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Kultur

23. März 2017 | 01:26 Uhr

Studie „Beyond the Bridge“ : Warum der „Tatort“ von dänischen TV-Serien lernen kann

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein neues Buch erklärt die Beliebtheit dänischer TV-Serien. Eine mutige Branche und starke Frauenrollen sind Gründe.

Kiel | Die Dänen sind bekanntlich das glücklichste Volk der Welt. Mag sein, dass das auch an ihrem hervorragenden Fernsehprogramm liegt. Denn das öffentlich-rechtliche dänische Fernsehen produziert viele interessante Fernsehdramen wie „Die Brücke“, und das, obwohl es dort nur 2,5 Millionen Fernsehhaushalte gibt. Mittlerweile schätzen nicht nur die Dänen diese qualitativ hochwertigen Serien, sondern Zuschauer auf der ganzen Welt. Die dänische Medienwissenschaftlerin Heidi Philipsen und ihr deutscher Kollege Tobias Hochscherf haben sich die Frage gestellt, ob es Zufall sein kann, dass die Dänen einen internationalen Erfolg nach dem anderen produzieren, oder ein System dahinter steckt. In ihrem englischsprachigen Buch „Beyond the Bridge“ veröffentlichen sie ihre jahrelangen Studien.

„Am meisten wurde ich bei unserer Forschung davon überrascht, dass es so viel Offenheit unter den Kollegen der Medienbranche gibt“, meint Philipsen, Professorin an der Syddansk Universitet in Odense. „Ein Ideenaustausch findet statt, wodurch sich ein starkes Netzwerk bildet. In unserem Buch sprechen wir von einer Sharing Culture.“ Diese Offenheit nutzten Philipsen und Hochscherf, der an der Fachhochschule Kiel arbeitet und lehrt, für ihre Recherche. „Wir haben schnell entschieden, dass man nur erfahren kann, welches die dänischen Erfolgsrezepte sind, wenn wir mit den Machern sprechen.“

Philipsen und Hochscherf führten also Interviews mit Kameraleuten, Autoren, Produzenten und anderen Beteiligten. „Zwischen ihnen gibt es einen großen Zusammenhalt, der die kreativen Entwicklungsprozesse fördert“, erklärt Hochscherf. Zudem gebe es flache Hierarchien und Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern. Was auch dadurch deutlich werde, dass es in den Serien viele überzeugende und starke Frauenrollen gibt wie beispielsweise die Politikerin Birgitte Nyborg (Sidse Babett Knudsen in „Borgen – Gefährliche Seilschaften“).

Dänische Serien faszinieren aufgrund ihrer spannenden Erzählweisen und ihres ästhetischen Stils. Typisch sind etwa die Grautöne, durch die die bedrohliche Atmosphäre eine Krimihandlung unterstrichen wird. Stilmittel wie das der Farbgebung sind in speziellen Design-Handbüchern festgelegt, um einen einheitlichen Look einer Serie zu erzeugen. Einheitlich wird außerdem die Handlung einer Serie, weil es Drehbuchautoren gibt, die eine Serie von Anfang bis Ende der Produktion kontinuierlich begleiten.

Aber vor allem ist man in der dänischen Branche mutig. Etwas, das Hochscherf beim deutschen Fernsehen oft vermisst. „Der so viel gelobte Tatort ist international nur Mittelmaß, und auch andere fiktionale Sendungen hierzulande erscheinen mutlos und in vielerlei Hinsicht veraltet“, meint der Medienwissenschaftler. Hier könnten die deutschen Anbieter durchaus vom dänischen Fernsehen lernen. „Oder anders gesagt: Wenn ARD und ZDF so weitermachen wie bisher – und sich bei Unterhaltungsserien am kleinsten gemeinsamen Nenner des Publikumsgeschmacks ausrichten – werden immer mehr Zuschauer auf DVDs und Streaming-Angebote ausweichen.“ Und dann habe man laut Hochscherf ein Akzeptanzproblem: „Zumindest wird es schwerer, den Menschen die Notwendigkeit einer durchaus sinnvollen Rundfunkgebühr zu erklären.“

Das ist in Dänemark ganz anders. „Hier ist man stolz auf das Fernsehen“, sagt Philipsen. Rundfunkgebühren werden sogar gerne bezahlt. „Die Rundfunkgebühren ermöglichen es einem kleinen Land natürlich im Besonderen, eine landesspezifische und weitgehend unabhängige Fernsehkultur aufzubauen, die nicht ausschließlich von Importen globaler Konzerne abhängig ist. Das schätzen viele Dänen“, erklärt Hochscherf. Innerhalb Europas habe kaum ein Land vergleichbare Zustimmungswerte. „Natürlich gibt es auch Kritik – diese ist ja auch wichtig, um das öffentlich-rechtliche System zu verbessern.“ Glücklich, diese Dänen.


 

Beyond the Bridge – Contemporary Danish Television Drama, Tobias Hochscherf und Heidi Philipsen, Verlag I.B.Tauris & Co, 288 Seiten, 76,49 Euro, ISBN 978-1784533564. Günstigere Versionen sind als E-Book erhältlich und als Taschenbuch für 2018 in Planung.


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erstellt am 09.Mär.2017 | 09:56 Uhr

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