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Kultur

07. Dezember 2016 | 17:21 Uhr

Literatur : Strittmatter junior erinnert sich an den Schulzenhof

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Wer hinter die Kulissen von deutschen Künstler- und Schriftstellerfamilien blickt, kann sich meist dem selbstkritisch-ironischen Fazit von Thomas Mann über seinen eigenen Familienclan kaum verschließen: «Einen Knacks hat jeder.»

Der Publizist und Satiriker Karl Kraus hat das Thema allgemeiner gefasst: «Das Wort 'Familienbande' hat einen Beigeschmack von Wahrheit.» Das neueste Beispiel für diesen Wahrheitsgehalt liefert nun ein Spross der berühmten ostdeutschen Schriftstellerfamilie Eva und Erwin Strittmatter («Der Laden», «Der Wundertäter»).

Erwin junior, der sich vorsorglich als Schauspieler und Autor schon frühzeitig den Künstlernamen Erwin Berner zulegt, hat seine bitteren «Erinnerungen an Schulzenhof» und an seine Kindheit und Jugend veröffentlicht. Sie lesen sich streckenweise bei aller Subjektivität nicht ohne Erschütterung. Da ist von einer «missratenen Kinderzeit», von Lebenslügen, Kränkungen, Ängsten vor dem eigenen, zum Jähzorn neigenden Vater, von Schauspielereien und Fremdsein im Elternhaus und von Brüder-Eifersüchteleien und Konkurrenzen die Rede.

Der idyllische Schulzenhof, ein Pferdegehöft im Brandenburgischen in der Nähe von Rheinsberg und Gransee, erscheint als eine wahre Thomas-Bernhard-Schlangengrube, als ein Hort der ständig Gekränkten und Übelnehmer und Intriganten nach innen - nach außen war Schulzenhof ein jahrzehntelanger begehrter und renommierter Treffpunkt der Kulturelite der DDR, von Hermann Kant bis Peter Schreier und Benno Besson.

Diese hatte Vater Strittmatter, der Anfang der 50er Jahre noch mit Bertolt Brecht am Berliner Ensemble zusammenarbeitete («Katzgraben»), lieber um sich als seine Familie, die im Haus nur auf Zehenspitzen laufen und die Türen nur geräuschlos schließen durfte, wenn der Meister dichten wollte.

Am Mittagstisch hatte in der Regel nur der Hausherr selbst was zu sagen oder wenigstens das Wort zu führen. «Wir Kinder konnten am Tisch sitzen - Vater nahm uns nicht wahr.» Aber wehe, wenn zu viel geschwiegen wurde, aus lauter Angst, etwas Falsches zu sagen: «Ich dulde nicht, daß in meinem Haus gegen mich geschwiegen wird.» In der Familie von Thomas Mann ging es den Überlieferungen zufolge nicht viel anders zu.

«Als Schriftsteller, ja - als Mensch, nein!» sagt der Sohn zur Mutter über seinen Vater. Aber auch Mutter und Sohn verkehrten zeitweise miteinander «wie Fremde», erinnert sich Erwin junior. «Ich fing an zu frösteln», der Sohn fühlte sich als «Gast im Elternhaus», sogar «überflüssig, nutzlos». Schließlich muss er auch noch erfahren, dass er eigentlich ein ungewolltes Kind ist, er sollte abgetrieben werden. Trotz allem, die Mutter tat ihm leid, «nicht nur, weil sie Vaters Egoismus gefördert hatte», sie litt auch zunehmend unter der Ehe und der Einsamkeit in Schulzenhof (wo sie ursprünglich nicht hin wollte), wo sich der Hausherr nur um seine Bücher und Pferdezucht kümmerte. «Längst sah sie ihr Leben mit Vater kritisch.»

In ihren literarischen «Briefen aus Schulzenhof» zitierte Eva Strittmatter den Maler Picasso: «Die meiste Zeit vergeudet man damit, zu halten, was man längst verloren hat.» Schließlich steht der «ungewollte Sohn», dessen Homosexualität der Vater nie akzeptiert hat, an Vaters Grab und sagt über Erwin Strittmatter senior: «Er schrieb, schuf SEIN Werk, und die Familie zahlte dafür einen hohen Preis.» Das hat man wohl so oder ähnlich auch bei anderen Künstlerfamilien schon gelesen, nicht zuletzt bei Thomas Mann, über den der «Wundertäter»-Autor und Brecht-Mitarbeiter Strittmatter im hohen Alter sagte: «Wüsste Brecht, daß mir heute Thomas Mann nähersteht, so würde es ihn ärgern.»

Eva Strittmatter war 1953 während der Proben mit Brecht zu Strittmatters Theaterstück «Katzgraben» schwanger, mit Erwin junior. Der Sohn begegnet sich später «schreibend als jemand wieder, der ich nicht gewesen sein möchte», wie er in seinen Erinnerungen immer wieder oder so ähnlich psychologisierend sinniert und dabei auch nicht mit bedeutungsschweren Metaphern spart («So gehen Königreiche zugrunde»). Streckenweise verliert sich der Autor auch in allzu kleinteilige Familien- und Alltagsquerelen, die sich so oder ähnlich in Tausenden Familien zutragen und der Leser sich manchmal fragt, ob er das wirklich bis in die Details alles wissen will.

Aber das Gesamturteil bleibt jedem Leser selbst überlassen. Erwin Berner alias Strittmatter hat sich offenbar schreibend befreit oder es wenigstens versucht. Und er stellt sich auch selbst die Frage: «Habe ich das Recht, all das aufzuschreiben?» Er will sich nicht rächen, wie er betont. «Ich will notieren, wie es war. Wie es für mich war.» Der Sohn hat schließlich eine einfache Antwort auf die selbstgestellte Frage: «Meine Eltern haben das Ihre zum Schulzenhofer Leben gesagt, und also sage ich das Meine. So einfach ist es - und so schwer.»

- Erwin Berner: Erinnerungen an Schulzenhof. Aufbau Verlag, Berlin, 272 Seiten, 22,95 Euro, ISBN 978-3-351-03615-7.

Erinnerungen an Schulzenhof

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erstellt am 26.Apr.2016 | 14:52 Uhr

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