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Kultur

07. Dezember 2016 | 09:39 Uhr

Literatur : Zum Lachen: Joachim Lottmann fährt nach Italien

vom

Joachim Lottmann? Das war der Autor, der einen Koks-Roman schrieb, der Popliterat, vor dem Rainald Goetz angeblich Angst hat und der Journalist, der sich selst ziemlich toll findet. 

Nun hat der 59-Jährige ein neues Buch veröffentlicht. Die Novelle «Hotel Sylvia» ist wie seine früheren Werke («Mai, Juni, Juli») sehr lustig. Und böse. Diesmal geht es um Familie, genau genommen die zwei Brüder Wolfgang und Manfred. Sie fahren nach Italien, wo die Familie früher immer urlaubte. Das löst einiges aus.

Familie ist heikel. Auch für den Protagonisten Wolfgang, der besonders mit seinem älteren Bruder hadert. «Ich liebte ihn wohl, aber aufgrund einer leidvollen Vergangenheit ertrug ich ihn nicht. Er erinnerte mich zu sehr an früher.» Und früher war schwierig - die Brüder wuchsen in Ostbayern auf, Leben sah anders aus. «Ausgezehrt, ohne Nahrung, ohne Freunde, vor allem ohne weiblichen Zuspruch beendeten Manfred und ich unsere Pubertät im Bardo. Sie kennen Bardo nicht? Das ist der tibetische Begriff für das Zwischenreich. Irgendwas zwischen innerer Raserei und Tod», berichtet der Erzähler.

Nur in Italien schien alles gut, dort verbrachte die Familie - Mutter: Hausfrau, Vater: Politiker, die Jungs: klein - regelmäßig ihren Sommerurlaub. Im Hotel «Sylvia».

Genau dieser Ort soll Wolfgang und seinem Bruder nun helfen. Dem nämlich ist die Gebrechlichkeit auf den Fersen - wahrscheinlich zwei Schlaganfälle haben ihn gezeichnet. Der jüngere Bruder glaubt, ein Luftwechsel täte gut, besser noch die Entfernung von Manfreds Frau - einer kontrollsüchtigen Krankenhausangestellten, über die der Erzähler sagt: «Sie war die typische Deutsche, der man alles wegnehmen durfte, nur nicht die schlechte Laune.»

So viel zur Grundkonstellation der schlanken Novelle, die man schnell wegliest, einfach weil sie sehr witzig ist. Denn Lottmann besticht wie auch schon in seinen früheren Werken mit dem, das der gebürtige Hamburger und Wahl-Wiener am besten kann: pointiert charakterisieren und scheinbar beiläufig zu erzählen, aber niemals zu langweilen. Lottmanns Plauderton ist dabei so hart an der Grenze zwischen heiter und bissig, dass man nie ganz genau wissen kann, ist das alles nun sehr, sehr harmlos oder sehr, sehr böse.

Befasst man sich ein wenig mit Lottmann, der in seinem letzten Roman «Happy End» seine Literaturkollegen mit Verve lächerlich machte, liegt der Verdacht eher bei Letzerem. Natürlich weiß man auch nie genau, ob es nicht doch Lottmann himself und dessen Bruder sind, von denen da die Rede ist. Privates und Fiktion vermischt der 59 Jahre alte Schriftsteller jedenfalls gern. In der «taz» wiederum erklärte Lottmann: «Ich bin der Autor, nicht der Protagonist.»

Im Übrigen reisen die beiden Männer auch nicht allein. Wolfgang überredet noch die schöne Agnes mitzukommen, auf die er ganz unverhohlen scharf ist. Oder soll sie doch eher das blonde Lebenselixier für den graugewordenen Bruder sein? Der Protagonist jedenfalls freut sich bald, dass es mit Manfred bergauf zu gehen scheint: «Er ging wie ein Mensch, nicht wie ein Elektromobil.»

Der Leser erfährt schließlich ein wenig über die psychischen Befindlichkeiten des Erzählers, einiges über junge Frauen und alte Männer und sehr viel über Menschen, die das gleiche Blut in sich tragen und doch ganz unterschiedlich ticken. Und am Ende wird Lottmann noch ein bisschen böser als gewohnt. Man sollte als Erwachsener eben keinen Urlaub mehr mit der Familie machen.

- Joachim Lottmann, «Hotel Sylvia», 125 Seiten, Haffmanns & Tolkemitt, ISBN 978-3-942989-94-7.

Interview mit Lottmann

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erstellt am 26.Apr.2016 | 14:41 Uhr

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