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Deutschland & Welt

03. Dezember 2016 | 14:48 Uhr

Walter Scheel stirbt mit 97 : Nachruf: Der volksnahe Präsident

vom

Der frühere Bundespräsident ist im Alter von 97 Jahren nach langer schwerer Krankheit gestorben.

Berlin | Walter Scheel ist vielen als singender Bundespräsident in Erinnerung – „Hoch auf dem gelben Wagen“ war ein vor gut 40 Jahren hochpopulärer Schlager, der ihm Gold- und Platin-Schallplatten einbrachte. Vor allem aber war er politisch ein Schwergewicht, denn er legte den Grundstein für die Deutsche Einigung. Mit dem damaligen Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) richtete der FDP-Mann in der sozialliberalen Koalition die deutsche Ostpolitik neu aus und initiierte so in Zeiten des Kalten Krieges eine richtungsweisende Entspannungspolitik. Nun ist der Visionär Scheel gestern im Alter von 97 Jahren im badischen Bad Krozingen gestorben – als dritter prominenter FDP-Politiker in diesem Jahr nach den Ex-Außenministern Guido Westerwelle und Hans-Dietrich Genscher.

In den 60er und 70er Jahren war er einer der populärsten und bedeutendsten deutschen Politiker – von 1969 bis 1974 Außenminister und Vizekanzler der von Brandt geführten SPD/FDP-Regierung, von 1974 bis 1979 dann Bundespräsident. Die FDP führte er als Vorsitzender von 1968 bis 1974, bis er Bundespräsident wurde.

Im Ausland wurde Scheel zeitweise „Mister Bundesrepublik“ genannt. Der zweifache Witwer Scheel lebte mit seiner dritten Ehefrau Barbara seit Anfang 2009 in Bad Krozingen bei Freiburg. Scheel war der letzte noch lebende Minister der Regierungen Konrad Adenauer und Ludwig Erhard (beide CDU). In den vergangenen Jahren hatte er sich, gesundheitlich angeschlagen und unter Demenz leidend, nur noch selten in der Öffentlichkeit gezeigt. Ein Streit über seine Pflege machte zuletzt Schlagzeilen.

Walter Scheel wurde am 8. Juli 1919 in Solingen als Sohn eines Stellmachers geboren. 1946 trat er in die FDP ein. Er machte eine bemerkenswerte politische Karriere. Der gelernte Bankkaufmann und Wirtschaftsberater war fast 25 Jahre lang Abgeordneter. Im Kabinett Adenauer war er der erste Entwicklungshilfeminister der Republik. Scheel war auf dem Zenit seiner politischen Laufbahn das vierte Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland und nach Theodor Heuss der zweite und bislang letzte FDP-Politiker in diesem Amt. Seine fünfjährige Amtszeit wurde überschattet vom Höhepunkt der Terrorwelle der Rote Armee Fraktion (RAF). Auch als Bundespräsident setzte Scheel die von ihm mitinitiierte Entspannungspolitik fort: 1975 besuchte er als erstes Staatsoberhaupt der Bundesrepublik die Sowjetunion.

Die Weichen hatte er Jahre zuvor gestellt. An der Seite von Willy Brandt setzte Scheel als Außenminister die umstrittenen Ostverträge durch und vollzog damit eine Neuausrichtung. Annäherung war sein Ziel. Damals war diese neue Ostpolitik umstritten und wurde vor allem von CDU/CSU scharf bekämpft - heute wird sie als ein Grundstein angesehen für die Deutsche Einheit. „Willy Brandt konnte nur deshalb das Land verändern, weil er mit Walter Scheel einen kongenialen Partner hatte“, sagte der heutige SPD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier. „Im Nachhinein liest sich der von mir unterzeichnete ,Brief zur Deutschen Einheit’ wie das Drehbuch zur Wiedervereinigung“, erinnerte sich Scheel viele Jahre später. „1970 konnten wir das alles aber noch nicht absehen, da konnten wir alle nur Hoffnung und Vertrauen haben.“

<p>Hans-Dietrich Genscher (FDP), Bundesaußenminister Walter Scheel (FDP) und Bundeskanzler Willy Brandt (SPD, v.l.n.r.) auf der Regierungsbank im Deutschen Bundestag in Bonn 1970.</p>

Hans-Dietrich Genscher (FDP), Bundesaußenminister Walter Scheel (FDP) und Bundeskanzler Willy Brandt (SPD, v.l.n.r.) auf der Regierungsbank im Deutschen Bundestag in Bonn 1970.

Foto: dpa/Archiv

In Erinnerung blieb auch Scheels ausgeprägtes Redetalent. Der Liberale mit dem von Silberlöckchen umrahmten Kopf gab dem Amt des Bundespräsidenten rhetorischen Glanz, betonte gleichzeitig die Nähe zum Volk. Und er zeigte deutlich Repräsentationslust. Dies trug zu seiner Beliebtheit und Volksnähe bei, die er mit einem ungewöhnlichen musikalischen Erfolg 1973 krönte. Das von Scheel 1973 gemeinsam mit einem Düsseldorfer Männerchor aufgenommene Volkslied „Hoch auf dem gelben Wagen“ stürmte die Hitparaden. Scheel bekam Gold für 300.000 verkaufte Platten, später Platin für eine Million Tonträger. Der Erlös kam sozialen Zwecken zugute. Das Lied wurde ein Leben lang zu Scheels Markenzeichen.

Seine politische Karriere bezeichnet er im Rückblick als „eine Mischung aus glücklicher Fügung und großem persönlichen Einsatz“. Auf eine zweite Amtszeit als Bundespräsident verzichtete er, weil sich CDU und CSU im Frühjahr 1979 auf Karl Carstens als Kandidaten einigten. Scheel wurde 1979 Ehrenvorsitzender der FDP. Für sie hatte er als Vorsitzender Anfang der 70er Jahre die „Freiburger Thesen“ mitentwickelt und den Liberalen ihr damaliges Reformprogramm gegeben.

Das sind die Reaktionen zum Tod Walter Scheels:

Bundespräsident Joachim Gauck würdigtet die Ost- und Europapolitik seines verstorbenen Vorgängers. „In seinen öffentlichen Ämtern, ganz besonders als Bundespräsident, hat Ihr Mann Großes geleistet“, schrieb Gauck nach Angaben des Präsidialamtes am Mittwoch an Scheels Witwe Barbara. „Die Einigung Europas voranzutreiben, lag ihm besonders am Herzen.“ Früh habe er die Bedeutung einer europäischen Integrationspolitik für Deutschland erkannt. „Mit seiner Ost- und Europapolitik hat er sich bleibende Verdienste für die Verständigung und Versöhnung auf unserem Kontinent erworben“, schrieb Gauck. Die Nachricht vom Tode Scheels erfülle ihn mit tiefer Trauer.

Bundesratspräsident Stanislaw Tillich (CDU) nannte Altbundespräsident Walter Scheel als Brückenbauer zwischen Politik und Bürgern. Auch nach seiner aktiven politischen Zeit sei Scheel ein „überzeugter und überzeugender Europäer und deutscher Weltbürger“ geblieben, der sich für internationale Belange genauso wie für Kunst und Kultur engagiert habe, sagte der sächsische Ministerpräsident am Mittwoch in Dresden. „Deutschland hat einen Liberalen der ersten Stunde und Staatsmann verloren“, sagte Tillich.

FDP-Bundesvize Wolfgang Kubicki hat mit Trauer auf den Tod seines Parteifreundes und früheren Bundespräsidenten Walter Scheel reagiert. Dieser habe die Bundesrepublik entscheidend mitgeprägt, sagte Kubicki am Mittwoch. „Vor allem stand er, als einer der Promotoren der sozialliberalen Koalition, für eine freiheitliche und weltoffene Republik.“ Als Außenminister habe Scheel gegen starke Widerstände den notwendig gewordenen Richtungswechsel in der Ostpolitik vertreten.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD): „Walter Scheel hat die Außenpolitik unseres Landes in schwierigen Zeiten, mit einem Eisernen Vorhang mitten durch das geteilte Deutschland, ganz maßgeblich geprägt, als Außenminister und als Bundespräsident.“

SPD-Chef Sigmar Gabriel: „In seine Zeit als Bundespräsident von 1974 bis 1979 fiel auch die Herausforderung des Terrorismus. Viele Menschen fühlten sich durch diese Bedrohung verunsichert. Walter Scheel gelang es immer wieder, in dieser schwierigen Zeit Optimismus zu vermitteln und Mut und Orientierung zu geben.“

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU): „Walter Scheel hat stets Türen geöffnet, Brücken gebaut.“

FDP-Chef Christian Lindner: Er „hat als Parteivorsitzender, als erster Entwicklungsminister, als Außenminister und Vizekanzler sowie als Bundespräsident Spuren hinterlassen.“

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU): „Mit Walter Scheel geht eine Konstante in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte.“

Justizminister Heiko Maas (SPD) via Kurznachrichtendienst Twitter: „Wir trauern um Walter #Scheel, einen großen Kämpfer für die #Freiheit und grandiosen Bundespräsidenten.“

Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht (Die Linke): „Mit Walter Scheel verliert die Bundesrepublik einen international anerkannten und geachteten Staatsmann. Insbesondere seine Verdienste um Europa und sein Wirken in der Ost- und Entspannungspolitik sind zu würdigen und in Erinnerung zu behalten.“

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erstellt am 24.Aug.2016 | 19:22 Uhr

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