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Kultur

10. Dezember 2016 | 21:41 Uhr

Geschichte : Text der Nationalhymne wird 175 Jahre alt

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August Heinrich Hoffmann von Fallersleben hatte das anders vorgesehen: «Blüh im Glanze dieses Glückes» dichtete er am 26. August 1841 auf Helgoland. Mit «Brüh im Lichte dieses Glückes» machte Sängerin Sarah Connor 2005 versehentlich ihre eigene Version daraus.

Vor den Zuschauern in der Münchner Allianz Arena und am Fernseher verpatzte sie die vorletzte Zeile der deutschen Nationalhymne. Nun gibt es Texthänger und Pannen beim Singen der Hymne zwar auch in anderen Ländern. Die Szene hat dennoch etwas Sinnbildhaftes, denn leicht hatte es die heutige deutsche Nationalhymne in den 175 Jahren seit ihrer Entstehung nicht.

Während die Franzosen längst zur «Marseillaise» marschierten und die Engländer dem König mit «God Save the King» huldigten, blieb es im zersplitterten Deutschland in diesem Punkt erst einmal lange still. Das erlebte auch Hoffmann von Fallersleben, benannt nach seinem Geburtsort, einem heutigen Stadtteil von Wolfsburg in Niedersachsen. Als er 1841 mit dem Schiff von Hamburg nach Helgoland fuhr, wurden die französischen und englischen Passagiere mit den jeweiligen Liedern begrüßt, für die Deutschen gab es nichts Vergleichbares. Also machte sich der Dichter selbst ans Werk. «Fallersleben griff dabei auf die Melodie von Joseph Haydn zurück, die damals schon sehr populär war», erklärt Musikwissenschaftler Hartmut Fladt.

Die Ironie dabei: Obwohl der Text ein Plädoyer für bürgerliche Freiheit und ein geeintes Deutschland war, wurde er Haydns «Gott erhalte Franz den Kaiser» - ein Lobgesang auf einen Monarchen - übergestülpt. «Es war sicherlich eine ganz bewusste Entscheidung, diese Melodie zu verwenden und inhaltlich gegen den Strich zu bürsten», erklärt Eckhard John vom Freiburger Zentrum für Populäre Kultur und Musik.

So entstand die deutsche Hymne, die jedoch zunächst nicht als solche genutzt wurde. Von den liberalen Ideen des Dichters wollten die deutschen Regierungen im zersplitterten Deutschland nichts wissen. Er galt wegen seiner Einstellung als politisch gefährlich und hatte nicht in allen deutschen Ländern ein Aufenthaltsrecht.

Offiziell zur Hymne wurde sie erst 1922 durch Reichspräsident Friedrich Ebert ernannt. Kritikern ging der imperialistische Text mit den Zeilen «Von der Maas bis an die Memel, Von der Etsch bis an den Belt» schon damals zu weit. Genau auf diesen Teil konzentrierten sich jedoch ab 1933 die Nationalsozialisten, welche die zweite und dritte Strophe strichen und die erste mit dem Horst-Wessel-Lied, der NSDAP-Parteihymne, kombinierten. «Das war ein Missbrauch des Liedes und ein völliges Missverständnis dessen, was Haydn und Hoffmann wollten», meint Fladt.

Dieser Missbrauch belastet das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Hymne bis heute. «Die Auseinandersetzung damit ist noch nicht abgeschlossen», sagt Fladt.

Der erste Bundespräsident Theodor Heuss hätte das Lied gerne vergessen gemacht. Doch Bundeskanzler Konrad Adenauer machte sich für das Lied stark. 1952 einigte man sich darauf, bei staatlichen Anlässen nur die dritte Strophe zu singen. «Die Hymne blieb in der alten BRD allerdings ohne breite Akzeptanz, sie war vielmehr ein ständiger Zankapfel, dessen nationaler Repräsentationsstatus kontinuierlich angefeindet und in Frage gestellt wurde», meint John.

Als Heino Ende der Siebzigerjahre alle drei Strophen des Deutschlandlieds einsang, löste er damit Protest aus. Auch zu sportlichen Großereignissen, ob Fußball-WM oder Olympia, wird bis heute viel über die Hymne diskutiert. In Berlin gibt es ein antinationales Public Viewing, wo der Ton während der Nationalhymne abgestellt wird. Insgesamt beobachtet John jedoch einen zunehmend entspannten Umgang mit der Hymne. «In der Diskussion beim Sport geht es eher um den Umgang mit nationalen Symbolen als um den politischen Inhalt der Hymne», erklärt er.

Die von vielen als Wendepunkt im nationalen Bewusstsein bezeichnete Fußball-WM 2006 in Deutschland sieht John als Kristallisationspunkt dessen, was sich als neue Entwicklung schon seit den Neunzigerjahren abgezeichnet habe: «Die deutsche Nationalhymne ist heute eine Hymne wie andere auch. Sie ist sozusagen zum Normalfall geworden, und hat wohl erstmals in ihrer Geschichte eine relativ breite demokratische Verständnis-Grundlage entwickelt.»

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erstellt am 25.Aug.2016 | 15:58 Uhr

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