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Kultur

05. Dezember 2016 | 03:35 Uhr

Unbekannte Briefe aufgetaucht : Stefan Zweig in neuem Licht

vom

Stefan Zweig hat bis zur Machtergreifung der Nazis jahrelang mit einem jungen jüdischen Autor korrespondiert. Die bisher unbekannten Briefe sind jetzt mehr als 70 Jahrzehnte nach seinem Tod aufgetaucht.

Jahrzehntelang lagern die wertvollen Briefe in einem Banksafe südlich von Tel Aviv. Geschrieben hat sie Stefan Zweig, einer der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Sie sind adressiert an einen aufstrebenden jüdischen Autor, Hans Rosenkranz.

Jetzt hat Israels Nationalbibliothek die bisher unbekannte Korrespondenz - 26 handschriftliche Briefe und sechs Postkarten - erstmals veröffentlicht. Sie wirft nach Angaben der Jerusalemer Einrichtung neues Licht auf Zweigs (1881-1942) Ansichten zu Literatur, Judentum, Zionismus und dem Aufstieg der Nazis. Gestiftet hat sie Rosenkranz' 92-jährige Stieftochter, Hanna Jacobsohn.

Wie kam es zu der späten Schenkung und warum hat die alte Dame, die allein mit zwei Katzen in einer Wohnung südlich von Tel Aviv lebt, so lange damit gewartet? «Ich habe mein Vermächtnis geschrieben und bestimmt, dass die Briefe nach meinem Tod an die Nationalbibliothek gehen sollen», erzählt Jacobsohn der Deutschen Presse-Agentur. «Meine Rechtsanwältin fragte: «Warum erst nach dem Tod? Warum nicht jetzt?» Und sie hatte eigentlich Recht, dachte ich mir.»

Jacobsohn nimmt deshalb Kontakt mit dem deutschen Archivar Stefan Litt auf, der in der Jerusalemer Bibliothek für Zweig-Dokumente zuständig ist. Dieser reagiert hocherfreut: «Natürlich hatten wir großes Interesse», sagt Litt.

Der in Königsberg geborene Hans Rosenkranz ist erst 16 Jahre alt, als er dem erfolgreichen jüdisch-österreichischen Autor Zweig zum ersten Mal schreibt. Er bittet ihn um Rat, wie er auch Schriftsteller werden könnte. Und bekommt ihn auch. Bis 1933 bleiben Rosenkranz und Zweig in Kontakt, bis kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Die beiden treffen sich auch einige Male, und Zweig verweist mehrere Autoren an Rosenkranz, als dieser einen Verlag eröffnet hat.

Doch trotz der guten Ratschläge und sogar finanzieller Unterstützung Zweigs schafft es Rosenkranz nicht, seine literarischen Ambitionen umzusetzen. Anfang der 1930er Jahre heiratet er Lily Hyman, die aus einer ersten Ehe bereits eine kleine Tochter hat - Hanna. «Nach der Machtergreifung Hitlers sagte mir mein Stiefvater - für die Juden ist das Leben in Deutschland vorbei», erzählt Hanna. «Am 23. Dezember 1933 kamen wir in Palästina an, einen Tag vor Weihnachten.»

Als die Nationalsozialisten seine Bücher verbieten, geht auch Zweig ins Exil - erst nach London, dann nach Brasilien. Das Gefühl der Fremde, des Verlusts von Heimat und Sprache machen ihn jedoch zunehmend depressiv. 1942 nimmt er sich gemeinsam mit seiner zweiten Frau Lotte das Leben. Seine Geschichte erzählt Regisseurin Maria Schrader in dem Film «Vor der Morgenröte» (2016), der für Österreich ins Rennen um den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film geht.

Zweigs Freund Rosenkranz kämpft während des Zweiten Weltkriegs in der britischen Armee in Italien. Nach dem Krieg trennt er sich von Hyman, ändert seinen Namen in Chai Ataron und arbeitet als Journalist. Doch auch er wird nicht glücklich in seiner neuen Heimat: 1956 begeht Rosenkranz Suizid - 14 Jahre nach Zweig.

«Ich habe Hans Rosenkranz sehr geliebt», erzählt die 1926 in Berlin geborene Jacobsohn. «Als meine Mutter und er sich trennten, blieben die Briefe bei ihr. Nach ihrem Tod gingen sie an mich.» Jacobsohn ist 25 Jahre Offizierin bei der israelischen Polizei, später wird sie Dozentin für jüdische Geschichte. «Ich habe nie daran gedacht, die Briefe zu verkaufen», sagt sie.

Zweig gibt dem jüngeren Autor in den Briefen Lebensratschläge und warnt schon früh vor dem erstarkenden Antisemitismus: «Wenn ich etwas Ihnen wünschen darf so wäre es, ein Stück Ihrer Jugend ausserhalb Deutschlands zu verleben, in einem Lande, wo man das jüdische Problem nicht so ständig auf den Nägeln brennen hat wie bei uns», schreibt Zweig 1921. «Ich habe Jahre im Ausland gelebt, wo niemand nach der Rasse fragte - als ich zurückkam, war das Problem plötzlich vor mir da und forderte mich ganz.»

Er rät ihm, seine jungen Jahre zu nutzen: «Lernen Sie jetzt nur Sprachen! Das ist der Schlüssel zur Freiheit: wer weiss, vielleicht wird Deutschland und Europa so dumpf, dass der freie Geist darin nicht wird atmen können. Denken Sie an die Welt, wie weit sie ist!»

Litt findet es «bemerkenswert, dass Zweig die gefährlichen Entwicklungen in Deutschland schon so früh erkannt hat». Das Judentum entfalte kulturell eine «produktive Kraft, eine Blüte wie seit Jahrhunderten nicht», schreibt Zweig etwa zwölf Jahre vor der Machtübernahme der Nazis. «Mag sein, es ist das Aufschiessen der Flamme vor dem Untergang, mag sein, es ist nur ein Flackern im Stürzen vom Welthass - immerhin, das Judentum hat jetzt eine lebendige Stunde mit allen ihren Gefahren.»

Stefan Zweig Centre

Israels Nationalbibliothek

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erstellt am 13.Nov.2016 | 11:05 Uhr

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