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Kultur

06. Dezember 2016 | 09:19 Uhr

ARD-Film „Terror - Ihr Urteil“ : TV-Zuschauer als Schöffen: War das eine gute Idee?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Deutschland streitet über das Justizdrama „Terror - Ihr Urteil“. War es ein großes Kino oder unrealistische Kost? Ein Pro und Kontra.

Pro: ARD schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe (von Julian Heldt)

Sieben Millionen begeisterte Zuschauer, mehr als 600.000 Teilnehmer beim anschließenden Voting und ein riesiges Medienecho – die ARD hat mit ihrem interaktiven Justizdrama „Terror“ neue TV-Standards gesetzt. Pünktlich zur Prime-Time, wo sonst Sendungen wie „Tierärztin Dr. Mertens“ oder „Hirschhausens Quiz der Menschen“ für eher leichtere Abend-Unterhaltung sorgen, fesselte das Erste sein Publikum mit der hochpolitischen Frage, ob ein Bundeswehrpilot eigenmächtig ein von Terroristen gekapertes Flugzeug mit 164 Passagieren abschießen darf, um so größeren Schaden zu verhindern (hier geht es zur Rezension). Darf er, entschieden die Schöffen an den Bildschirmen mit großer Mehrheit und sprachen Lars Koch vom Vorwurf des Mordes frei.

„Muss so etwas im deutschen Fernsehen sein?“, fragen nun die Bedenkenträger. Ja, lautet die Antwort. Aus mehreren Gründen: Die öffentlich-rechtlichen Sender stecken seit Jahren in der Krise. Ihr Publikum veraltet und ihre Glaubwürdigkeit schwindet. Gleiches gilt für die Politik, der immer größer werdende Teile der Bevölkerung nur noch mit Verachtung begegnen. Vor diesem Hintergrund ist es der ARD gelungen, mit ihrem Straßenfeger „Terror“ zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Sie hat es geschafft, die Zuschauer für eine hochsensible Grundsatzfrage zu politisieren und eine bundesweite Debatte anzustoßen. Gleichzeitig präsentiert sich das Erste als moderner Sender, der es verstanden hat, dass das TV-Publikum heutzutage mehr will, als nur mit einer Tüte Chips auf dem Sofa zu liegen und sich berieseln zu lassen. Es will hin und wieder auch mitbestimmen. „Terror“ war deshalb ganz großes Kino.

Kontra: Rechtsprechung wird zum interaktiven Schauspiel (von Bernd Ahlert)

Zugegeben: Der Fernsehfilm „Terror – Ihr Urteil“ war beste TV-Kost. Ein spannend aufbereitetes Gerichtsverfahren, bei dem der Zuschauer gefesselt vor dem Bildschirm sitzt – bloß kein Argument von Staatsanwältin und Verteidiger verpassen. Denn: Am Ende soll der Zuschauer als Richter über Schuld oder Unschuld entscheiden. Nur: Mit der Realität eines Strafprozesses an deutschen Gerichten hatte das Geschehen in dem Film wenig bis gar nichts zu tun. Fast sieben Millionen juristische Laien verfolgten ein Verfahren, bei dem es weniger um Rechtsprechung nach den Buchstaben des Gesetzes ging. Nicht Paragrafen, sondern die moralische Frage stand im Raum: Darf ein Mensch in einer Extremsituation eigenverantwortlich über Leben und Tod Dritter entscheiden? Darf er ungestraft Unschuldige töten, um bei einem Terrorangriff eine größere Zahl an Toten zu verhindern? Folge: Nicht juristische Maßstäbe, sondern das Bauchgefühl der Zuschauer entschieden bei der Urteilsfindung. Entsprechend das Resultat: 87 Prozent der TV-Laienrichter votierten für unschuldig. Dabei würde der Pilot in der Realität mit hoher Wahrscheinlichkeit schuldig gesprochen – weil vor Gericht weder Moral noch Bauchgefühl für das Urteil ausschlaggebend sind, sondern einzig das Gesetz. Dieses TV-Format mag für Zuschauer faszinierend und verführerisch sein – wer richtet nicht gern über andere? Aber es degradiert die Rechtsprechung zu einem interaktiven Schauspiel. Es suggeriert, Gerichtsurteile könnten rechtsfreie richterliche Entscheidungen sein. Das ist anmaßend.

 
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erstellt am 19.Okt.2016 | 08:45 Uhr

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