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Musik

03. Dezember 2016 | 22:52 Uhr

Musical „Hinterm Horizont“ : Interview mit Udo Lindenberg: „Nachts joggen wir um die Alster“

vom
Aus der Onlineredaktion

Udo Lindenberg hält sich fit - und unter „Trinken“ versteht er heute etwas anderes als früher. Ein Interview während der Premieren-Probe zum Musical „Hinterm Horizont“.

Hamburg | Udo Lindenberg, Ihr Musical „Hinterm Horizont“ hat kommende Woche Hamburg-Premiere. Was ist an der Show anders als in Berlin?
Sie hat viel mehr mit Hamburg zu tun, mit den echten Anfängen der Panik auf dem Kiez, wo ich das Panikorchester gegründet habe. Wir entdecken in der Show den Kiez von heute, mit den fantastischen Theatern von Corny Littmann, gehen in die „Ritze“ und ins „Grünspan“ und zu Olivia Jones. Hans Albers kommt auch um die Ecke, dann singen wir zusammen. Wenn Hamburg das Tor zur Welt ist, dann ist „Hinterm Horizont“ das Tor zur Reeperbahn.

Wie sehen Sie die Reeperbahn heute? Gilt noch: „Die Abende sind teuer, doch es gibt kein Abenteuer“?
Ich seh' den Kiez nur positiv. Ende der 70er, Anfang der 80er war ich ziemlich enttäuscht. Da lief auf der Reeperbahn nur Touristen-Ausplünderei, Bandenkriege und schmieriger Sex. Aber dann haben sie auf der Meile ein paar richtig geile Theater hingestellt, Tivoli, Schmidt und so weiter.

Geht Udo Lindenberg noch über die geile Meile?
Ja, klar. Ich gehe wieder öfter hin, habe den Kiez wiederentdeckt. Ich schlendere so rum, sage Hallo. Und die Leute sagen: Der Junge ist wieder da, wo er hingehört.

„Hinterm Horizont“ erzählt von Trennung und Wiedervereinigung der Deutschen. Ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer beherrschen AfD, Pegida und brennende Flüchtlingsheime die Diskussion. Wo ist das Glück der Deutschen hin?
Rechtspopulismus ist eine weltweite Geschichte, siehe Trump. Die schweigende Mehrheit wird laut, fühlt sich nicht wahrgenommen, weil die Regierungen angeblich an ihren Interessen vorbei arbeiten. Ich würde nicht sagen, dass man alle Leute von der AfD knicken soll. Man soll mit denen sprechen. Eine gewisse Regierungsverdrossenheit finde ich nachvollziehbar.

Keine Angst vor Rassismus und Flüchtlingshass?
Erklärte Nazis muss man natürlich knicken. Wer brüllt „Flüchtlingsheime sollen brennen“, braucht die volle Härte des Gesetzes.

Müssten Künstler in Deutschland stärker Position beziehen für Toleranz und gegen Ausländerhass?
Ich habe das für mich immer als Selbstverständlichkeit gesehen und mich nie nur als reinen Entertainer gesehen. Die Schlagerleute mit ihren eisernen Gesetzen, die den Menschen inmitten all der Katastrophen ausschließlich etwas von der heilen Welt vorzusingen, vor denen habe ich keine hohe Achtung. Andere bekennen Farbe und stellen sich offen hin, wie Bob Dylan, Bruce Springsteen, in Deutschland Grönemeyer, Niedecken, BAP, Maffay und wie sie alle heißen.

Sie erleben ein turbulentes Jahr: 70. Geburtstag, große Stadiontournee, präsent auf allen Kanälen. Das Pensum schafft man nur mit gesundem Lebenswandel, oder?
Das muss ja. Auf der Bühne bin ich als Hochleistungssportler unterwegs. Da muss ich rennen, sprinten und Kondition haben.

Sie wollen sagen, Udo Lindenberg treibt Sport, um fit zu bleiben?
Ja, in der Geisterstunde mach' ich Sport. Nachts rennen wir los, so für eine Stunde. Um die Alster rum oder wo wir sonst gerade sind …

… joggen um Mitternacht, das ist ein Scherz?
Nein, wirklich wahr. Ich mach' dann auch Sit-ups, Liegestütz und solche Übungen. Du musst schon körperlich sehr, sehr fit sein für diese Bühnenshows.

Wer viel Sport macht, muss viel trinken …
Ich habe die Sauferei umgestellt. Früher war ich Berufsschluckspecht …

… und heute gibt’s nur ab und zu ein Eierlikörchen?
Ja, ja, genau. Und andere Drogen. Mein Alchemist macht mir frisches Udopium. Im Keller des „Atlantic“ rühren sie irgendwelche geheimen Kräuter zusammen. Deswegen denken die meisten Leute auch, ich wäre dauernd stoned.

Udo Lindenberg als Everbody's Darling. Wie erklären Sie die Riesenpopularität?
Es wundert mich selbst, dass es in diese Dimensionen raufgezischt ist. Ich hatte eine Flaute, eine Midlife-Krise und es war mein Ziel, wieder hochzukommen. Ich und meine Producer haben gesagt, wir müssen den ganzen Schnörkel in der Musik weglassen und die Stimme nach vorn stellen. In der Stimme liegt so viel Patina, so viel Erfahrung. Ich bin durch so viel Scheiße gegangen, durch die dunkelsten Täler geschlichen, beinahe abgekratzt. Das ist alles in der Stimme drin.

Die Leute mögen Udo, weil er Udo ist?
Ja. Es geht nur noch um meinen Kern. Wo steh' ich, was bewegt mich? Da wird mit der großen Taschenlampe in die Tiefen meiner Seele runtergeleuchtet. So sind die Songs für das Album „Stark wie zwei“ entstanden. Alles authentisch. Die Leute spüren: Er hat sich getraut, sehr weit rauszuschwimmen, und er hat es überlebt. Interessanter Vogel.

Zu den Konzerten kommen Großeltern mit ihren Enkeln. Warum?
Ich habe viele Kinderfans inzwischen. Das liegt wohl an meinem Gazellentanz und der Mikrofonschleuderei und all den Dingen, die ich mache. Es kommen aber auch die heißen Greise und Greisinnen. Alle kommen. Was Schöneres kann mir gar nicht passieren. Deswegen sag ich: Ich bleib' an Bord, gründe den Club der Hundertjährigen und ziehe noch 30 Jahre durch. Rock'n'Roll hält frisch.

Hamburg oder Berlin, wo ist die Heimat von Udo Lindenberg?
Von der Zahl der Jahre her: Hamburg. Die meiste Zeit war ich hier. Die Eierschale war Hamburg und der Kiez.

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erstellt am 03.Nov.2016 | 08:29 Uhr

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