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Kultur

24. März 2017 | 03:17 Uhr

Eröffnungskonzert : SHMF 2016: Ein gelungener Auftakt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Eröffnungskonzert weckt die Vorfreude auf acht Wochen Schleswig-Holstein Musik Festival.

Lübeck | Das Jubiläumsspektakel ist eröffnet. Mit der „Oxford“-Sinfonie von Joseph Haydn, dem in diesem Sommer die Komponisten-Retrospektive gewidmet ist, starteten Thomas Hengelbrock und das NDR Elbphilharmonie Orchester das Schleswig-Holstein Musik Festival. Das wird in diesem Sommer 30 Jahre alt. Eine der ersten Gratulanten war gestern bei der offiziellen Eröffnung und am Abend zuvor beim üblichen Voreröffnungskonzert die französische Mezzosopranistin Marianne Crebassa; ihr Geschenk: ein betörend vorgetragenes „Berenice, che fai“. Musikalisch ein Fest vom Feinsten, bei dem Hengelbrock im zweiten Teil Béla Bartóks Konzert für Orchester kredenzte. Gewöhnungsbedürftig war dagegen mit der Rotunde der Musik- und Kongresshalle (MuK) die Örtlichkeit.

Wahr oder nicht: Joseph Haydns G-Dur-Sinfonie Hob. I:92 soll den Beinamen „Oxford“ tragen, weil sie angeblich bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde an ihren Komponisten 1791 in Oxford zu hören gewesen sei. Gesichert ist das nicht. Sicher ist hingegen, dass die „Oxford“-Sinfonie ein grandioses Beispiel für die Grazie der Haydn-Kompositionen ist, mit der er bei seiner ersten England-Reise das Insel-Publikum im Sturm eroberte: Die pure, in Noten gefasste Lebensbejahung springt den Zuhörer da an, Hengelbrock zeigt die filigran geformten Stimmungsfarben der vier Sätze. Und wie es seine Art ist, erzählt er mit dem Programm eine Geschichte, in diesem Fall die des Triumphs, mit dem Haydn, der bis zur ersten Englandreise die meiste Zeit seines Lebens in der österreichischen oder der ungarischen Provinz verbracht hatte, London eroberte. Warum man ihm nicht nur zu Hause, sondern auch in der Weltstadt zu Füßen lag – Hengel-brock bringt es zu Gehör. Man möchte ihn wie weiland die Briten den Komponisten nötigen, das Adagio zu wiederholen, aber diese enthusiastischen Zeiten sind vorbei und es wartet ja auch das raffinierte Menuett, das pfeffrige Finale – und vor allem Marianne Crebassa mit einem Gesangsstück, das Haydn während seiner zweiten London-Reise 1795 komponierte und aufführte. „Berenice, was tust du? Dein Geliebter stirbt“, heißt es zu Beginn in der Übersetzung aus dem Italienischen. Eine virtuos konstruierte Tragödie, vorgetragen von einer hervorragend aufgelegten Sängerin, die mit ihrem Mezzo eine Brücke zurück zur Uraufführung in London schlug: Das gedeckte Sopran-Timbre der italienischen Sopranistin Brigida Giorgi Banti habe gut zum klagenden Grundcharakter der Szene gepasst, heißt es. Stimme, Stimmung, Gestik – bei Crebassa passte schlichtweg alles, und man hätte mit ihr komplett in der wunderbaren Haydn-Welt versinken mögen, wenn die MuK-Rotunde nicht gewesen wäre.

Die ist wie geschaffen für Messe, Empfang mit Labskausessen, Public Viewing. Doch seit der große MuK-Konzertsaal ein Sanierungsfall und damit bis auf weiteres gesperrt ist, findet hier auch Sinfonisches statt. Zugegeben: Gemessen daran, dass ohne Rotunde ein Eröffnungskonzert in Lübeck kaum möglich wäre und vor allem gemessen an dem, was den Besucher da bis zur SHMF-Eröffnung als Provisorium geradezu ansprang, zeigte sich der Ort prachtvoll. Eine Bühne hebt die Musiker über die Stuhlreihen, die Rundumverglasung ist abgehängt und von den Außengeräuschen hört man fast nur noch, wenn Regen aufs Dach trommelt. Was die Klangqualität angeht, bleibt es aber eine Notunterkunft, in der vor allem das Bartók-Konzert sein akustisches Siechtum erlebte. Aber eben besser als gar nichts.

Freuen darf man sich auf acht Wochen Festival und vor allem auf Joseph Haydn. Nächste Haydn-Station ist morgen Schloss Reinbek mit sechs Sonaten und Caspar Frantz am Klavier.

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erstellt am 04.Jul.2016 | 06:45 Uhr

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