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Kultur

11. Dezember 2016 | 07:14 Uhr

Gerichtsdrama im Ersten : „Terror - Ihr Urteil“: So haben die TV-Zuschauer geurteilt

vom

Darf ein Soldat töten, um Leben zu retten? Die ARD überließ diese Frage dem Publikum. Das hatte eine klare Meinung.

​Gerichtssäle sind Stätten voller Kontraste. In ihrer Schlichtheit wirken sie meist kühl, sogar abweisend. Im Gegensatz dazu sind sie Orte verschiedenster Emotionen. Mal bricht ein Opfer in Tränen aus, weil es als Zeuge von seinem Leid berichtet. Dann wieder lachen Zuhörer über die Einlassungen eines Angeklagten. Oder sie schütteln angeekelt den Kopf ob seiner Ausflüchte und zweifelhaften Rechtfertigungen.

Exakt diesen Gegensatz, aber auch, wie schwierig Wahrheitssuche und Rechtsfindung sein können, vermittelte die am Montagabend in der ARD ausgestrahlte Filmversion von Ferdinand von Schirachs Gerichtsdrama „Terror“. Es ist momentan das am meisten aufgeführte Theaterstück Deutschlands. Regisseur Lars Kraume legte die Szene bewusst in einen grauen, nüchternen Saal, der ungeachtet einer großen Fensterfront im Rücken der Richterbank mit viel künstlichem Licht ausgeleuchtet werden muss.

Es geht um die Grundfeste der Republik

Durch die Fensterscheiben ist der Berliner Reichstag zu sehen. Das ist natürlich Absicht. Es soll signalisieren: Bei dieser Urteilsfindung geht es um die Grundfeste der Republik und die Folgen der Gesetzgebung des Bundestages, der im alten Reichstagsgebäude zu Hause ist. Ansonsten spielt die Außenwelt in dem Film keine Rolle. Lediglich am Anfang ist ein Flugzeug am fast wolkenfreien Himmel zu sehen. Dazu sind Funksprüche, Geschrei und Nachrichten über den Abschuss eines voll besetzten Passagierjets.

​Danach eröffnet der Vorsitzende Richter, gespielt von Burghart Klaußner, die Verhandlung. Die von Martina Gedeck verkörperte Staatsanwältin verliest ihre Anklageschrift. Wer das Theaterstück nicht kennt, erfährt nun das ganze Ausmaß des Dramas: ​Ein islamistischer Terrorist kapert eine mit 164 Menschen besetzte Maschine der Lufthansa und zwingt die Piloten, Kurs auf München zu nehmen. Sie sollen den Ferienflieger in ein mit 70.000 Menschen gefülltes Stadion stürzen lassen.

Doch gegen den ausdrücklichen Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der deutschen Luftwaffe das Flugzeug ab, niemand überlebt. Die Menschen im Münchner Stadion aber sind alle gerettet. Der Todesschütze muss sich wegen Mordes in 164 Fällen ​vor Gericht verantworten. Die Frage lautet: Durfte er 164 unschuldige Menschen töten, um 70.000 unschuldige Menschen zu retten? Das Besondere daran: Die Zuschauer der ARD durften – wie die in allen bisherigen Theateraufführungen des Stücks – in die Rolle der Schöffen schlüpfen und elektronisch auf „schuldig“ oder „nicht schuldig“ plädieren. Ihr Urteil? Eindeutig: 86,9 Prozent votierten für „nicht schuldig“, 13,1 für „schuldig“.

Mord oder doch ein Akt von Notstand?

​​​Wer ein Urteil fällen wollte, musste aufmerksam zuhören. Wer die Sache ernst nahm und nicht nur nach Bauchgefühl votierte, erlebte, wie schwer es ein Gericht hat, das sich noch dazu an eine maßgebliche Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts halten muss, das den Abschuss besetzter Passagiermaschinen vor einem Jahrzehnt verboten hatte.

Unter Verweis auf Artikel 1 des Grundgesetzes, der die Würde des Menschen für unantastbar erklärt, argumentierten sie, es sei „unvorstellbar, unschuldige Menschen, die sich in einer für sie hoffnungslosen Lage befinden, vorsätzlich zu töten“. War es also Mord oder doch ein Akt von Notstand, auf den sich der Pilot (Florian David Fitz) und sein Anwalt (Lars Eidinger) berufen?

Der Film schafft es tatsächlich, die Atmosphäre einer Gerichtsverhandlung sehr wohl in die Wohnzimmer zu bringen. Dramaturgisch geschickt: Die Zuhörer auf den Zuschauerplätzen im Saal sind die ganze Zeit stumm. Nur an ihrer Mimik und ihrem Verhalten ist stets abzulesen, was sie denken und fühlen. Unter ihnen sind zwei Frauen, die Gattin und (vermutlich) die Mutter des Beschuldigten.

Verzicht auf alle Raffinessen und Übertreibungen

Ansonsten lassen Regisseur und Autor nur die direkt Prozessbeteiligten sprechen. Die Filmemacher achteten strikt darauf, die Rollen gleich zu verteilen, um sozusagen ihre Neutralität zu wahren, was allerdings nicht immer gelang. Der Pilot wird zu sehr als seelen- und eher gefühlsloser Mensch dargestellt, als ein Automat, der nach kühler Abwägung eine Passagiermaschine vom Himmel geholt hat. Seine offenbar spärlichen Emotionen bezeichnet er als „Innereien“. Er berichtet wie ein Technokrat von dem Abschuss. Einmal stoppt der Richter seine Ausführungen, weil er sie nicht länger ertragen kann.   

Regisseur Kraume, der auch am Drehbuch mitschrieb, verzichtete bewusst auf alle Raffinessen und Übertreibungen. Die Schauspieler waren damit sehr begrenzt in ihren Möglichkeiten. Dafür kommen sie umso glaubwürdiger rüber. Lediglich einmal gestattete sich der Filmemacher einen „überraschenden“ Kamerzoom auf den Angeklagten, als ihm die Staatsanwältin die Frage stellte, die da kommen musste: „Hätten Sie geschossen, wenn Ihre Frau und Ihr Sohn an Bord gewesen wären?“ Der Pilot fragt erstaunt: „Was?“ Dramaturgisch macht das Sinn. Glaubwürdig ist das entgeisterte Staunen nicht. Dass sich der Mann diese Frage in Monaten U-Haft nicht gestellt hat oder sie ihm nie gestellt worden ist, erscheint weit hergeholt.

Ähnlich verhält es sich mit einer Szene, die den Anspruch durchkreuzt, die Fiktion so real wie nur möglich abzubilden. Plötzlich wird ein Zeuge (Rainer Bock), ein Vorgesetzter des Piloten, selbst zum Angeklagten. Die Staatsanwältin bringt plötzlich zur Sprache, dass es keinen Befehl gab, das Münchner Stadion zu räumen. Der Zeuge muss sich nun für etwas verantworten, für das er wohl nichts kann. Selbst der Richter schaut überrascht ob der Erklärung der Anklägerin. Auch das ist dramaturgisch nachvollziehbar. Doch glaubt ernsthaft jemand, dass diese wichtige Frage erst in der Hauptverhandlung aufkommen würde?

Freisprüche: 491, Schuldsprüche: 37

Und dennoch: Tatsächlich schaffen es Schirach und Kraume zu vermitteln, wie schwierig Rechtsfindung ist oder zumindest sein kann. Staatsanwältin und Verteidiger bringen in ihren Plädoyers Argumente vor, die ihre Haltung jeweils überzeugend untermauern. Das hinterlässt Eindruck. ​Die​ Fernsehzuschauer folgten entpsrechend klar der Verteidigung. Damit liegen sie im Trend. Nach Angaben der Website zu „Terror“ endeten 93 Prozent sämtlicher Aufführungen bisher mit einem Erfolg des Rechtsanwaltes. Aktuell wird dort das Verhältnis von Frei- zu Schuldsprüchen mit 491 zu 37 angegeben.

Doch zwischen Rechtsempfinden und -sprechung liegen in der Realität Welten. Nicht immer sind Urteile gerecht, nicht immer sorgen sie für Gerechtigkeit – und auch nicht für Klarheit. Denn was, wenn ein abgeschossenes Flugzeug in das Zentrum einer Kleinstadt vor den Toren Münchens krachen würde? Würde dann nicht ganz Deutschland diskutieren, ob man den Terroristen nicht hätte überrumpeln können? Immerhin konnte der Pilot beim Abschuss nicht wissen, ob just in der Sekunde, wo er die Rakete abfeuerte, der Terrorist von besonnenen Männern überwältigt worden ist. Was würde die Staatsanwältin sagen, säßen ihre Eltern oder Kinder in der Maschine?

Wer möchte schon solche Fragen beantworten. Es ist viel besser, die Sicherheitsbestimmungen an Flughäfen immer weiter zu verfeinern und – wenn nötig – zu verschärfen sowie Ermittlern und Staatsschützern das Rüstzeug an die Hand zu geben, dass ein solches Wahnsinnsszenario möglichst niemals ernst wird. Hoffen wir also das Beste. Und die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Autor Ferdinand von Schirach: „Es gibt nur den schuldigen Helden“

Ist der Kampfpilot ein Held, wenn er das Flugzeug abschießt, ein Held? Ferdinand von Schirach, der Autor des verfilmten Stücks findet: sowohl als auch. Der Soldat habe mit seiner Entscheidung zwar viele Leben gerettet, es gebe „aber nur den tragischen, den schuldigen Helden, nie den glücklichen“, sagte von Schirach in einem Interview der „Bild“-Zeitung vom Dienstag. „In unserem Fall hieße das: Abschuss und anschließend lebenslänglich ins Gefängnis.“

Von Schirachs Stück war zuvor bereits mehr als 400 Mal im Theater aufgeführt wurde. Auch dort stimmte bisher bei der Mehrheit der Aufführungen das Publikum für Freispruch. In der Realität wäre der Pilot wohl verurteilt worden, vermutet von Schirach. „Völlig zu Recht.“

„Es gibt kein Richtig“: Die Reaktionen bei Twitter

Unter dem Hashtag #TerrorIhrUrteil diskutierten die Fernsehzuschauer auch im Netz den gezeigten Fall. Außerdem gab es Lob und Kritik für das Format.

 

Sie haben den Film verpasst? In der ARD-Mediathek kann man ihn sich weiterhin ansehen.

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erstellt am 17.Okt.2016 | 22:22 Uhr

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