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Kultur

29. August 2016 | 02:08 Uhr

Siegfried Lenz und Wilhelm Lehmann : Zwei norddeutsche Autoren und ein Titel: „Der Überläufer“

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Siegfried Lenz und Wilhelm Lehmann: Verbindet die beiden großen norddeutschen Autoren mehr, als man bisher wusste?

Eckernförde | In der kommenden Woche erscheint ein unbekannter Roman von Siegfried Lenz. Sein Titel „Der Überläufer“ erinnert an den gleichnamigen Antikriegsroman des Eckernförder Schriftstellers Wilhelm Lehmann. Verbindet die beiden großen norddeutschen Autoren mehr, als man bisher wusste?

Siegfried Lenz und Wilhelm Lehmann haben jeweils einen Roman mit dem Titel „Der Überläufer“ geschrieben.

Die Entdeckung eines vollständigen Romans im Nachlass des am 7. Oktober 2014 verstorbenen Siegfried Lenz ist eine kleine literarische Sensation. Als Lenz sein zweites Buch 1951 abgeschlossen hatte, wollte der Verlag es nicht veröffentlichen. Man hatte offenbar politische Skrupel. Fürchtete man, dass von der „Gesinnung“ des Buches auf diejenige des Autors geschlossen werden könnte? War es das Tabu-Thema „Fahnenflucht“? Schließlich lag die Hinrichtung von 23.000 Deserteuren durch die NS-Militärjustiz erst sechs Jahre zurück und wurde damals noch nicht als Unrecht angesehen. Das Manuskript verschwand jedenfalls schnell wieder in der Schublade.

Ob Lenz in den Jahrzehnten bis zu seinem Tod eine Veröffentlichung erwogen und warum er den Roman nie mehr erwähnt hat, ist ein Rätsel. Er hat das Manuskript aber auch nicht vernichtet, bevor er im April 2014 sein persönliches Archiv dem Literaturarchiv in Marbach am Neckar vermachte.

Als Roman über den Irrsinn des Krieges kündigt der Verlag Hoffmann & Campe den Lenz’schen „Überläufer“ an. Auch Wilhelm Lehmann (1882 bis 1968) erzählt in seinem 1927 abgeschlossenen  Roman „Der Überläufer“ vom Wahnsinn des Krieges. Auch dieses Buch fand seinerzeit keinen Verleger und wurde Jahrzehnte später, 1962, erstmals gedruckt – sehr zur Freude seines Verfassers.

Die Kriegserzählung ist Lehmanns verschlüsselte Autobiografie. Im letzten Kriegsjahr des Ersten Weltkriegs wird Hanswilli Nuch, ein 35-jähriger Akademiker, eingezogen. Er ist kein begeisterter junger Kriegsfreiwilliger wie man ihn aus „Im Westen nichts Neues“ von Remarque kennt. Für Nuch ist der Krieg etwas grundsätzlich Naturwidriges, „ein entsetzlicher Zwang“. Nuch ist ein sensibler, naturliebender, etwas sonderlich wirkender Mann, der nie Soldat werden wollte und es auch nach mehrwöchiger Ausbildung nicht wird.

Beim ersten Fronteinsatz desertiert er im französisch-belgischen Grenzgebiet, wird aufgegriffen und an die Front zurückgeschickt, wo er während eines Gefechts zum Feind überläuft und in englische Kriegsgefangenschaft gerät. Nach dem Krieg gelingt es ihm nicht, wieder in seine bürgerliche Existenz zurückzukehren. Er wirft alle Fesseln ab, lebt von Gelegenheitsarbeiten und dient einem fast blinden Landgrafen als Vorleser. Der Germanist  Uwe Pörksen  hat Lehmanns „Der Überläufer“ jüngst mit Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ verglichen und herausgearbeitet, dass Nuch als Verkörperung der bedrohten Poesie verstanden werden kann. Im Nachkriegsteil werde das eigentliche Thema des Buches deutlich: das Überleben der Poesie.

Lehmann war über die Ablehnung seines Manuskripts sehr unglücklich. Der erste Teil enthält in einer Art Vorgeschichte Lehmanns erstes  Gedicht und wurde ebenso missverstanden wie der etwas langatmige Nachkriegsteil. Doch Lehmann wollte nicht kürzen, seinen vielschichtigen Roman nicht auf die Kriegserzählung reduzieren. Als Lehmann 1931 auch für „Der Provinzlärm“ keinen Verlag fand, gab er als Romanschriftsteller auf („Ich bin der Welt abhanden gekommen, sie aber nicht mir“) und machte sich als Lyriker, Naturschriftsteller und Essayist einen Namen. In den 1950er Jahren war der Naturlyriker so bekannt und angesehen wie Gottfried Benn.

Um es vor den Nazis zu verstecken, vergrub Lehmann das „Überläufer“-Manuskript 1933 in seinem Garten, lautet eine Eckernförder Legende. Nachweisen lässt sich hingegen, dass Lehmann den Romantitel unleserlich machte und zur Tarnung „Der Überflüssige“ darüber schrieb. Das Buch wurde nach Erscheinen einer Sonderausgabe 1964/65 von Frankfurter Allgemeine Zeitung bis Deutschlandfunk wohlwollend bis lobend besprochen. 1989 erschien eine kommentierte Ausgabe.

Die Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft gab 2014 im Donat Verlag einen Auszug heraus, wie es 1927 schon Alfred Döblin, ein wichtiger Förderer und Freund Lehmanns, empfohlen hatte. Diese Neuausgabe, zu der Günter Kunert das Vorwort schrieb, beschränkt sich auf den Mittelteil des Romans und macht ihn als radikalsten Antikriegsroman der deutschen Literatur erkennbar. Dabei ist das Buch völlig unpolitisch.

Der Krieg wird als Verbrechen gegen die Menschheit und gegen die Natur abgelehnt und in seiner tristen Banalität und Absurdität nüchtern und sachlich beschrieben. Die Desertion ist die „natürliche“ Reaktion darauf. Es gibt keinen anderen Kriegsroman, der eine Desertion als etwas so Selbstverständliches und Positives darstellt. Denn für Nuch (und Lehmann) ist der Krieg auch die Katastrophe der Poesie. Sie zu bewahren gelingt nur, indem man sich dem Morden verweigert.

Als Siefgried Lenz 1951 seinen „Überläufer-Roman“ schrieb, konnte er nicht wissen, dass Lehmann bereits einen Deserteursroman in der Schublade hatte. Beide Bücher entstanden unabhängig voneinander.

Ob sie mehr gemeinsam haben, als nur den Titel und die verspätete Veröffentlichung, ist eine ebenso spannende Frage wie die, warum Lenz seinen „Überläufer“ bis ans Lebensende unter  Verschluss gehalten hat. Siegfried Lenz hat Wilhelm Lehmann stets sehr geschätzt und noch im Frühjahr 2014 Grüße an die Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft ausrichten lassen. Dass auch Lehmann dem jüngeren Kollegen sehr verbunden war, zeigt Lehmanns letztes Gedicht vom 4. Oktober 1968 („Letzte Tage“):

Ausgelaufen ist der Krug.

Erde spricht, es ist genug.

 

Chrysanthemen hat ein Freund vors Bett gestellt,

Lockenhäupter, Würzgeruch der Welt.

 

Ehe meine Finger kalten,

Fühlen sie die Lust, die Stengel festzuhalten.

 

Halt ich so das letzte Stück der Zeit noch aus,

Bringt das große Qualenlose mich nach Haus.

 

Der Freund, der die Chrysanthemen vor Lehmanns Bett gestellt hat, war Siegfried Lenz.

Der Autor Wolfgang Menzel ist Germanist an der PH Karlsruhe und stellvertretender Vorsitzender der Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft.
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erstellt am 26.Feb.2016 | 19:15 Uhr

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