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Kultur

08. Dezember 2016 | 15:29 Uhr

Kunst : Urbane Kunst: Graffiti-Sprayer Tasso wird 50

vom

Das Haar ist mittlerweile grau-meliert und nicht mehr ganz so füllig. Unter dem braunen T-Shirt mit der Aufschrift «Das Leben beginnt» zeigt sich ein kleiner Bauchansatz.

Doch wenn Graffiti-Künstler Jens Müller alias Tasso die Spraydose in die Hand nimmt und an der Leinwand loslegt, rücken derartige Äußerlichkeiten in den Hintergrund.

Am Samstag (23. Juli) feiert der Sachse aus Meerane bei Zwickau seinen 50. Geburtstag - mit einem Hauch Wehmut, vor allem aber einer großen Prise Stolz. «Ich kann von meinen Bildern leben - und zwar gut. Das hätte ich mir vor 25 Jahren nicht träumen lassen», sagt Tasso.

Anfang der 1980er Jahre sprüht er mit geklauten Dosen die ersten Schriftzüge mit den Namen seiner Lieblingsbands an die Wände seiner westsächsischen Heimatstadt. Die Wende 1989 öffnet ihm das Tor zur Welt: Vom Begrüßungsgeld kauft er als erstes einen schwarzen Edding. Von seiner Großmutter leiht er sich später 20 West-Mark, um einen Karton voller Spraydosen zu erstehen. «Mein Ziel: Das erste Graffiti von Meerane.»

Bald wird Graffiti zum Lebensinhalt, auch wenn er zunächst brav den Beruf des Fleischers erlernt und später auf dem Bau arbeitet. Während die Kumpels zum Pärchenabend übergehen, zieht der Mittzwanziger nachts lieber mit 15-Jährigen los, um sich kreativ auszutoben.

Fernab der Großstadt und damit der urbanen Szene habe er «in der Provinz» seinen eigenen Stil entwickeln können. Während andere Sprayer Gangster-Posen mit großen Pistolen sprühten, malte er «eher kitschige» Landschaften und experimentierte viel, um den perfekten Hautton für seine fotorealistischen Arbeiten zu finden. 

Seinen Durchbruch schaffte Tasso schließlich beim «Meeting of Styles», einem der größten internationalen Szene-Treffen in Wiesbaden, das inzwischen weltweit Ableger hat. Seitdem hinterlässt Tasso seine Spuren rund um den Globus - bis heute.

«Tasso gehört zweifelsfrei nach wie vor zur absoluten Elite - national wie international», meint Maxi Kretzschmar. Für die Leipziger Galeristin für urbane Kunst ist Street Art, Graffiti oder Urban Art - einen genau definierten Begriff gäbe es bislang nicht - die Kunst des digitalen Zeitalters. Der Austausch der Künstler und die Verbreitung der Bilder werde durch die sozialen Medien noch verstärkt, eine der «demokratischsten Kunstformen» somit medial erweitert.     

Auch Marco Schwalbe von der Münchner Kunstmesse Stroke, der ersten und bislang einzigen deutschen Messe für urbane Kunst, hält Graffiti und Co. für einen Markt der Zukunft. Bislang würden in der Bundesrepublik im Jahr Werke im Wert von gerade einmal einer halben Million Euro verkauft, so seine Schätzung. «Doch dieser Markt wächst, zudem wird sich die zeitgenössische Kunst weiter öffnen», meint er.

Noch werde dieser Bereich von der klassischen Kunstszene in Deutschland weitestgehend ignoriert. Doch schon in wenigen Jahren werde man auch hierzulande nicht mehr zwischen urbaner Kunst und anderen zeitgenössischen Arbeiten unterscheiden. Dies zeigten andere Länder wie die USA, wo längst von «new contemporary art» (neuer zeitgenössischer Kunst) die Rede sei.

Zusammen mit seiner Crew, der Künstlergruppe «Ma’Claim», gehört Tasso nach Ansicht von Schwalbe zu den wichtigsten deutschen Graffiti-Künstlern. Er genieße auch international große Reputation.

Tasso selbst sieht sich erst seit wenigen Jahren als Künstler. Seitdem er Mitte der 90er dank Auftragsarbeiten den Schritt in die Legalität geschafft hat, sichern ihm bezahlte Werke seinen Lebensunterhalt. Etwa 30 Aufträge im Jahr stehen demnach rund zehn eigenen Arbeiten gegenüber. «Ich bin ehrlich, diese finanzielle Sicherheit war und ist mir wichtig», gibt Tasso zu.  

Mit 50 sei das Glas zwar schon «mehr als halbleer». Alt fühle er sich aber nicht, auch nicht inmitten seiner Kollegen, von denen selbst die alten Hasen rund zehn Jahre jünger seien. Doch die ersten Probleme mit der Schulter «nach 25 Jahren mit der Dose in der Hand» machten sich bemerkbar. «Ich stelle mir schon hin und wieder die Frage, was wird, wenn ich nicht mehr sprühen kann», sagt Tasso nachdenklich. Als Plan B könne er sich derzeit nur das Schreiben von Büchern vorstellen.

Zum Geburtstag macht sich der Künstler das größte Geschenk selbst: In einer Art Reisetagebuch lässt er seine Erinnerungen Revue passieren. Nur 500 Stück druckte Tasso dafür im Eigenverlag unter dem Titel «Am Ende fehlt doch immer was». Die ersten 100 Exemplare enthalten ein Stück Leinwand, auf der sich der Sprayer selbst verewigte.

Website Tasso

Galerie Hier und Jetzt

Kunstmesse Stroke

ibug

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erstellt am 22.Jul.2016 | 23:59 Uhr

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