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Kultur

07. Dezember 2016 | 09:36 Uhr

Ein Denkanstoß : Von wegen Monogamie: «Sex. Die wahre Geschichte»

vom

Dieses Buch stellt die monogame Paarbeziehung infrage und rüttelt somit an den Grundfesten der westlichen Gesellschaft: «Sex. Die wahre Geschichte» der beiden Wissenschaftler Christopher Ryan und Cacilda Jethá ist eine unterhaltsam geschriebene und neu bewertete Betrachtung der menschlichen Sexualität.

Wer auf Zweisamkeit als Basis einer Partnerschaft baut, muss jetzt ganz stark sein: Der Mensch ist nicht für Monogamie gemacht.

Das jedenfalls behaupten Christopher Ryan und Cacilda Jethá, zwei Wissenschaftler der Psychologie und Psychiatrie, die sich seit Jahren mit der Problematik befassen und das Sexualleben der menschlichen Spezies sowie ihrer prähistorischen Vorfahren untersuchen. Ihre Erkenntnisse fassten sie in ihrem Buch «Sex. Die wahre Geschichte» zusammen. Und das stellt den verhaltensbiologischen Mainstream - vor allem der westlichen Welt - auf den Kopf.

Es sind revolutionäre Ansichten, die die Autoren zwar nicht wirklich beweisen können, mit anthropologischen Erkenntnissen aus den Anfängen der Menschheit vor gut fünf Millionen Jahren und dem Gattungsverhalten der nächsten Verwandten heute, den Menschenaffen, durchaus überzeugend untermauern. Gleichzeitig nehmen Ryan und Jethá die menschliche Doppelmoral aufs Korn, die so gern den sexual-gesellschaftlichen Standard, also das übliche Partnerschaftsmodell, als ethisch saubere Norm propagiert und dabei stets und überall gegen diese Norm verstößt. Dass alles auch in vergnüglicher und leicht verständlicher Sprache geschrieben wurde, hebt dieses Werk über eine Expertenlektüre heraus.

Natürlich können eine solche Untersuchung und erst recht ihre Ergebnisse nicht mit religiösen Vorstellungen kompatibel sein. Aber das war die Darwinsche Evolutionstheorie auch nicht. So ist ganz klar, dass der Sündenfall im Paradies genauestens unter die Lupe der beiden Wissenschaftler genommen wurde: Wer verlor was im Paradies? Der Mensch auf jeden Fall seine Unschuld. So «wurde das ehemals unschuldige sexuelle Vergnügen (...) zu einer Quelle der Scham und Erniedrigung», als Adam und Eva aus dem Garten Eden vertrieben wurden und das mühevolle Leben der Menschheit seinen Anfang nahm. Laut Autoren aber war die jüdische und christliche Genesis wohl nichts anderes als ein Erklärungsversuch dafür, weshalb die einst vergleichsweise stressfreie Lebensweise der Jäger und Sammler zur Plackerei der Bauern wurde.

Ryan und Jethá kommen - noch ganz von der «Wollust im Paradies» gebannt - zu dem Schluss, dass der Mensch im Vergleich mit anderen Lebewesen eine «übersteigerte Sexualität» besitzt. «Kein Tier außer Homo sapiens macht über weite Teile der ihm zugedachten Lebensspanne einen derartigen Wirbel um Sex - noch nicht einmal die Bonobos mit ihrer bekanntermaßen ausgeprägten Libido. (...) In Paarbindung lebende "monogame" Tierarten sind in der Regel hyposexuell (...), sie haben Sex (...) nur zum Zweck der Fortpflanzung. Menschen dagegen liegen, unabhängig von ihrer Religion, am entgegengesetzten Ende des Spektrums - sie sind die personifizierte Hypersexualität.» Im Gegensatz zu ihnen aber diene bei Menschen und bei Bonobos die Erotik dem Vergnügen. Für beide Spezies sei nicht-produktiver Sex etwas völlig Natürliches.

Es gibt etliche weitere Aspekte, die die Sexualforscher analysieren, zum Beispiel «Das Märchen von der schwachen weiblichen Libido», «Weibliche Kopulationsrufe», Strategien im «Kampf der Geschlechter», die «Genetische Vaterschaft», «Das wahre Maß des Mannes», «Steinzeitporno», «Manchmal ist ein Penis nur ein Penis» oder «Die Klage der Perversen» - um nur einige wenige zu nennen. Am Ende aber münden alle Überlegungen in dem ihrer Meinung nach den meisten Menschen bekannten Wunsch nach Abwechslung und der Rechtfertigung dafür: «Noch ein paar Gründe, warum ich jemand Neues brauche».

Um Missverständnissen vorzubeugen: Das Buch der beiden in Barcelona lebenden und forschenden Wissenschaftler - in mehrere Sprachen übersetzt und international bereits ein Bestseller - darf natürlich nicht als Aufforderung zum Fremdgehen oder Gruppensex angesehen werden. Es soll auch kein Plädoyer gegen die für einige Menschen sehr wichtige Institution Ehe sein. Es kann aber durchaus ein Denkanstoß für neue (Zusammen-)Lebensmodelle wie Patchworkfamilie oder Polyamorie sein. Hauptsächlich aber sind die prähistorisch begründeten Attacken gegen teilweise überkommene, moralisch starre Ansichten gerichtet, die vor allem Misstrauen und Rivalität hervorbringen und wenig Platz für Toleranz lassen.

- Christopher Ryan und Cacilda Jethá: Sex. Die wahre Geschichte. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 430 Seiten, 24,95 Euro, ISBN 978-3-6089-8050-9.

Sex. Die wahre Geschichte

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erstellt am 25.Okt.2016 | 11:44 Uhr

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