt werden konnte „Moin Refugee“ nur durch das freiwillige Engagement der Agentur-Mitarbeiter – Lewandowski schätzt den Gegenwert der eingebrachten Arbeitsstunden bis zum Erscheinen der App im November 2015 auf etwa 80.000 Euro –, Partner der Agentur, die ihre Hilfe anboten, sowie engagierten Flüchtlingen. Für professionelle Übersetzer sei weder Zeit noch Geld vorhanden gewesen, sagt Lewandowski. „Das alles musste schnell passieren, das Problem war akut.“

<p>„Man selbst weiß, wie kompliziert der Behördendschungel hier in Deutschland ist“, sagt Paul Lewandowski.</p>

„Man selbst weiß, wie kompliziert der Behördendschungel hier in Deutschland ist“, sagt Paul Lewandowski.

Foto: Privat

Innerhalb von drei Wochen hatten zwei Syrer die Texte ins Arabische übertragen. Auch die restliche Übersetzungsarbeit wurde von Freiwilligen gestemmt. Das Feedback – sowohl beim Gegenlesen durch Sprachkundige als auch über die Bewertungs- und Kommentarfunktion innerhalb der App – sei ausschließlich positiv gewesen. Und es wurde deutlich: Auch in anderen Regionen gibt es Bedarf.

Bislang gibt es die App nur für Kiel, doch man wolle sie auch andernorts Flüchtlingen zur Verfügung stellen können, sagt Lewandowski. Im Laufe dieses Jahres solle sie weiter ausgerollt werden – wenn sie auch außerhalb Kiels nachgefragt werde. Aktuell sei man mit vier Städten und Gemeinden als potenzielle Partner in Gesprächen, „ganz Schleswig-Holstein zu erreichen ist unser langfristiges Ziel“, sagt Lewandowski.

Hier sind dann allerdings auch die Gemeinden gefragt: Man wolle das Redaktionssystem so vorbereiten und weiter als technischer Dienstleister betreuen, dass die Gemeinden oder Städte es selbst jederzeit mit Informationen füttern können. Die Fachleute seien die Menschen vor Ort, sagt Lewandowski: „Nur so ist zu gewährleisten, dass alle Inhalte eingetragen und aktuell gehalten werden.“ Der Aufwand sei so immens gewesen, erinnert sich der Projektmanager, dass man es nicht leisten könne, für jede Gemeinde die erforderlichen Informationen zusammenzutragen.

Während die Kieler Ausgabe der App durch die Eigenleistung der Agenturmitarbeiter, weiterer freiwilliger Helfer und Unterstützer – ein Kieler Rechenzentrum stellte Server zur Verfügung, ein Kartendienst aus Berlin das Kartenmaterial – als Non-Profit-Projekt läuft, müsse man künftig zumindest die anfallenden Kosten decken. Beispielsweise falle deutlich mehr Kartenmaterial an, für die Daten würden weitere Serverkapazitäten benötigt.

Bei der Jury des von der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ ausgerufenen Wettbewerbs „Ausgezeichneter Ort 2016“ kommt die Idee jedenfalls an: Die „Moin Refugee“-App wurde zu einem der deutschlandweit 100 Preisträger gewählt. Jetzt geht die App ins Rennen um den Publikumspreis. Die Abstimmung in der Vorrunde läuft noch bis zum 15. September, danach kann bis zum 6. Oktober der Sieger gewählt werden. „Das gibt einen Riesen-Motivationsschub, wir bekommen mehr Gewicht in dieses Projekt“, freut sich Lewandowski. „Das zeigt uns: Es lohnt sich, noch einmal Arbeit zu investieren.“

> Die App ist kostenlos und für Android und iOS verfügbar: www.moin-refugee.de

> Hier geht es zur Abstimmung für den Publikumspreis.

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erstellt am 09.Sep.2016 | 18:52 Uhr

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