zur Navigation springen

Deutschland & Welt

05. Dezember 2016 | 05:35 Uhr

Aufruhr in der Pusher Street : Nach Schüssen in Christiania: Legalisierung von Haschisch in Dänemark „näher denn je“

vom
Aus der Onlineredaktion

Vielleicht wäre es einfach vernünftig, Cannabis zu legalisieren. Das meinen in Dänemark nicht mehr nur die Kiffer im Hippie-Paradies Christiania, sondern eine Mehrheit der Bevölkerung – und zunehmend auch Politiker.

Kopenhagen | „Gi' mig Danmark Tilbage“ (Gib mir Dänemark zurück) schallt es im lauten Reggae-Sound aus den Lautsprechern, als die Bewohner der Freistadt Christiania sich auflehnen. 48 Stunden nach der am Ende tödlichen Schießerei am Donnerstag fliegen Bretterbuden, Tarn-Planen und Stellwände zu Boden. Die Eingeborenen haben genug von den Drogenbanden und der Gewalt auf der sogenannten „Pusher Street“. Das Andenken der Dealer aus dem Rocker-Millieu wird dem Erdboden gleichgemacht. Dieser Tag – so scheint es – wird nicht nur Christiania, sondern vielleicht auch ganz Dänemark verändern.

In Christiania, der Stadt der Künstler, Träumer, Kiffer, Manufakturen und Intellektuellen, gelten andere Regeln als im Rest Dänemarks, wo Haschisch und Marihuana strikt verboten sind. 1971 hatten Anarchos das ehemalige Militärgelände besetzt, von dort an galt: keine harten Drogen, keine Autos, keine Gewalt, kein Staat. Jahrzehntelang wurde das 34 Hektar in bester Lage umfassende Christiania als „soziales Experiment“ mehr oder weniger toleriert. Es gab allerdings auch immer wieder Versuche, die Natur-Oase abzureißen. 2011 kauften die einstigen Besetzer das Areal und wurden zu Eigentümern.


In der legendären Budengasse auf dem ehemaligen Kasernegelände haben seit Jahren Rocker unter dem Schutz der Mauern der Freistadt ihren Drogenmarkt betrieben. Der Umschlagsplatz auf offener Straße war nicht nur eine Goldgrube für die Dealer, sondern auch ein Besuchermagnet für die freie Stadt der strikten Regeln, die auch vom Tourismus lebt. Doch der offene Handel mit dem in Dänemark strikt verbotenen Rauschmittel ist zu einem ernsthaften Problem geworden. Mit dem Hippie-Leben, von dem die Bewohner träumen, hatte es nichts mehr zu tun. Sie haben ihre Gäste gebeten, nicht zu ihnen zu kommen, wenn sie nur Hasch kaufen möchten.

<p>„Kauf dein Hasch woanders“: Bewohner von Christiania haben genug vom Drogen-Tourismus.</p>

„Kauf dein Hasch woanders“: Bewohner von Christiania haben genug vom Drogen-Tourismus.

Foto: imago/Dean Pictures

Nach den Schüssen eines 25-Jährigen auf zwei Polizisten und einen Urlauber ist Schluss mit dem Cannabis-Verkauf im großen Stil. Die Stimmung bei Christianitern und Dänen ist gekippt. Gewalt und Auseinandersetzungen unter den Händlern, zwischen Zulieferern und der Polizei und in letzter Zeit zunehmende massive Polizeieinsätze gegen den organisierten Drogenhandel haben die Stimmung kippen lassen. Schon im September 2012 hatte die Polizei Kopenhagens eine eigene Task Force gebildet, die allerdings in den sozialen Netzwerken für viele negative Zeilen sorgten.

Die legendären Schilder mit den durchgestrichenen Kameras – sie sind übermalt worden mit roten Herzen. Christiania hat genug vom ständigen Ärger, sagt der Pressesprecher der Gemeinschaft, Risenga Manghezi: „Es ist darüber spekuliert worden, ob es nicht irgendwann soweit kommen müsste, dass jemand hier erschossen wird. Jetzt ist es soweit und den Leuten auf Christiania reicht es einfach und ehrlich gesagt geht es uns schon lange so“.

Dass es in Zukunft auf Christiania kein Hasch mehr zu kaufen geben wird, daran glaubt er allerdings nicht. „Wir bilden uns nicht ein, dass wir den Haschhandel aus Christiania für immer vertreiben können oder dafür sorgen, dass nie wieder eine Haschbude aufgestellt wird. Das hier ist eine Reaktion und wir müssen einfach sehen, was passiert“, sagte Manghezi vor einer Versammlung am Freitag, zu der Journalisten mit Leibwächtern erschienen. Für ihn wäre es ein Traum, wenn es in der ehemaligen Pusher Street bald nicht mehr nach Gras, sondern nach Essen riechen würde. „Gute Stimmung, Essen und Musik“ wünscht er sich – und dann dürfe es auch gerne mal ein wenig nach „Kräutern“ riechen.

Der Drogenhandel wird dort sicher auch ohne Buden weitergehen. Nun gibt es aber auch Anzeichen dafür, dass der Markt für die leichten Drogen bereits in andere Bezirke Kopenhagens gewandert ist und dass er sich mit dem Handel mit harten Drogen überlappt. Vor allem im direkt angrenzenden Stadteil Christianshavn sollen sich Kiffer derzeit mit Joints, Haschisch und Gras versorgen, berichtet „Berlingske“. Beides ist sicherlich weder im Sinne der Kopenhagener noch im Sinne der Politiker. Der Parteichef der Radikalen, Morten Østergaard hat keine richtige Antwort: „Ich finde wir müssen die Problemstellung so direkt angehen, wie die Bewohner. Die Fehler aus dem Jahr 2000 dürfen wir nicht wiederholen, wo das Problem sich einfach woandershin verlagert hat. Wir müssen uns etwas neues ausdenken.“ Die Einwohner Christiania sind sich sicher: Das gesamte Problem kann nur durch die Legalisierung von Haschisch und Marihuana gelöst werden. Auch in der Politik erhält diese Ansicht fruchtbaren Boden.

„Legalize“: Statement vor dem Eingang zur Pusher Street.
„Legalize“: Statement vor dem Eingang zur Pusher Street. Foto: imago/Dean Pictures

Trotz des Widerstandes bei den Sozialdemokraten, der Dansk Folkeparti, Venstre und Konservativen, rechnen die Parteien, die für eine Legalisierung eintreten, mit einer baldigen Mehrheit für eine Entkriminalisierung der bisher im kriminellen Milieu für Milliardengewinne sorgenden „heißen Ware“. Neben der Radikalen Venstre sprechen sich auch Alternativet, die Liberale Allianz (LA) und neuerdings auch die „Radikalen“ für die Freigabe der Droge in Dänemark aus – mit der stillen Hoffnung, dass die Sozialdemokraten sich von ihrem Nein abbringen lassen.

„Viele, die sich beruflich mit Haschkriminalität und Haschischmissbrauch beschäftigen, befürworten eine Legalisierung, so die rechtspolitische LA-Sprecherin Christina Egelund. „Ich glaube, wir sind einer Legalisierung näher denn je“, so die Politikerin. Auch wenn eine parlamentarische Mehrheit noch in weiter Ferne scheint, ist die Debatte über die Einführung einer staatlich kontrollierten und steuerlich lukrativen Ausgabe von Cannabis eröffnet.

Der neue Kurs von „Radikale“ sieht nun vor, dass der Staat den Handel mit Hasch kontrollieren solle. Ein Modell bei dem Hasch von Gewerben verkauft wird, die eine staatliche Lizenz besitzen. Die Einnahmen durch den Verkauf können dann in die Prävention, Aufklärung und Behandlung von Süchtigen gesteckt werden. Mit dieser Maßnahme hofft Morten Østergaard, dass weniger Jugendliche in die Arme von Kriminellen geschwemmt werden. Er räumt allerdings auch ein, dass sie der Kriminalität an sich wahrscheinlich nicht Herr werden: „Ich mache mir keine naiven Vorstellungen darüber, dass es nicht auch weiterhin Kriminalität geben wird – gerade mit Drogen. Aber ich finde auch, dass wir uns eine Sisyphusarbeit damit machen, einen illegalen Haschmarkt polizeilich zu kontrollieren, dem wir sowieso nicht Herr werden können.“

Die rechtspolitische Sprecherin von Alternativet, Carolina Maier, verweist darauf, dass eine Mehrheit der Bevölkerung für eine Haschisch-Legalisierung plädiert. Für eine Legalisierung von Haschisch sprechen sich laut Umfrage der Nachrichtenagentur Ritzau der Drogenexperte und Psychiater Erik Rindom, die Kopenhagener Staatsanklägerin Anne Birgitte Stürup, Ex-Staatsankläger Erik Merlung und Ex-Chefpolizeiinspektor Per Larsen aus. Ein Nein kommt vom Chef der Polizeigewerkschaft, Politiforbundet, Claus Oxfeldt.

zur Startseite

von
erstellt am 05.Sep.2016 | 17:39 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen